Helfer in Nepal an Grenze: Kurz vor dem Zusammenbruch

27. April 2015, 18:03
9 Postings

Millionen Menschen warten verzweifelt auf Hilfe. Die Zahl der Toten stieg auf fast 3800, Tausende fliehen aus Kathmandu

Unzählige Rauchwolken steigen über Kathmandu in den Himmel. Unten am heiligen Fluss Bagmati, am Pashupatinath-Tempel vor den Toren der Stadt, drängen sich hunderte Menschen. In langen Schlangen warten sie auf einen Platz, um ihre Toten zu verbrennen, wie es die hinduistischen Rituale vorschreiben. Doch die Verbrennungsstätten reichen nicht für all die Toten.

Drei Tage nach dem schlimmsten Beben seit 81 Jahren in Nepal, das große Teile des Kathmandu-Tals verwüstete, wird das Ausmaß der Katastrophe immer gewaltiger. Verzweifelt bat die Regierung am Montag wieder um Hilfe: "Wir brauchen Zelte, Trockennahrung, Decken, Matratzen und 80 verschiedene Arzneien." Auch fehlten Hubschrauber, um zu den Eingeschlossenen zu gelangen.

Derweil rollt die Hilfswelle an. Flugzeuge mit Hilfsgütern landen, Helfer aus aller Welt strömen ins Land. Die Zeit drängt. Millionen warten ohne Essen und Wasser auf Hilfe, viele sind von der Außenwelt abgeschnitten. Mindestens eine Million Kinder sind laut Unicef betroffen. Tausende Menschen fliehen aus Angst vor Nachbeben aus der Hauptstadt Kathmandu. Andere campieren im Freien, viele haben nicht mehr als eine Decke, um sich gegen Kälte und Regen zu schützen. Experten warnen vor Seuchen.

Gestrandete Touristen

Immer weiter steigen die Opferzahlen - bis Dienstagnachmittag auf fast 3800 Tote und mehr als 7000 Verletzte. Fast die Hälfte Kathmandus ist zerstört. Und noch weiß niemand, wie es in den Regionen rund um Lamjung aussieht, wo das Epizentrum lag. Viele Bergdörfer sind nur aus der Luft oder durch tagelange Gewaltmärsche zu erreichen. "Erste Informationen sprechen von totaler oder fast totaler Zerstörung", sagt Jeremy Konyndyk vom USAID.

Auch tausende ausländische Touristen sind in Nepal gestrandet. Fieberhaft versuchen Botschaften, ihre Staatsbürger zu lokalisieren. Zu den 20 Österreichern in der Region gibt es noch immer keinen Kontakt, heißt es aus dem Außenministerium in Wien. Urlauber berichten von komplettem Chaos. Viele wollen das Land so schnell wie möglich verlassen, am Flughafen versuchen Hunderte, einen Flug zu ergattern. "Wir haben alle Angst. Es gibt nichts zu essen", sagt die Kanadierin Pierre-Anne Dube.

Retter graben weiter mit bloßen Händen in den Ruinen nach Überlebenden, viele sind am Ende ihrer Kräfte. Ebenso wie die Ärzte und Schwestern, die in den Spitälern den nicht enden wollenden Strom der Verletzten versorgen. Patienten liegen auf Matratzen auf den Straßen. "Wir stehen alle kurz vor dem Zusammenbruch", sagte Laxmi Prasad Dhakal vom Innenministerium zu Reuters.

Hubschrauber rettet Bergsteiger

Auch am Mount Everest wird weiter gebangt. Dort sitzen nach einer Lawine, die durch das Beben ausgelöst worden war, hunderte Bergsteiger fest. Mindestens 19 Menschen starben, andere werden noch vermisst. In den höheren Camps 1 und 2 sind 100 Kletterer gefangen. Die Rückroute ist zerstört. Am Montag begannen Hubschrauber, die Festsitzenden auszufliegen.

Experten fürchten, dass das jüngste Beben nur der Vorbote einer schlimmeren Katastrophe sein könnte, die das Land heimsuchen wird. Szenarien halten bis zu 350.000 Tote bei einem größeren Beben für möglich. Nepal ist der am dichtesten besiedelte Bergstaat der Welt und gilt als Hochrisikogebiet, weil die eurasische und indische Kontinentalplatte aufeinandertreffen.

Seit Jahren fordern Experten, zumindest Schulen und Krankenhäuser erdbebensicher umzubauen. Einige werfen den Verantwortlichen Versagen vor. "Erdbeben töten keine Menschen, unsichere Gebäude töten", schrieb die Zeitung Nepali Times schon im vergangenen Jahr. Die traditionellen Backsteinbauten halten Beben kaum Stand. Und weil immer mehr Menschen vom Land in die Städte drängen, wird dort die Bebauung immer enger. (Christine Möllhoff aus Neu-Delhi, DER STANDARD, 28.4.2015)

  • Für die vielen Verletzten gibt es in den Krankenhäusern keinen Platz mehr. Sie werden notdürftig auf der Straße versorgt. Das medizinische Personal ist fast am Ende seiner Kräfte.
    foto: reuters/athit perawongmetha

    Für die vielen Verletzten gibt es in den Krankenhäusern keinen Platz mehr. Sie werden notdürftig auf der Straße versorgt. Das medizinische Personal ist fast am Ende seiner Kräfte.

Share if you care.