Lieb sein zu Politikern!

27. April 2015, 10:33
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Irgendwann musste es ja kommen: Peter Filzmaier schreibt jetzt regelmäßig in der "Krone"

Irgendwann musste es ja kommen: Peter Filzmaier, der 47-jährige Politikwissenschafter und ORF-Analytiker schreibt jetzt regelmäßig in der "Krone". Wem es im ORF zu eng wird, der sucht die geistige Weite des Kleinformats, und wenn er sich in dieses Schicksal mit der Wut-Oma Frieda Nagl und dem Kräuterpfarrer Benedikt, ebenfalls zwei profunde Analytiker, teilen muss. Die erste Analyse lieferte der Professor für Politikwissenschaft an der Donau-Universität Krems dem Blatt am Sonntag, wobei er mutig wider den Stachel löckte, der aus der Redaktion und, in wechselseitiger Anregung, aus den Leserbriefseiten in die politische Landschaft ragt. 10 Gründe, warum wir Politiker lieben sollten, schrieb er den Konsumentinnen und Konsumenten der "Krone" kühn hinter die Ohren, nicht ohne ein mulmiges Gefühl.

Geht es nach der Meinungsforschung, so werden sich neun von zehn Lesern über den Titel und meinen Text empören. Denn 94 Prozent der Österreicher misstrauen Politikern. Ein schlechteres Image haben nur Waffenhändler und Zuhälter. Ungefähr in diesen Rängen befinden sich übrigens auch Journalisten. Der Herr Professor kennt jedenfalls seine Pappenheimer, wobei man ein wenig überrascht zur Kenntnis nimmt, dass sich die Meinungsforschung auch schon speziell den Lesern der "Kronen Zeitung" zugewandt hat. Sollte die geistig-moralische Verschmelzung von "Krone" -Lesern und Österreichern bereits so weit gediehen sein, dass dem Meinungsforscher Unterschiede in der politischen Einstellung der beiden Gruppen nicht mehr deutlich werden, mag das dem Herausgeber als Beweis dafür dienen, dass die patriotische Einigung des Volkes unter einer Geschäftsidee weitgehend vollzogen ist. Naive Beobachter von außen hätten ohne Professor Filzmaier weiterhin die spärliche Hoffnung gepflegt, zwischen "Krone"-Lesern und denen anderer Blätter könnte doch ein minimaler Unterschied bestehen. Aber danke für die Aufklärung.

Und forsch dozierte Filzmaier weiter, das Erfolgsrezept des Blattes, für das er jetzt regelmäßig schreiben wird, schonungslos enthüllend: Also macht sich beliebt, wer in deftiger Wortwahl über die Politik herzieht. Vom Stammtisch über die Leserbriefseiten dieser Zeitung bis hin zu Journalisten, Künstlern und Wissenschaftern. Beliebtheit braucht er nicht, ihm reicht der Ruhm, Seite an Seite mit Michael Jeannée aufklären zu dürfen, und deshalb schlägt er allen, vom Stammtisch über die Leserbriefseiten, seine 10 Gründe, warum wir Politiker lieben sollten, ins verdatterte Antlitz.

Zehn müssen es sein, schließlich gibt es ja auch zehn Gründe, warum wir Gott lieben und entsprechend handeln sollen. Die Menschheit handelt zwar oft nicht entsprechend, aber vielleicht hat ihr österreichischer Teil mit Filzmaiers Geboten mehr Glück. Die sind im Großen und Ganzen in Ordnung, wenn auch nicht immer leicht verdaulich. Wir sollten gerade im Superwahljahr 2015 wünschen, eine Vielfalt von Parteien und Kandidaten zu haben. Denkt man z. B. nur an Parteien wie das BZÖ oder das Team Stronach und die vielfältigen Wendungen der Kandidaten, lässt die Wünschbarkeit doch stark nach.

Auch sollte man ohnehin nur mäßig bezahlte, ein Privatleben entbehrende Politiker nicht der Machtgeilheit beschuldigen oder pauschal verurteilen. Und wem deren Kompromisse nicht gefallen, der sollte sich fragen, ob er es besser könnte. Nur um auch noch den zehnten Grund hinzukriegen, musste Filzmaier weit ins Persönliche ausholen. Felix Baumgartner, als Extremsportler offenbar zu lange an der dünnen Höhenluft, hat einmal unglaublichen Unsinn gesagt: Er wünsche sich eine gemäßigte Diktatur.

Das hat die "Krone" nicht gestört, als sie an Baumgartners ephemerem Ruhm mitnaschte. Aber das soll ja jetzt alles besser werden. Und in der Tat, zwei Tage nach Filzmaiers Predigt zeigten sich erste Wirkungen. Jemand "grillen" heißt im übertragenen Sinn: einen Menschen verbal vorführen, aufmachen, vernichten, klagte Michael Jeannée und warf sich schützend vor einen Politiker. Der Chefredakteur des Bolschewiken-Blattls "Falter" hat vor der sonntäglichen Küniglberger "Pressestunde" getwittert: "Meine Kollegin Barbara Tóth wird mit ORF-Redakteur Thomas Langpaul in der ,Pressestunde' Heinz-Christian Strache grillen!" Das ist es, was ich an der linkslinken Bagage so liebe: den politisch Andersdenkenden a priori gnadenlos zu diffamieren. Das würde Jeannée niemals tun. Filzmaier kann stolz sein auf seine Breitenwirkung. (Günter Traxler, DER STANDARD, 25.4.2015)

  • Peter Filzmaier.
    foto: apa/dietmar stiplovsek

    Peter Filzmaier.

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