Proteste gegen Polizei: Angst vor Plünderungen in Baltimore

28. April 2015, 17:19
1061 Postings

Nach der Trauerfeier für Freddie Gray wurden Autos angezündet und Geschäfte geplündert. Die Familie des Opfers will ein Ende der Krawalle

Acht Jahre hat es gedauert, das Gebäude hochzuziehen, Stück für Stück, mit längeren Pausen dazwischen, das Gros der Kosten finanziert durch Kirchenspenden. Im Herbst sollte es eingeweiht werden: sechzig Sozialwohnungen für Ältere, im Parterre diverse Beratungsstellen. Wenige Wochen noch, dann wäre das Dach draufgesetzt worden, erzählt Donté Hickman, Pfarrer der Southern Baptist Church in Baltimore, die noch vor sechs Tagen Bilder des Baufortschritts auf ihre Facebook-Seite gestellt hatte. Nach einer Nacht heftiger Krawalle ist das Mary Harvin Center vollkommen niedergebrannt.

Bis zum frühen Dienstagmorgen stand Baltimore im Zeichen sinnloser Gewalt. Polizeiautos wurden abgefackelt, Läden geplündert, bevor sie in Flammen aufgingen. Schaufensterscheiben gingen zu Bruch. Am Morgen danach meldete das Baltimore Police Department 15 verletzte Beamte, während es über die Zahl der verwundeten Zivilisten zunächst nicht einmal Schätzungen gab.

Nationalgarde vor Ort

Larry Hogan, der republikanische Gouverneur des Bundesstaats Maryland, rief den Notstand aus und mobilisierte fünftausend Militärs der Nationalgarde. Im Oval Office telefonierte Präsident Barack Obama mit Stephanie Rawlings-Blake, der afroamerikanischen Bürgermeisterin der alten Hafenmetropole. Die demokratische Politikerin hatte darauf gesetzt, den Spannungen durch ein zurückhaltendes Auftreten der Polizisten die Spitze zu nehmen. Nach den Bildern der Nacht ließ sie ihrem Frust freien Lauf. "Es ist idiotisch zu glauben, dass man das Leben für irgendwen besser macht, indem man seine eigene Stadt zerstört. Ich verstehe nicht, wie Jeans zu stehlen Freddie Gray Gerechtigkeit bringen soll."

Freddie Gray, ein 25-Jähriger aus der heruntergekommenen Westside von Baltimore, war am 19. April in einem Spital gestorben, nachdem ihn Polizisten sieben Tage zuvor festgenommen und dabei offenbar schwer verletzt hatten. Es gibt ein Video, aufgenommen von der Handykamera eines Passanten, das Gray vor Schmerzen schreiend zwischen den Beamten zeigt, die ihn stur abführen. Statt einen Krankenwagen zu rufen oder Erste Hilfe zu leisten, schleifen sie ihn zu einem Gefängnistransporter. In der Klinik erwacht er nicht mehr aus dem Koma, als Todesursache konstatieren die Ärzte eine schwere Rückenmarksverletzung.

Appell der Familie

Am Montag, bei der Trauerfeier für Gray in der New Shiloh Baptist Church, saßen nicht nur Kongressabgeordnete und Bürgerrechtler in den Reihen, sondern auch Abgesandte des Weißen Hauses. Es sollte ein Abschied in Würde werden, zugleich ein Signal, dass sich das Land den sozialen Problemen in manchen ghettoähnlichen Vierteln seiner Großstädte mit größerer Dringlichkeit widmen muss. Wie viele junge Schwarze habe Freddie ein Leben geführt, als hätte man ihn in eine Kiste gesteckt, beklagte der Pastor Jamal Bryant in seiner Predigt: "Die Kiste, von der man glaubt, schwarze Männer seien Gangster oder Athleten oder Rapper."

So pointiert der Geistliche dazu aufrief, Ruhe zu bewahren, Gehör fand er nicht. Auch Fredricka Gray, die Zwillingsschwester des Toten, stand auf verlorenem Posten. Bereits am Tag vor der Beisetzung, nach einem turbulenten Wochenende, hatte sie übers Fernsehen einen fast verzweifelt klingenden Appell an ihre Altersgenossen gerichtet. "Meine Familie will nur sagen: Bitte, bitte, könnt ihr aufhören mit der Gewalt? Freddie hätte das nicht gewollt." Kaum waren die Trauerreden verklungen, verbreitete sich über soziale Netzwerke schnell ein giftiges Gerücht. Gleich beginne eine Zwölf-Stunden-Phase, hieß es in Anlehnung an den dystopischen Thriller "The Purge", in der man ungestört plündern dürfe, ohne dass es als Straftat gelte. (Frank Herrmann aus Washington, DER STANDARD, 29.4.2015)

Chronologie: US-Polizeigewalt gegen Schwarze

  • 17. Juli 2014: Bei seiner Verhaftung wird Eric Garner im Würgegriff gehalten und stirbt.
  • 9. August 2014: Polizisten erschießen Michael Brown (18) in Ferguson. Er ist unbewaffnet.
  • 11. August 2014: Polizisten erschießen den laut Familie mental benachteiligten Ezell Ford auf offener Straße in Los Angeles.
  • 9. März 2015: Anthony Hill (27) soll unter mentalen Problemen gelitten haben, als er nackt einen Polizisten in Georgia ansprang. Dieser erschoss ihn.
  • 2. April 2015: Ein Hilfssheriff verwechselt seine Waffe mit einem Taser und feuert tödliche Schüsse auf Eric Harris in Oklahoma.
  • 19. April 2015: Der 25-jährige Freddie Grey stirbt sieben Tage nach seiner Verhaftung an Rückenverletzungen, die ihm in Baltimore zugefügt worden sein sollen, während er sich in Polizeigewahrsam befand.

Auf die Gewaltfälle folgten Proteste je hunderter bis tausender Menschen in den USA.


  • Am Dienstagmorgen (Ortszeit) begannen die Aufräumarbeiten nach den Ausschreitungen.
    foto: reuters/eric thayer

    Am Dienstagmorgen (Ortszeit) begannen die Aufräumarbeiten nach den Ausschreitungen.

  • In Baltimore wurde eine nächtliche Ausgangssperre verhängt.
    foto: ap photo/matt rourke)

    In Baltimore wurde eine nächtliche Ausgangssperre verhängt.

  • Feuerwehrleute im Einsatz.
    foto: ap photo/matt rourke

    Feuerwehrleute im Einsatz.

  • Polizeieinsatz in der Nacht zum Dienstag.
    foto: ap photo/matt rourke

    Polizeieinsatz in der Nacht zum Dienstag.

  • Brand in einem Warenhaus.
    foto: wjla via ap

    Brand in einem Warenhaus.

  • Polizei und Feuerwehr vor einem geplünderten Geschäft.
    foto: reuters/eric thayer

    Polizei und Feuerwehr vor einem geplünderten Geschäft.

  • Die Proteste begannen Montagabend nach der Trauerfeier für den 25-jährigen Freddie Gray, der nach einem Polizeieinsatz im Krankenhaus gestorben war.
    foto: epa/michael reynolds

    Die Proteste begannen Montagabend nach der Trauerfeier für den 25-jährigen Freddie Gray, der nach einem Polizeieinsatz im Krankenhaus gestorben war.

  • Artikelbild
    foto: algerina perna/the baltimore sun via ap
Share if you care.