"Kafka": Ein "Quälgeist" mit Seelenqualen

26. April 2015, 17:52
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Elmar Goerdens "Kafka" in der Josefstadt ist tragisch und komisch

Wien - "Von 8 bis 2 oder 1/2 3 Bureau, bis 3 oder 1/2 4 Mittagessen, von da ab Schlafen im Bett. bis 1/2 8, dann 10 Minuten Turnen, nackt bei offenem Fenster, dann eine Stunde Spazierengehn (...), dann Nachtmahl innerhalb der Familie ... dann um 1/2 11 niedersetzen zum Schreiben und dabeibleiben je nach Lust, Kraft und Glück bis 1, 2, 3 Uhr, einmal auch schon bis 6 Uhr früh." Was Franz Kafka in dieser Aufzählung seines Tagesablaufes vergessen hat: Ständig wartet er auf Briefe. Besonders von Felice Bauer.

Kafka ist knapp 30 Jahre alt, als er die in Berlin lebende Jüdin im August 1912 kennenlernt. "Knochiges leeres Gesicht (...). Fast zerbrochene Nase. Blondes, etwas steifes reizloses Haar, starkes Kinn", schreibt er wenige Tage nach dem ersten Aufeinandertreffen als "unerschütterliches Urteil" in sein Tagebuch. Dass ihr Mund voller Goldzähne steckt, ist ein Makel, vor dem ihm zu Anfang schaudert, den er später aber liebgewinnen wird.

Bis sich die beiden 1917 endgültig trennen, werden sie zweimal verlobt gewesen sein und wird er ihr, getrieben von der "Lust, an deiner Existenz teilzunehmen", fünf Jahre lang Briefe, oft mehrere täglich, nach Berlin schreiben. Beschäftigungen, körperliches Befinden, Speiseplan - alles will der Besessene von ihr wissen. Geht es ihr nicht gut, befiehlt er liebevoll, nicht zu weinen und genug zu essen. Als sie ihm einmal, wie so oft, nicht rasch genug antwortet, überlegt er: "Kannst Du eigentlich meine Schrift lesen?" Ein andermal klagt er ob ihrer Schreibfaulheit: "Ich will doch Dein guter Geist, nicht Dein Quälgeist sein."

Die Frage, wie Felice es so lange mit dem Anhänglichen ausgehalten hat, drängt sich bei alldem unweigerlich auf, bleibt aber leider offen. Denn die Antwortschreiben auf die 1967 veröffentlichten Briefe Kafkas an die Geliebte, die Elmar Goerden zum Ausgangspunkt seines Kafka-Projekts im Theater in der Josefstadt gemacht hat, sind nicht mehr erhalten. Statt derer ergänzt er Prosafragmente (u. a. Resi und Alba) und Tagebucheinträge des sich selbst als "krank, schwach, steif, hoffnungslos" Charakterisierenden. So wird auch Kafkas Hadern mit sich selbst und seinem Büroberuf, der ihm stets Hindernis am Schreiben ist und ihn auf der Bühne gar zu erdrücken droht, als plötzlich das Büromobiliar vom Schnürboden herniedersinkt, zum Thema.

Zugleich obsessiv und neurotisch, leidenschaftlich und technokratisch, fordernd und beschwichtigend und immer ein bisschen hilflos, ist dieser Kafka niemals eins mit sich. Deshalb stellt Goerden gleich fünf Kafkas auf die Bühne. In die Ecke getrieben und zugleich im hintersten Winkel Schutz findend (Bühne: Silvia Merlo, Ulf Steiner), wurlen Alexander Absenger, Peter Kremer, André Pohl und Toni Slama als komödiantisches Kafka-Knäuel herum, suchen den passenden Rahmen für eine Fotografie des "langen, mageren, freundlich lächelnden", aber offenbar vollkommen unfotogenen Menschen, werden wie Gregor Samsa zum Käfer (Die Verwandlung) oder zum Großen Schwimmer. In Maria Köstlingers energischer Darstellung kommt dann das innere Drama zwischen Schreibendem und Liebendem am eindringlichsten heraus und Kafka zum einsamen Schluss: "Deshalb kann man nicht genug allein sein, wenn man schreibt."

Verdienter Applaus für alle Beteiligten einer äußerst stimmigen Inszenierung. (Michael Wurmitzer, DER STANDARD, 27.4.2015)

  • Maria Köstlinger treibt Kafkas inneres Leiden am Ende auf die Bleistiftspitze.
    foto: erich reismann

    Maria Köstlinger treibt Kafkas inneres Leiden am Ende auf die Bleistiftspitze.

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