Google investiert: Österreichische Medien skeptisch

28. April 2015, 12:10
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ORF-Chef Wrabetz: "Angebot auf Augenhöhe" oder nur "ein paar Glasperlen" - EU-Kommission soll Wettbewerbsverfahren gegen Google fortsetzen

Mountain View/Wien - Der Internetkonzern Google will in den nächsten drei Jahren 150 Millionen Euro ausgeben, um Innovationen im digitalen Journalismus in Europa zu fördern und damit sein angespanntes Verhältnis zur Medienbranche verbessern. Der ORF und der Verband Österreichischer Zeitungen (VÖZ) reagierten auf Googles Ankündigung am Dienstag skeptisch bis kritisch.

Google-PR-Budget

Angesichts eines "zweistelligen Milliardenbetrags, den Google an Werbung aus Europa abzieht", zeigte sich ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz von "150 Millionen an einige ausgewählte Verlage" aus dem Google-PR-Budget wenig beeindruckt. Man müsse erst abwarten "ob das ein Angebot "auf Augenhöhe ist, oder ob da nur ein paar Glasperlen an Einzelvertreter lokaler Eliten verteilt werden". Er schätze durchaus, was Google zur medialen Entwicklung in den letzten Jahren beigetragen habe. "Es wäre absurd das zu verdammen. Es muss nur Regeln geben, und man darf das nicht dem Spiel der feien Kräfte überlassen", meinte der ORF-Chef im Hinblick auf das EU-Verfahren gegen Google.

Reaktion auf das Wettbewerbsverfahren

Beim Verband Österreichischer Zeitungen sieht man im Google-Projekt eine Reaktion auf das Wettbewerbsverfahren der Europäischen Kommission. "Das Wettbewerbsverfahren von EU-Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager gegen Google und die Ankündigung von Digital-Kommissar Günther Oettinger, einen Vorschlag für ein europäisches Leistungsschutzrecht vorzulegen, zeigen Wirkung", betonte VÖZ-Geschäftsführer Gerald Grünberger gegenüber der APA.

Lösung bevorzugt

"Google hat diese neue Strategie offenbar bei den Römern nachgeschlagen: Nach dem Leitspruch 'Teile und Herrsche' pickt sich der Konzern ein paar renommierte Medien für Kooperationen heraus und meint, so die Forderung nach fairen Marktbedingungen vom Tisch zu bekommen. Die Mehrheit der europäischen Medien, die auf einen fairen Rechtsrahmen für die digitale Welt bauen, schaut weiterhin dabei durch die Finger, wenn Google ihre Inhalte nutzt, um damit Geld zu verdienen", so Grünberger. Für Europas digitale Wirtschaft sei jedenfalls eine Lösung zu bevorzugen, die auf einer rechtlichen Basis steht und nicht vom Wohlwollen Googles abhängig ist.

Werbemarkt zieht 150 bis 180 Millionen Euro ab

"Gerade für kleinere Länder wie Österreich ist es essenziell, dass es einen verbindlichen Rechtsrahmenin der digitalen Welt gibt. Denn kleinere Nationen wie Österreich laufen besonders Gefahr, bei der Digitalisierung unter die Räder zu kommen." Für Grünberger ist deshalb klar, dass sowohl die EU-Kommission als auch der nationale Gesetzgeber nicht vom eingeschlagenen Weg abrücken dürften: "Google hat Kreide geschluckt, sein Geschäftsmodell hat der Web-Gigant jedoch beibehalten. Es fußt zu gewichtigen Teilen darauf, Inhalte von Dritten unentgeltlich zu nutzen, um damit Werbeeinnahmen zu lukrieren, das Prinzip der fairen Suche zu missachten und eigene Dienste bevorzugt zu behandeln." Laut einer IHS-Studie zieht der US-Konzern allein vom österreichischen Werbemarkt jährlich 150 bis 180 Millionen Euro ab.

Leistungsschutzrecht soll vorgelegt werden

Die EU-Kommission müsse das Wettbewerbsverfahren gegen Google weiterführen, die heimische Bundesregierung an ihrem Plan festhalten, in Kürze ein nationales Leistungsschutzrecht vorzulegen und die Europäischen Union mittelfristig ein europäisches Leistungsschutzrecht umsetzen, so VÖZ-Geschäftsführer Grünberger. "Dann hat Europas digitale Wirtschaft die Chance, neben den US-Netz-Giganten zu bestehen, und Googles 150 Mio. Euro sind nicht das Ende, sondern erst der Anfang." (APA/red, 28.4.2015)

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