Die Leselupe der Seele

Einserkastl26. April 2015, 16:37
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Social-Media-Kanäle als Paralleluniversum jenseits von Raum und Zeit

Wer glaubt, den Fünfzigerjahren und dem Weibchenschema entkommen zu sein, wird bei näherer Durchsicht der Social-Media-Kanäle ein Paralleluniversum jenseits von Raum und Zeit vorfinden. Einen Literaturblogger beispielsweise, der seine Leseliste nach Attraktivität der Autorinnen wählt. "Wow, ist die scharf, dachte ich mir." Dazu das Foto der jungen Debütantin, deren Werk leider doch nicht so befriedigend war. Eine andere hingegen "hielt, was das Bild versprach".

Heuer wurde schon darüber informiert, dass der Penis die Antenne der Seele ist. Dass er auch die Leselupe der Seele darstellt, ist doch einigermaßen neu. Wer seine Leselust spätestens beim welkenden Fräuleinwunder einbüßt - inklusive junger, etwaigen visuellen Ansprüchen entsprechend suboptimal Ausgestatteter -, wird niemals das Werk bedeutender Autorinnen kennenlernen, nie eine Reifung und Verfeinerung ihrer Arbeit: eine freiwillige Selbstbeschneidung mit dem schalen Beigeschmack des unerwünschten literarischen Beischlafes. Ein Backlash ist eben keine Praktik aus Fifty Shades of Grey. Was schon bei Musik ungut aufstieß, wird bei Literatur nicht besser.

Dazu passt auch der Fall jener Fernsehansagerinnen, deren Outfit regelmäßig heftig diskutiert wurde: zu sexy, zu bieder, zu rot, zu grau, zu zu. Ihr Kollege trug aus Protest ein Jahr lang von den Zusehenden vollkommen unkommentiert täglich denselben Anzug. (rab, DER STANDARD, 27.4.2015)

  • Artikelbild
    foto: apa/marijan murat
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