Neue Mittelschule: Außer Spesen doch schon was gewesen?

Userkommentar28. April 2015, 10:41
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Anders als bei der Präsentation der jüngsten Studie behauptet, ist eine Qualitätsverbesserung bei den NMS kaum nachweisbar

Die jüngsten Daten der Schulstatistik zeigen, dass in den Neuen Mittelschulen (NMS) mehr Schülerinnen und Schüler in eine höhere Schule übertreten als nach der Hauptschule (HS). Aber ist dieser Unterschied tatsächlich ursächlich auf die neuen Unterrichtsmethoden in den Neuen Mittelschulen zurückzuführen, wie es Konrad Pesendorfer, Chef der Statistik Austria, bei der Präsentation der aktuellen Ausgabe von "Bildung in Zahlen" getan hat? Pesendorfer hat die "ermutigenden" Zahlen mit einer "offensichtlichen Qualitätsverbesserung" durch die Neue Mittelschule erklärt. Diese kausale Interpretation durch den obersten amtlichen Statistiker überrascht, denkt man doch sofort an den Unterschied zwischen bloßer Korrelation und kausaler Beziehung.

Die Standort-Frage

Zur Erinnerung: Laut der Studie wechselten 45,9 Prozent der NMS-Absolventinnen und -Absolventen an eine höhere Schule, bei den Hauptschülerinnen und Hauptschülern waren es nur 39,5 Prozent. Warum handelt es sich bei dem Unterschied in den Übertrittsraten nicht um einen kausalen Effekt der angeblich "besseren" NMS? Weil es wahrscheinlicher ist, dass dieses Ergebnis weniger mit den NMS-Unterrichtspraktiken zusammenhängt als vielmehr mit der Frage, welche Standorte zu NMS wurden und welche (noch) nicht.

Wenn die Unterschiede zwischen den NMS- und HS-Standorten auch schon vor der Umwandlung ehemaliger HS-Standorte in NMS bestanden haben, wäre das Ergebnis ein Selektionseffekt. Dies ist wahrscheinlich, denn eine Bemühung um eine Umwandlung in eine NMS und damit um den Zugang zu den zusätzlichen finanziellen und personellen Ressourcen hängt vom Engagement vor Ort ab und damit von der Motivation und den Einstellungen der Direktion, der Lehrkräfte und der Eltern.

Höhere Schulen im Trend

Darüber hinaus gibt es generell den Trend, in eine höhere Schule zu wechseln. Denn der Zuwachs an Übertritten zeigt sich auch in den Hauptschulen. Eine Gesamtbetrachtung der Entwicklung der Übertritte aus einer Hauptschule in höhere Schulen seit 2006/07 (ab 2010/11 HS und NMS gemeinsam betrachtet) zeigt einen nahezu linearen Anstieg, der eine besondere Wirkung der Neuen Mittelschule auf die Gesamtübertrittsrate nicht erkennen lässt und damit die Vermutung stützt, dass bereits vor Umwandlung der Schulform diese Unterschiede bestanden.

Letztlich zählt die Matura

Eine Möglichkeit der kausalen Bestimmung wäre es deshalb, auf Basis der vorliegenden Daten den Zuwachs in den Übertrittsraten auf Schulstandort-Ebene durch eine einfache Vorher-nachher-Messung zu bestimmen. Dann wäre eine kausale Interpretation angemessen, insbesondere wenn allfällige Veränderungen in der Zusammensetzung der Schülerinnen und Schüler in einem geeigneten Modell kontrolliert werden. Methodisch erforderliche Feinheiten wie diese wurden zum Beispiel im Evaluierungsbericht angewendet, die Ergebnisse sind bekannt. Letztlich sind Übertritte in eine höhere Schule weniger von Bedeutung als das erfolgreiche Ablegen der Matura. Im Nationalen Bildungsbericht 2012 wird gezeigt, dass die Verlustraten in den BHS hoch sind und viele die Matura nicht erreichen.

Teures Gießkannenprinzip

Die flächendeckende Umsetzung der Neuen Mittelschule ist eine kostenintensive Angelegenheit. Im Vergleich zur Hauptschule, an der im Durchschnitt pro Klasse 30 Wochenstunden zu unterrichten sind, bedeuten die sechs zusätzlichen Stunden pro Klasse eine Erhöhung der pädagogischen Ressourcen um 20 Prozent. Der Abstand zu den aufgrund der größeren Klassen kostengünstigeren AHS-Unterstufen vergrößert sich damit weiter. Problematisch an den sechs zusätzlichen NMS-Stunden ist nicht das eigentliche Konzept der intensiveren und bedarfsgerechten Betreuung, sondern die Tatsache, dass eben nicht bedarfsgerecht vorgegangen wird, sondern die zusätzlichen Ressourcen gleichmäßig auf alle Standorte nach dem Gießkannenprinzip verteilt werden.

Dadurch verteuert sich das Bildungssystem vor allem in jenen Regionen, in denen es kaum AHS-Unterstufen gibt. Aufgrund der wenigen AHS-Plätze kommt in solchen Regionen die HS/NMS de facto einer Gesamtschule gleich, die auch jene mit guten Lernvoraussetzungen, die als "leichter zu unterrichten" gelten, besuchen. In Wien und in anderen Ballungsräumen geht dagegen rund die Hälfte der SchülerInnen nach der Volksschule in eine AHS. Ein erhöhter Bedarf ist zumindest bei den ländlichen NMS kaum zu argumentieren, im Vergleich mit den Ballungsräumen ist die Konstellation hier vorteilhaft. Schon vor Einführung der NMS gab es in der Sekundarstufe I der 10- bis 14-Jährigen günstige Betreuungsrelationen, wie internationale Vergleiche gezeigt haben. Bei aller Vergleichsproblematik sticht das oft vorgebrachte Argument, dass Lehrkräfte hierzulande besonders viele nichtpädagogische Tätigkeiten übernehmen müssen, nicht. In vielen Vergleichsländern mit deutlich ungünstigeren Betreuungsverhältnissen, wie etwa in Deutschland, ist die Unterstützung durch administratives, sozialpädagogisches und psychologisches Personal auch nicht wesentlich besser als in Österreich.

Kaum nachweisbare Qualitätsverbesserung

Die NMS-Evaluation hat gezeigt: Der bisher nicht beziehungsweise kaum nachweisbaren Qualitätsverbesserung steht ein deutlich erhöhter Ressourcenaufwand gegenüber. Was ein höherer Einsatz bei gleichbleibenden Resultaten für die Effizienz bedeutet, ist klar. Aber auch im Hinblick auf eine Erhöhung der Chancengleichheit im österreichischen Schulsystem trifft die derzeitige Praxis der Finanzierung schlecht. Anstatt der pauschalen Zuweisung von sechs zusätzlichen Unterrichtsstunden ungeachtet der Heterogenität der Schulen könnte eine bedarfsgerechte Mittelzuweisung die zusätzlichen Möglichkeiten in sozial benachteiligten Schulen bündeln und dort zu tatsächlich besseren Ergebnissen führen. (Stefan Vogtenhuber, derStandard.at, 28.4.2015)

  • Die Vergabe von Mitteln nach dem Gießkannenprinzip – im Bild eine Kunstinstallation im baden-württembergischen Ostfildern – ist kostenintensiv und nicht effizient.
    foto: apa/dpa/sebastian kahnert

    Die Vergabe von Mitteln nach dem Gießkannenprinzip – im Bild eine Kunstinstallation im baden-württembergischen Ostfildern – ist kostenintensiv und nicht effizient.

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