"Armenische Lügen": Rundumschlag Erdogans gegen Staatschefs

25. April 2015, 22:12
139 Postings

Ankara legt sich auch mit Russland an und will "nicht vergessen und nicht verzeihen"

Istanbul/Wien - Nach dem Außenministerium hat nun auch der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan in scharfen Worten alle Staaten zurechtgewiesen, welche die Massaker im Osmanischen Reich an bis zu 1,5 Millionen Armeniern 1915 als Völkermord einstufen. Dazu gehört seit kürzlich auch Österreich, wo es eine entsprechende Erklärung aller Nationalrats-Klubs gegeben hat.

Russland, Frankreich und Deutschland sprach Erdogan aber namentlich an. Diese Länder sollten sich um ihre eigene Geschichte kümmern, sagte der Staatschef am Samstag laut der türkischen Nachrichtenagentur Anadolu. "Zuerst müssen sie, einer nach dem anderen, die dunklen Punkte ihrer eigenen Geschichte bereinigen."

Rede vor Unternehmern

Erdogan kritisierte am Samstag den deutschen Bundespräsidenten Joachim Gauck, den französischen Präsidenten Francois Hollande und den russischen Staatschef Wladimir Putin, die anlässlich der Gedenkfeiern zum 100. Jahrestag des Völkermords an den Armeniern im Osmanischen Reich auch von Völkermord gesprochen hatten.

Erdogan sprach am Samstag vor Unternehmern in Istanbul; seine Äußerungen wurden im türkischen Fernsehen gesendet. Der türkische Präsident beschuldigte Deutschland, Frankreich und Russland, sie würden "Behauptungen aufstellen, die auf armenischen Lügen basieren". Erdogan kritisierte zudem Hollande und Putin dafür, am Freitag an den Gedenkfeiern in der armenischen Hauptstadt Eriwan teilgenommen zu haben. "Wir hätten uns gewünscht, dass Putin nicht nach Armenien gereist wäre, ebenso wie Hollande", sagte er. Armenien und die Türkei haben keine diplomatischen Beziehungen; die Grenzen sind seit 1993 zu.

"Die letzten Länder, die von Genozid gesprochen haben, sind Deutschland, Russland und Frankreich. Was während der zwei Weltkriege passierte, die von Deutschland angezettelt wurden, ist offensichtlich", sagte Erdogan. "Sie sollten zunächst, jeder für sich, die Flecken in ihrer eigenen Geschichte reinigen."

Angriff auf EU

Nach armenischer Darstellung starben vom 24. April 1915 bis 1917 im Zuge der gezielten Vernichtung der armenischen Minderheit auf dem Gebiet der heutigen Türkei bis zu 1,5 Millionen Armenier. Die Türkei spricht dagegen von 300.000 bis 500.000 getöteten Armeniern und ebenso vielen Toten aufseiten der Türken bei bürgerkriegsartigen Kämpfen und Hungersnöten.

Erdogan griff auch die EU an, deren Parlament am 15. April die Türkei aufgefordert hatte, das Massaker an den Armeniern als Völkermord zu bezeichnen. Das EU-Parlament, das den Genozid bereits 1987 anerkannte, sage "nicht die Wahrheit", sagte Erdogan. "Hey Europäische Union! Schenkt uns keine Gedanken, behaltet sie für Euch", sagte er und fügte hinzu: "Sie haben Ohren, die nicht hören, Augen, die nicht sehen, und Zungen, die nicht die Wahrheit sagen."

USA "schüren Hass"

Den USA warf Erdogan vor, auf der Seite der Armenier zu stehen und "Hass" zu schüren. US-Präsident Barack Obama hatte anlässlich des 100. Jahrestag weiter nicht von "Völkermord" gesprochen, aber von Deportationen, Massakern und Todesmärschen.

Der österreichische Nationalrat hatte am Dienstag in einer gemeinsamen Erklärung aller Fraktionen die Massaker an den Armeniern vor 100 Jahren als Völkermord bezeichnet. Die türkische Regierung beorderte daraufhin ihren Botschafter in Wien zu Beratungen nach Ankara zurück. Bundespräsident Heinz Fischer, der trotz Einladung wie Gauck nicht zum Gedenken nach Eriwan reiste, vermied am Samstag in einem Interview mit dem Ö1-Mittagsjournal angesichts der Spannungen mit der Türkei den Begriff "Völkermord". Das österreichische Parlament habe eine Erklärung dazu abgegeben. "Dem ist nichts hinzuzufügen", sagte Fischer. Angesprochen darauf, dass Gauck sehr wohl von "Völkermord" gesprochen habe, meinte Fischer, sein deutscher Amtskollege habe in seiner Rede "Millimeterarbeit in den Formulierungen" geleistet. Die Türkei müsse langsam und schrittweise ins Auge fassen, mit den dramatischen Ereignissen der Vergangenheit anders umzugehen. Zudem sollte sie in der Wortwahl nicht so heftig reagieren, zumal sich viele Staaten mit dem Problem befassen würden, so Fischer. (APA, 25.4.2015)

Share if you care.