"Wenn Berlin sich nicht ändert, versinkt die EU"

Kolumne26. April 2015, 16:01
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Der römische Richter und Krimi-Autor Giancarlo De Cataldo fordert eine neue EU-Politik und ortet die deutsche Regierungschefin Angela Merkel in einem anderen Jahrhundert.

Das war starker Tobak: In der Fragerunde am Ende des Auftritts der prominenten römischen Krimiautoren Giancarlo De Cataldo und Carlo Bonini in den Büchereien Wien holten sie zu einem Rundumschlag gegen die EU-Politik der deutschen Regierung aus. De Cataldo: "Wenn Berlin sich nicht ändert, bin ich pessimistisch." Die EU könnte versinken. Bonini: "Wir brauchen eine neue Politik. Angela Merkel gehört in ein anderes Jahrhundert."

De Cataldo ist Richter am Schwurgericht in Rom und ist nicht nur als Autor von Mafiaromanen eine Ikone, sondern auch als Rechtsexperte. Sein jüngster Roman Suburra, den er mit dem Journalisten Carlo Bonini schrieb, ist im Folio-Verlag erschienen und wurde vom ORF-Außenpolitik-Chef Andreas Pfeifer in einer geschickten Inszenierung vorgestellt.

Die Einschätzung der Rolle Deutschlands beruht nicht nur auf politischen Einstellungen De Cataldos. Er argumentiert vor allem mit der rechtlichen Lage. Weil Deutschland in der EU der einzige Staat sei, dessen Verfassungsgericht jeden Schritt Brüssels zu überprüfen habe, sei in den letzten Jahrzehnten eine deutsche Prägung entstanden. De Cataldo: "Das gemeinschaftliche Recht übertrumpft jedes nationale Recht - außer das deutsche." Das führe "neben einer neoliberalen Wirtschaftsverfassung" zu einer Dominanz Berlins. "Wenn sie so weitermachen wie bis jetzt und keine Rücksicht auf andere nehmen, können sie ihre Mercedes bald an sich selbst verkaufen." Das werde passieren, wenn nach Griechenland plötzlich auch in Frankreich, in Spanien, in Ungarn Populisten das Sagen haben. Ein Flächenbrand könnte entstehen, denn "ein Gutteil der Europäer hasst die EU ohnehin schon," fügte De Cataldo hinzu. Zu den ideologischen Unterschieden komme noch eine differente Sprachkultur: "Ich kenne Tsipras und andere. Die und die Banken sprechen eine total verschiedene Sprache."

Tatsächlich wäre es angebracht, beim Debattieren über den EU-Konflikt auch die kulturellen Unterschiede zu berücksichtigen und sie nicht durch eine mittlerweile langweilige Schallplatte zu ersetzen: die Berliner Position als gehypter Sound der EU, die Athener Äußerungen als Chaosmelodien.

Was Griechen und (Süd-)Italiener daher als ständige "Demütigung" empfinden, speist sich auch aus den wie Fakten dargestellten Vorurteilen gegenüber dem Süden. Und wird verstärkt, indem Widerständler wie der griechische Autor Petros Markaris wegen seiner Kritik an "den Reichen" und "den Banken" ins radikale Lager geschoben werden. Alles wäre besser, wenn die dort unten aus ihrem Olivenöl endlich Erdöl machen würden.

Was hier ausgetragen wird, drückt der Sachbuchpreisträger der Leipziger Buchmesse Philipp Ther (Die neue Ordnung auf dem alten Kontinent), so aus: Merkel mache "daheim" Sozialpolitik, auf EU-Ebene agiere sie anders. "Solange der Schwerpunkt auf dem Sparen liegt, wird Angela Merkel im Süden Europas nicht als Vertreterin einer sozialen, sondern einer asozialen Marktwirtschaft wahrgenommen." Das Resultat sind erhöhte Spannungen. (Gerfried Sperl, DER STANDARD, 27.4.2015)

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