Netflix: Die Fernsehsender schlagen zurück

27. April 2015, 12:02
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Höhere Lizenzgebühren und eigene Streaming-Dienste sollen den Branchenprimus unter Druck setzen

Fast fünf Millionen Kunden hat der Videostreamer Netflix in den vergangenen Monaten dazugewonnen - nur in den USA. Gleichzeitig expandierte der Konzern in rasantem Tempo, startete vergangenen Herbst etwa in Deutschland, Österreich und Frankreich. Da verwundert es nicht, dass zahlreiche Konkurrenten auf den Zug aufspringen. Zuständig fühlen sich zwei Branchen: Sowohl IT-Konzerne wie Amazon oder hierzulande die Telekom Austria als auch klassische Fernsehsender wie der ORF oder der renommierte US-Bezahlsender HBO wollen am Streaming-Markt mitnaschen.

Angleichung

Dabei gleichen sich die Unternehmen in ihren Produkten immer mehr aneinander an. Eine Entwicklung, die schon vor zwei Jahren von Netflix selbst prognostiziert worden ist. "Wir wollen schneller HBO werden, als HBO zu uns werden kann", erklärte damals Ted Sarandos, der bei Netflix für Inhalte zuständig ist.

In der TV-Branche sorgte die Wortmeldung für Kopfschütteln und Häme. Doch vor rund zwei Wochen ist mit "HBO Now" tatsächlich ein Streaming-Service gestartet, der sich stark an Netflix orientiert. HBO will damit all jene meist jüngeren Nutzer erreichen, die auf teure Kabelpakete verzichten und nur noch via Internet konsumieren.

Cord Cutters

Aus Protest gegen die oft als überteuerten TV-Pakete, die von Providern wie Verizon oder AT&T angeboten werden, entstand sogar die Bewegung der "Cord Cutters" (Kabeldurchschneider), die Netflix naturgemäß zujubeln. Dessen CEO Reed Hastings gibt sich in einem Interview mit der New York Times gelassen ob der neuen Konkurrenz. Wenn HBO seinen Streamingdienst ernst nähme, würde dieser den Namen "HBO" tragen und das Fernseh-HBO einen Sondertitel, so Hastings hämisch. Klassische Fernsehsender verglich er weiters mit Faxgeräten: einst nützlich, jetzt hoffnungslos veraltet. Tatsächlich wirbeln die neuen Streaming-Dienste auch die Kerndomäne der TV-Sender durcheinander: die Produktion eigener Sendungen.

Positiver Kreislauf

Netflix hat mehr als dreihundert Stunden eigener Programme im Angebot, auch Amazon überzeugt mit seinen exklusiven Serien. Für die Dienste lohnen sich die Investitionen: Mehr Inhalte bringen mehr Abokunden, die bringen mehr Geld - das in neue Inhalte gesteckt werden kann. Fernsehsender finanzieren sich hingegen überwiegend über Werbung. Sie befürchten, dass dieser in den USA 70 Milliarden Dollar schwere Markt einbrechen wird. Deshalb planen sie ihre Rache an Netflix und Co: Die TV-Sender wollen sich das Geld über Lizenzgebühren zurückholen.

Rache wegen Lizenzgebühren

Netflix erwirbt die Lizenz für alte Serien und Filme immer nur für einen bestimmten Zeitraum. Bald stehen neue Verhandlungsrunden an. Im Vergleich zu den letzten Deals sollen die Rechteinhaber, also Fernsehstationen oder mit ihnen verbandelte Filmproduktionsstätten, nun drastisch erhöhte Gebühren von Netflix verlangen. Das könnte wiederum den Videostreamer in die Bredouille bringen. Denn einige hundert Stunden Eigenproduktionen sind zwar wichtig und gut, doch brüstet sich Netflix mit tausenden Titeln, die Kunden im Abo abrufen können. Filmstudios könnten außerdem Exklusivdeals mit Konkurrenten abschließen, HBO gehört etwa zu Time Warner.

Für den Kunden könnte das zwar mehr hochwertige Inhalte bedeuten, allerdings wären diese auf mehrere Dienste verteilt. Analysten warnen, dass es dadurch erst recht wieder zu Piraterie kommt, da Kunden nicht mehrere Abos gleichzeitig abschließen wollen. Netflix sollte sich also für schlechtere Zeiten rüsten.

Mit Serienhits wie "Game of Thrones" will HBO neue Nutzer für seinen Streaming-Dienst gewinnen - und Netflix das Leben schwermachen. Andere Fernsehsender reagieren mit Racheplänen. (Fabian Schmid, 27.4.2015)

  • Mit Serien wie "Game of Thrones" will HBO Netflix attackieren
    foto: reuters/galbraith

    Mit Serien wie "Game of Thrones" will HBO Netflix attackieren

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