Nebel über der Genderforschung?

Kommentar der anderen27. April 2015, 17:13
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In den Debatten um einen angeblich feministischen Anspruch auf Professuren an der Uni Wien ist es zu billigen Fehldarstellungen gekommen. Es wäre an der Zeit, den Populismus beiseitezulassen und bereits erreichte Argumentationsstandards einzuhalten

In jüngster Zeit wurden die Bedingungen für Frauenkarrieren sowie für Genderforschung an der Uni Wien mehrmals kritisch thematisiert. Das ist gut so. Nicht gut ist, dass dabei Falsches öffentlich behauptet wurde. Falsch ist die Behauptung, in früheren Zeiten sei eine Professur für feministische Philosophie geschaffen worden, die nicht nachbesetzt worden sei. Gemeint war die Professur von Herta Nagl (DER STANDARD, 8. März 2015).

Diese Professur enthielt keine Subspezifizierung der Philosophie. Herta Nagls Forschung und Lehre vertrat die Philosophie in ihrer ganzen Breite. Wahr ist, dass sie sich ab den 1980er-Jahren intensiv mit Feminismus und Gender beschäftigte - neben Forschungen hinsichtlich Ethik, Politischer Philosophie, Geschichtsphilosophie, Religionsphilosophie, Kant- und Hegelforschung.

In den 1980er-Jahren entstand am Institut für Philosophie ein Milieu, das feministische Anliegen beförderte. Die ersten Lehrveranstaltungen, die Herta Nagl in Sachen feministische Philosophie ankündigte, wurden gemeinsam mit einer Philosophinnengruppe durchgeführt, die sich schon lang mit feministischer Theorie beschäftigt hatte. Ab 1990 veranstaltete die "Arbeitsgruppe Philosophische Frauenforschung" Tagungen mit Philosophinnen aus Tschechien, der Slowakei und Ungarn. Bald darauf entstand der Verein Wiener Philosophinnenclub, der im Jahr 1995 mit der Internationalen Philosophinnenassoziation den Kongress "Krieg/War" an der Uni Wien veranstaltete. Über Lehraufträge bildeten sich Brücken zwischen universitären und außeruniversitären Aktivitäten: z. B. mit der Dokumentationsstelle Frauenforschung am IWK und der 1991 gegründeten "Frauenhetz".

Damals gehörten folgende theoretisch-politische Gesichtspunkte zum "State of the Art" feministisch orientierter Universitätspolitik:

  • Zwischen der Förderung akademischer Karrieren von Frauen und der Förderung von feministischer Forschung muss klar unterschieden werden. Frauen sollten sich nicht direkt oder indirekt gedrängt fühlen, eher feministische Theorie als andere wissenschaftliche Interessen zu verfolgen.
  • Der Schritt weg von der Bezeichnung "Frauenforschung" hin zu "Genderforschung" erweiterte den Blick theoretisch und politisch. Die Kritik am essenzialistischen Dualismus des Weiblichen/Männlichen machte ihn auch politisch fragwürdig. Frauen haben keinen Alleinvertretungsanspruch in Sachen Gender.
  • Es ist nicht ausgemacht, dass Professuren für Feminismus oder Genderforschung der Weisheit letzter Schluss sind. Weder Feministische Philosophie noch Gendertheorie sollten als in sich geschlossene Gebiete nischenartig etabliert werden. Sogar wenn sich auf diesem Weg einige wenige Frauen an der Universität verankern könnten, würden Genderthemen in Forschung und Lehre so tendenziell isoliert.

Über diese Fragen waren sich feministisch motivierte Frauen nie absolut einig. Das wäre auch nicht wünschenswert. "State of the Art" war es aber, dass alle an den Debatten Beteiligten diese Punkte als heikle Problemzonen anerkannten. Angesichts der Rhetorik der letzten Zeit halte ich es für nötig, daran zu erinnern.

Akademisches Ansehen ...

Herta Nagl verschaffte der feministischen Philosophie ein akademisches Ansehen, das diese nie zuvor genossen hatte. Ihre Arbeit steht dafür, dass sie in der feministischen Theorie dieselben systematischen Standards einforderte wie in anderen Bereichen der Philosophie. Dies war für die feministische Philosophie von höchstem Wert. Eine Genderspezialisierung ihrer Professur hätte dem Feminismus in der Philosophie wohl nicht im sel- ben Ausmaß zu Ansehen verholfen.

Angesichts der thematischen Breite von Herta Nagls international hochangesehener Forschung wurde die Professur nach ihrer Pensionierung 2009 für "Politische Philosophie und Sozialphilosophie" ausgeschrieben - also mit einem Spektrum, in dem die Genderthematik integriert werden kann, aber nicht integriert sein muss.

Die Berufungskommission setzte an erste Stelle einen international sehr angesehenen Philosophen, der Feministische Forschung nicht in seinem Portfolio hat. Dies galt im Institut von Anfang an als eine legitime Option. Die billige Fehldarstellung der Widmung der Professur und ihrer Nachbesetzung, die in letzter Zeit Mode geworden ist, ist höchst unangemessen.

Historische Reminiszenzen können nicht Fragen beantworten, die wir uns heute stellen: Was sind die institutionell-strukturellen Ursachen für die "gläserne Decke"? Wie soll Genderforschung in der Philosophie weiterentwickelt werden? Die Debatte darüber wird sich - wie sonst auch - an internationalen Forschungen und Qualitätsstandards zu orientieren haben.

... durch Standards

Jedenfalls sind Narrative über die feministische Philosophie in Wien, die mit Blick auf ihre Medienwirksamkeit zusammengezimmert wurden, nicht hilfreich. Sie vernebeln den Blick auf die Realität und untergraben argumentative Qualitätsstandards, die schon einmal erreicht waren. Populismus sollten wir nicht nur bei anderen kritisieren, sondern auch uns selbst verbieten. (Elisabeth Nemeth, DER STANDARD, 28.4.2015)

Elisabeth Nemeth ist Universitätsprofessorin am Institut für Philosophie und Dekanin der Fakultät für Philosophie und Bildungswissenschaft.

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