Der Scout, der mit Eltern durch den Schul-Dschungel wandert

27. April 2015, 13:19
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Gerhard Patzner übt in Wien den neuen Beruf des Schulscouts aus. Er berät Eltern bei der Schulwahl

"Lust auf mehr machen" – das sei das Wichtigste, was eine Schule können sollte, sagt Gerhard Patzner. Denn "je länger sich Heranwachsende in der Schule wohlfühlen, desto besser sind ihre Chancen im Leben". Patzner weiß, wovon er spricht: Der Pädagoge, ausgebildete Berufsberater und zusätzlich Montessori-Pädagoge beschäftigt sich seit 20 Jahren mit Schule, Bildung, Lehren und Lernen. Er war unter anderem viele Jahre Lehrbeauftragter an den Unis Wien und Graz, wo er angehende Lehrer ausbildete.

Wachsendes Angebot

Jetzt ist Patzner Schulscout. Das heißt, er berät Eltern und ihre Kinder bei der Wahl der richtigen Schule.

Mit dem wachsenden Angebot an Schulen wuchs in Österreich in den vergangenen 20 Jahren nämlich auch eine unüberschaubare Schullandschaft. Wer ein Kind hat, das mit der Schule beginnen soll oder das von der Primarstufe – also von den ersten vier Jahren in die nächsten vier Jahre, in die sogenannte Sekundarstufe eins – wechseln soll, steht vor einer weitreichenden Entscheidung. "Ich habe selbst vier Kinder, zwei davon sind schulpflichtig, und ich bin mit ihnen durch diese Entscheidungsprozesse gegangen", erzählt Patzner. "Ich wollte das, was ich weiß, auch an andere Eltern weitergeben." Patzner bietet Elternabende ebenso an wie Einzelberatungen.

Doch was sind die drei wichtigsten Tipps, die er allen Eltern mitgeben kann?

"Erstens sollte man sich für die Entscheidung Zeit nehmen", sagt Patzner. "Immer mehr Schulen, nicht nur private, auch öffentliche, führen mittlerweile Vormerklisten, obwohl man sich da rechtlich in einer Grauzone befindet." Deshalb sei es ratsam, schon drei Jahre vorher mit der Suche nach der richtigen Schule zu beginnen.

Karriere oder Entfaltung

Zweitens sollten Eltern unbedingt "ihre Prioritäten abklären", bevor sie mit der Suche beginnen. Manchmal seien sich die Eltern auch untereinander nicht einig, was sie von einer Schule erwarten. So sollte man etwa vorab klären, ob man es für wichtiger erachtet, eine Schule zu finden, "die auf das Leben oder die weitere Schulkarriere vorbereitet, oder eine Schule, die ein attraktiver Lebensraum ist, wo Individualität und Entfaltung der Schüler gefördert wird. Alle Dimensionen kann eine Schule selten abdecken."

Drittens sollte man jede Schule nach drei Kategorien abklopfen: "auf pragmatische, inhaltliche und pädagogische", sagt Patzner. Die pragmatischen Kategorien sind nicht schwer zu erraten: "Ein Schulweg, der möglichst kurz ist, und Freunde, die dieselbe Schule besuchen", machen einem Kind das Leben leichter, so Patzner. Inhaltlich hätten Schulen heutzutage "sehr unterschiedliche Schwerpunkte", erklärt der Schulscout, die sollten auch mit den Interessen und Neigungen des Kindes zusammenpassen.

Bei den pädagogischen Konzepten bleibt abzuwägen, ob man eher mit dem "klassischen Unterrichtsverfahren" oder einem Schultyp "mit mehr Selbstverantwortung" gut kann. Hier treffen Eltern manchmal eine Schulwahl, der sie vor allem selbst nachher nicht gewachsen sind. "Ich kenne Eltern, die sich für ein alternatives Konzept entscheiden und dann ganz nervös werden, weil die Kinder im gleichen Alter in der Regelschule schon lesen können und das eigene Kind noch nicht", führt Patzner aus, hier sei "Geduld sehr wichtig".

Falsche Schule, was nun?

Was aber sollen Eltern tun, wenn das Kind bereits zur Schule geht und sich ganz und gar nicht wohlfühlt? Wann ist es Zeit, die Reißleine zu ziehen? Patzner räumt ein, dass es keine allgemein gültige Zeitspanne gibt, nach der man etwas unternehmen muss, aber "wenn sich über drei Monate gar nichts bessert, dann ist der Zeitpunkt gekommen, einen Schulwechsel ins Auge zu fassen". Natürlich seien andere Lebensumstände, die gerade schwierig sein könnten und so den Erfolg und den Spaß an der Schule negativ beeinflussen, in Betracht zu ziehen.

Zuerst sollte man immer das Gespräch mit den Lehrern suchen, so Patzner. Gerade in der Volksschule sei noch die einzelne Lehrperson sehr wichtig.

Skeptische Schulbehörden

Die Freude der Behörden mit Angeboten, wie sie Patzner für Eltern bereithält, hält sich in Grenzen. In den vergangenen beiden Jahrzehnten habe man in Österreich "versucht, die schulische Gleichschaltung mit Schulversuchen etwas aufzubrechen". Diese "Versuche" dauern bekanntlich teilweise schon seit Jahrzehnten. Gleichzeitig ist man aber – zumindest in Wien – daran interessiert, "Wanderbewegungen zwischen den Bezirken möglichst einzudämmen", beobachtet Patzner. Doch bei der immer wichtiger werdenden Frage der Schulautonomie – "immerhin der einzige Begriff, auf den sich alle Parteien einigen", bemerkt Patzner – werden sich diese Wanderbewegungen immer weniger vermeiden lassen. (Colette M. Schmidt, derStandard.at, 27.4.2015)

  • Schulscout Patzner bei einem Beratungsgespräch. Für Eltern ist das Angebot der Schullandschaft oft unüberschaubar.
    foto: patzner

    Schulscout Patzner bei einem Beratungsgespräch. Für Eltern ist das Angebot der Schullandschaft oft unüberschaubar.

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