Crossing Europe: Auf Kredit lässt sich keine Zukunft bauen

27. April 2015, 23:08
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Die Gewinner des Filmfestivals Crossing Europe in Linz reflektieren Umbrüche und Risse in Gesellschaften

Linz – Wenn es ein Thema gibt, das Crossing Europe über elf Jahre hinweg beschäftigt hat, dann sind es die Nachwirkungen des Balkankriegs. Dabei veränderten sich auch die Perspektiven: Denn mit der zeitlichen Distanz zum Zerfall Jugoslawiens wirkt auch das Filmmaterial immer entrückter; umso mehr Geschick und Anstrengung bedarf es, die Vergangenheit zu vergegenwärtigen.

In Vladimir Tomics Doku-Essay "Flotel Europa" ist die historische Dimension in die Bilder eingeschrieben wie Kratzer auf einer Schallplatte. Störsignale ziehen über das Video aus dem Jahr 1994, das die Ankunft einer bosnischen Familie in Kopenhagen zeigt. Der Krieg hat sie hierhergebracht. In einem ausgedienten Schiff, das wie ein vierstöckiges Wohnhaus auf dem Kanal schaukelt, bezieht sie Quartier, gemeinsam mit hunderten anderen Flüchtlingen.

Eine Nähe stellt sich in "Flotel Europa", der am Montag am Linzer Filmfestival den Preis für den besten Dokumentarfilm erhielt, dennoch umstandslos ein. Die Arbeit ist, abgesehen von Einsprengseln aus einem Kriegsfilm, ausschließlich aus Homemovie-Aufnahmen der damaligen Zeit gebaut. Tomic selbst spricht dazu den Kommentar: eine Montage aus Erinnerungen, die in Dialog mit (oder in Kontrast zu) den Bildern einen intimen Raum entstehen lässt.

Schön an dem Film ist, wie es gelingt, eine Coming-of-Age-Geschichte zu entfalten, die zugleich die Erkundung einer Parallelwelt ist. Aus der Perspektive des Autors, damals ein Teenager, ist das Schiff ein Ort für Abenteuer, mit feenhaften Mädchen und Flüchtlingen, die nachts aus Überdruss am Krieg den Fernseher ins Wasser werfen.

Die zornigen jungen Männer in Ivan Ikics "Varvari" ("Barbarians") haben den Krieg als Kinder erlebt, in den Familien sind seine Folgen noch wirksam: In einer Kleinstadt nahe Belgrad gehört der 17-jährige Luka zum harten Kern des Fußballfanklubs. Aber auch dort, wo die jugendlichen Mitglieder einander in machistischem Gehabe übertreffen wollen, eckt der Junge an. Vor dem Hintergrund der jüngeren Geschichte vollzieht der Film eine Suchbewegung nach, die dann doch auf der Tribüne am Spielfeldrand endet. "Barbarians" wurde der Hauptpreis in der Kategorie Spielfilm zuerkannt, und zwar ex aequo mit dem Debüt der Rumänin Ana Lungu, "Autoportretul unei fete cuminti" ("Self-Portrait of a Dutiful Daughter"):

Schlaflosigkeit und Lethargie

Die Protagonistin wird weniger von äußeren Nöten als von unerklärlicher Schlaflosigkeit und genereller Lethargie geplagt. Die 30-jährige Dissertantin Cristiana bezieht eine alte Familienwohnung und richtet sich allmählich ein. Cristiana ist auf Erdbebenkunde spezialisiert, ihr Doktorvater spricht einmal von der Notwendigkeit dynamischer Strukturen, die seismische Wellen besser ausgleichen können. Im Leben der Heldin, die einen beim Zusehen ein wenig kaltlässt, scheint es generell an Struktur zu fehlen. Der Abspannsong von Ada Milea, in dem es heißt, "Papa, die Schule ist vorbei. Was soll ich tun?", bezieht sich auf Cristianas Verfasstheit. Der Film von Lungu, die beim Regisseur Cristi Puiu studiert hat, nimmt aber auch eine Generation in den Blick und ein Milieu, das im rumänischen Kino nicht immer so prominent figurierte.

Einer umtriebigeren Heldin begegnet man in Nino (Nino Kasradaze): Unaufhörlich in Tiflis unterwegs, verhandelt und erwirkt sie Kredite, um einen Schuldenberg abzutragen. "Kreditis limiti" von Salomé Alexi besticht durch den lichten Tonfall und die leise Ironie, mit denen der Film die Bredouille der Protagonisten nutzt, ein Gesellschaftsbild einzufangen, in dem die finanzielle Lage das soziale Miteinander zunehmend dereguliert. Denn alle Anstrengungen von Nino fruchten nichts, jeder Schritt vergrößert die Abhängigkeiten nur. Alexis leicht distanzierter Blick auf die bürgerliche Heldin gibt sie allerdings nie auf. Mit aufrechtem Haupt und in luftigen Sommerkleidern wahrt sie lange erfolgreich den Schein, während die Wohnung der Familie und damit der soziale Status von innen ausgehöhlt werden. (Dominik Kamalzadeh, Isabella Reicher, DER STANDARD, 28.4.2015)

  • In "Self-Portrait of a Dutiful Daughter" beginnt die 30-jährige Heldin plötzlich ein Leben jenseits des gutbürgerlichen Pflichtbewusstseins.
    foto: crossing europe

    In "Self-Portrait of a Dutiful Daughter" beginnt die 30-jährige Heldin plötzlich ein Leben jenseits des gutbürgerlichen Pflichtbewusstseins.

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