VW-Patriarch Piëch tritt zurück

26. April 2015, 07:59
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Seit mehr als zwei Jahrzehnten prägte der 78-Jährige die Geschicke des Autobauers - nun hat er den Machtkampf gegen VW-Chef Martin Winterkorn verloren

Hamburg/Wolfsburg/Stuttgart - Historische Zäsur beim deutschen Autobauer Volkswagen: Nach einem wochenlangen Machtkampf um die Führung des größten Autokonzerns Europas entzog das VW-Präsidium Aufsichtsratsrats-Chef Ferdinand Piëch am Samstag das Vertrauen.

Der 78-jährige Firmenpatriarch, der den Wolfsburger Zwölf-Marken-Konzern seit mehr als zwei Jahrzehnten geprägt hat, erklärte daraufhin zusammen mit seiner Ehefrau Ursula Piëch den Rücktritt von allem Ämtern in dem weltumspannenden Unternehmen mit zuletzt mehr als 200 Milliarden Euro Umsatz. Piëch hatte versucht, VW-Chef Martin Winterkorn aus dem Amt zu drängen, war damit im Machtzentrum des Konzerns aber gescheitert.

Bis zur Wahl eines neuen Vorsitzenden übernahm der Vize des Aufsichtsrats, der frühere IG-Metall-Chef Berthold Huber, kommissarisch die Leitung des Gremiums. Er soll auch die Hauptversammlung 5. Mai in Hannover leiten. Die Wahl des künftigen Aufsichtsratsvorsitzenden soll auf Vorschlag der Eigner erfolgen.

Öffentliche Attacke gegen Winterkorn

Piëchs Cousin Wolfgang Porsche erklärte als Repräsentant des VW-Hauptaktionärs Porsche SE, er habe volles Vertrauen in die Führung des Konzerns und bedauere die Entwicklung der letzten Tage. Er dankte Piëch für seinen Einsatz für Volkswagen und unterstrich: "Wir werden weiterhin mit großer Loyalität unsere Verantwortung als Großaktionär für den Volkswagen-Konzern und seine 600.000 Mitarbeiter wahrnehmen."

Piëch war vor gut zwei Wochen per "Spiegel"-Artikel überraschend von seinem Zögling Winterkorn abgerückt und hatte den Konzern damit in eine tiefe Führungskrise gestürzt. Das Präsidium des Aufsichtsrats hatte Winterkorn daraufhin in einer Krisensitzung den Rücken gestärkt und dem Enkel von "VW-Käfer"-Erfinder Ferdinand Porsche eine herbe Abstimmungsniederlage zugefügt.

Verlorenes Vertrauen

Als der Aufsichtsratschef sich dem Votum nicht fügen wollte und Insidern zufolge hinter den Kulissen weiter an Winterkorns Stuhl sägte, zeigten ihm die anderen Mitglieder des engeren Führungszirkels die Rote Karte. Sie stellten auf einer erneuten Präsidiumssitzung, diesmal in Braunschweig, fest, dass das Vertrauen zu Piëch zerstört sei und ließen ihm damit keine Alternative. "Herr Piëch hat daraus die Konsequenzen gezogen und alle seine Ämter in VW-Aufsichtsräten niedergelegt", sagte Huber. Eine förmliche Abstimmung habe es dabei nicht gegeben, sagten zwei Insider der Nachrichtenagentur Reuters.

Sowohl Huber als auch der niedersächsische Ministerpräsident Stephan Weil, der das norddeutsche Bundesland im Aufsichtsrats-Präsidium vertritt, würdigten Piechs Verdienste um VW und die deutsche Automobilindustrie. "Ohne zu übertreiben ist festzustellen, dass er eine der bedeutendsten Persönlichkeiten der bundesdeutschen Wirtschaftsgeschichte ist", sagte Weil. Gerade Niedersachsen, das 20 Prozent an dem größten Arbeitgeber des Landes hält, habe Piëch viel zu verdanken. "Dennoch war es in der jetzt eingetretenen Situation zwingend geboten, die Personalspekulationen zu beenden und für Klarheit in der Führungsspitze von VW zu sorgen", fügte der SPD-Politiker hinzu.

Kritische Zeit für VW

Analysten nannten Piechs Rücktritt einen "Schock für Investoren". Auch wenn der Streit im VW-Aufsichtsrat in den vergangenen Wochen lautstark öffentlich ausgetragen worden sei, hätten nur wenige den Schritt erwartet - "und sicherlich nicht so schnell", sagte Stuart Pearson von Exane BNP Paribas. "Der Bruch auf so hoher Führungsebene zu einer kritischen Zeit für VW wird zweifelsohne viele Anteilseigner in den nächsten Wochen aus der Fassung bringen." Vom VW-Aufsichtsrat erwarteten Investoren jetzt ein schnelles Vorgehen, um Piech zu ersetzen, und jegliche Unzufriedenheit auf Führungsebene auszuräumen.

Die Nachrichtenagentur Reuters hatte am Freitag aus Kreisen der niedersächsischen Landesregierung erfahren, dass Piëchs Vorgehen gegen Winterkorn immer mehr auf Unverständnis stieß: "Noch zwei, drei solche Sachen sollte er sich jetzt nicht mehr leisten", sagte eine Person mit Kenntnis der Situation. Da liefern einem Insider zufolge bereits die Vorbereitungen für das Krisentreffen am Samstag. (APA/Reuters, 26.4.2015)

  • Die Piëchs beim GTI-Treffen in Reifnitz.
    foto: apa/epa/eggenberger

    Die Piëchs beim GTI-Treffen in Reifnitz.

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