Esoterik in Wien: Von Selbstheilung und Wunderwasser

29. April 2015, 05:30
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Besonders Frauen mittleren Alters interessieren sich für Esoterik. Alternative Gesundheitsthemen liegen im Trend

Noch nie waren sich Esoterik und Songcontest näher, als vergangenes Wochenende: Wer zu den Esoteriktagen in der Halle E der Wiener Stadthalle wollte, musste sich erst durch Staubwolken und Absperrungen kämpfen. Denn die Arbeiten für den Songcontest, der hier im Mai stattfindet, sind in der Zielgeraden.

In der Halle E, einem überschaubaren Teil der Stadthalle, ist von dieser regen Betriebsamkeit am Freitag Nachmittag noch wenig zu spüren. Insgesamt 70 Unternehmer, die sich dem esoterischen Bereich zugehörig fühlen, stellen hier aus. Sie kommen aus den unterschiedlichsten Richtungen: Hier wird aus Karten gelesen, Aura interpretiert und für diverse Weltanschauungen geworben. Über der Halle schwebt der schwere Duft von Räucherstäbchen.

Franz Prohaska organisiert mit seiner Münchener Eso-Team Gmbh Messen in Deutschland und Österreich. "Alternative Gesundheitsthemen greifen immer mehr", beobachtet er. "Denn wenn Sie heute im Krankenhaus liegen, wird der Arzt betonen, was für einen großen Anteil an der Heilung der Mensch selbst mit seinen positiven Gedanken hat."

Selbstheilung liegt im Trend

Das Angebot für Menschen mit gesundheitlichen Problemen ist in der Tat enorm. Zahlreiche Aussteller bieten Ansätze zur Selbstheilung - etwa durch Meditation, Gebete oder Massagen. Welche Krankheiten denn jetzt genau durch Meditation geheilt werden können, darauf will sich eine Ausstellerin nicht festlegen. Sie erzählt aber begeistert von ihrer eigenen Heilung und von Lichtblitzen, die sie dabei sah.

Bei einem Messestand gleich beim Eingang präsentiert sich das nicht unumstrittene Sahaja Yoga. Es ist einer der wenigen Stände mit kostenlosen Angeboten - bei den meisten anderen muss für ein Service bezahlt werden. Besucher werden dazu eingeladen, auf einem der kleinen wackligen Sessel unter dem Porträt der indischen Begründerin Platz zu nehmen. Ein etwa 50-jähriger indischstämmiger Mann will Anwesenden zum Zustand des gedankenfreien Bewusstseins verhelfen. Durch die Fontanellen am Kopf soll dann spirituelle Energie, wahrnehmbar als eine kühle Brise, fließen. Bis es soweit ist, muss man aber ziemlich lange mit geschlossenen Augen dasitzen, während der Mann hinter dem eigenen Rücken wild herumfuchtelt.

Manuelle Energiemassagen

Wem das zu lange dauert: Gleich nebenan geht es brachialischer zu. Hier behandelt ein bosnischer "Magister der Volksmedizin" mit wallend weißem Bart Menschen durch "manuelle Energiemassagen", indem er wild auf ihrem Körper herumdrückt. Das sieht schmerzhaft aus - und ist es auch, wie eine "Patientin" später berichtet. Dafür habe sie während der Behandlung ihr drittes Auge wahrgenommen.

Auf den Esoteriktagen sind hauptsächlich Frauen mittleren Alters unterwegs. Eine etwa 55-jährige Blondine zum Beispiel. Sie ist heute zum ersten Mal auf einer Esoterikmesse. Die Kartenleserinnen, die es hier zuhauf gibt und die in abgeschirmten Zelten sitzen, meidet sie: Zu groß ist ihre Angst vor schlechten Prognosen.

Wer will, der kriegt auf der Messe auch Informationen zu seinem früheren Leben und wie sich das auf das Jetzt auswirkt. Oder der kann sich ein "Angeloscop" auf Basis der Kabbala ausstellen lassen. Obendrein gibt's in der Stadthalle Lourdeswasser, inklusive Erzählungen von Wunderheilungen. Auch die Iris oder der Puls werden an einem Messestand analysiert, beides soll Auskunft über den energetischen Zustand eines Menschen geben. Gerade wurde die Iris einer Dame analysiert, die Spezialistin hat prompt eine Narbe entdeckt und schon ein Mittelchen parat, das fortan eingenommen werden soll.

Gleich in der Nähe verkauft ein Radiästhet bunte, einlaminierte Karten, die zwischen 5 und 150 Euro kosten, und wahlweise vor Handy- oder radioaktiver Strahlung schützen. In vier Vortragsräumen werden zusätzlich Veranstaltungen angeboten - etwa zu Kornkreisen und Chanelling. Auch ein Sondervortrag, in dem Kontakt zum Jenseits aufgenommen werden kann und Botschaften weitergegeben werden, steht am Programm.

Teures Wasser

Richtig teuer ist eine Atlasbehandlung, die von einem kalifornischen Heiler angeboten wird: 300 Euro für eine zweistündige Sitzung. Mithilfe eines Vibrationsstabs soll der Atlas eingerenkt werden. Dafür ist eine solche Behandlung auch nur einmal im Leben nötig, versichert die Assistentin.

Auf der anderen Seite des Saals wird währenddessen Wasser verteilt, das leicht abgestanden schmeckt. Es handelt sich dabei um Kangen Wasser - ionisiertes Wasser also, wie der Aussteller, der ein Mitglied von Scientology ist, mitteilt. Das Gerät, das mit sieben mit Platin überzogenen Titanplatten bestückt ist, ist ab 1500 Euro erhältlich und soll Wasser im ph-Bereich von 2,5 bis 11,5 produzieren und gleichzeitig schädliche Chemikalien aus dem Leitungswasser herausfiltern. Das Wunderwasser soll besonders tief in die Zellen eindringen und den Körper entgiften.

Insgesamt 2000 Besucher kamen zur Messe, berichtet am Ende des Wochenendes Organisator Franz Prohaska. Dass es nicht mehr waren, habe am schönen Wetter gelegen. Eine zweite Messe im Herbst sei traditionell aber besser besucht. Für Prohaska ist Wien "was Spiritualität angeht, die Nummer eins". Denn Spiritualität habe viel mit dem Lebensstandard zu tun und Wien sei eine wohlhabende Stadt. Ein Umstand, über den sich der Berufsstand der Kartenleserinnen freuen dürfte, die auf der Messe in Wien laut Prohaska immer ausgebucht sind. Vielleicht steht ja auch der Sieger des Songcontests, für den draußen auch am Ende des Messetags noch gewerkt wird, in ihren Karten. (Franziska Zoidl, derStandard.at, 29.4.2015)

  • Gar nicht so leicht zu finden: die Esoterikmesse.
    foto: zoidl

    Gar nicht so leicht zu finden: die Esoterikmesse.

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