"Die drei Musketiere": Tränen aus der Pipette

Video27. April 2015, 09:00
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In dieser Folge der Serie "Die Rückseite des Films": Nie veröffentlichte Aufnahmen einer Dumas-Verfilmung von 1921

Outtakes sind Einstellungen, die während des Filmschnitts wegfallen. Als nutzlose Reste der Filmproduktion erachtet, wurden diese nicht gebrauchten Szenen (fast) immer entsorgt. Manchmal aber, durch Zufall oder Absicht, sind solche Filmreste erhalten geblieben. Aufnahmen, in denen immer wieder dieselbe Szene – oft 10- oder 20-mal – aufgenommen wird, wecken neuerdings das Interesse der DVD-Produzenten, die sie als willkommenen "Bonus" ansehen, oder von Filmhistorikern, die dank solcher Materialien die Arbeitsweise von Regisseuren besser nachvollziehen können.

Im Jahr 1921 dreht der US-Star Douglas Fairbanks mit dem Regisseur Fred Niblo eine Verfilmung des berühmten Romans "Die drei Musketiere" von Alexandre Dumas. Der Film war ein Erfolg, und die Premiere in New York wurde von der Fachzeitschrift "Motion Picture Magazine" als "gala affair" bezeichnet. In Wien kam der Film am 20. April 1926 zur Aufführung. Der Film, ein actiongeladener "Swashbuckler", enthält auch ein sentimentales Intermezzo. In einer Szene weint Fairbanks als D’Artagnan bittere Tränen.

Für Schauspieler waren Tränen bisweilen ein Eignungstest, jedenfalls aber eine Untermauerung ihrer Fähigkeiten. Nur in Einzelfällen ist Weinen gefährlich für die dargestellten Figuren, wie etwa für den Blechmann im "Zauberer von Oz". Die kleine Dorothy verabschiedet sich von ihm mit dem klugen Rat: "Lebe wohl, Blechmann! Oh, nicht weinen, sonst rostet du wieder!"

Dank der erhaltenen Outtakes aus "The Three Musketeers" sieht man deutlich, wie sich ein Produktionsassistent dem Gesicht des Hauptdarstellers Fairbanks nähert und mit einer Pipette einige Tropfen Flüssigkeit unter dessen Auge platziert. Danach beginnt die Aufnahme. Ein Tränenstrom fließt über das ganze Gesicht.

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Die Tropfen, die über die Wangen der Schauspieler und Schauspielerinnen der Stummfilmzeit liefen, waren demnach nicht immer das Ergebnis von Begabung oder großer Gefühle, sondern auch ein technischer Kunstgriff. Dazu die "Neue Kino-Rundschau" im Dezember 1920: "Die großen dicken Tränen, die den Augen voller Traurigkeit entquellen, sind – Glyzerintropfen, die vor der Aufnahme im Augenwinkel untergebracht und im psychologisch wirkungsvollen Momente – rinnen gelassen werden. Langsam nur bewegt sich das Glyzerin über die Schminke des Kummer bezeugenden Antlitzes und hat die Eigentümlichkeit, auf gefühlvolle Seelen eine ganz besondere Macht der Erregung auszuüben und das Publikum mehr zu 'packen' als das natürliche Augensalzwasser gewöhnlich Sterblicher, denn die Glyzerintränen hinterlassen auf der Schminke Spuren ihres Weges nach unten, die im Lichte der Atelierlampen wie Silberpfade glänzen, so dass auch die Gesamtwirkung dieser Szene nicht so leicht aus dem Empfinden und Gedächtnis schwindet."

Ein paar Jahre später kehrt eine italienische Zeitschrift zu diesem Thema zurück: "Diese großen und verzweifelten Tränen, die über die Wangen der Divas laufen, sind die Wirkung einer geschnittenen Zwiebel, die rasch vor den Augen vorbeigezogen wird."

In einer Zwiebel finden sich mehr Tränen als in hundert Liebesgeschichten. (Paolo Caneppele, Österreichisches Filmmuseum, 27.4.2015)

Österreichisches Filmmuseum
Zur Serie "Die Rückseite des Films": Der größte Teil des überlieferten Filmbestands fand nie den Weg auf die große Leinwand: Amateurfilme, Outtakes, Trailer und Experimente, Wochenschauen, Werbe- und Propagandafilme etc. – derStandard.at und das Österreichische Filmmuseum zeigen historische Beispiele für diese "andere" Seite des Films.

Gewidmet Siegfried Mattl, der an der Gestaltung dieser Serie maßgeblich beteiligt war. Mattl starb in der Nacht auf Samstag in Wien.

Österreichisches Filmmuseum
Zur Serie "Die Rückseite des Films": Der größte Teil des überlieferten Filmbestands fand nie den Weg auf die große Leinwand: Amateurfilme, Outtakes, Trailer und Experimente, Wochenschauen, Werbe- und Propagandafilme etc. – derStandard.at und das Österreichische Filmmuseum zeigen historische Beispiele für diese "andere" Seite des Films.
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