Nicht im Keller ist schon der Gipfel

24. April 2015, 18:07
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Wr. Neustadt ist Letzter. Trainer Kolvidsson gerät vor dem Spiel gegen Sturm trotzdem nicht in Panik. Das Abstiegsgespenst ist für ihn kein Thema. Er lacht es weg

Wiener Neustadt - Helgi Kolvidsson sagt, dass er das Abstiegsgespenst persönlich nicht kennt. Er zweifelt an dessen Existenz, insofern fällt es ihm schwer, sich damit näher zu befassen. "Es ist jedenfalls so, dass in Wiener Neustadt keine Zombies herumlaufen." Während des Trainings wird durchaus bei Bedarf gelacht, wohl wissend, "dass unsere Situation nicht wirklich lustig ist. Aber wir können damit umgehen." Die Niederösterreicher sind nach 29 Runden Tabellenletzter der Fußballbundesliga, punktgleich mit der Admira. Es wird also ein Zweikampf wider den Abstieg, Kolvidsson lehnt Vergleiche mit dem Konkurrenten ab. "Die bringen nichts, ich kann und will mich nicht um die Admira kümmern, wir müssen ausschließlich auf uns schauen."

Der 43-jährige Isländer schätzt die Ruhe, die Unaufgeregtheit, den Realismus in Wiener Neustadt. "Da wird nicht groß geredet, vor der Saison von einem Europacupplatz geschwafelt. Jeder im Verein weiß, dass es ausschließlich um den Klassenerhalt gehen kann. Der wäre für uns wie ein Meistertitel." Der Klub zählt nicht unbedingt zu den Klassikern im Land, einen Abstieg würde die Nation ohne Weinkrämpfe verkraften. "Na und", sagt Kolvidsson. "Wir werden eh oben bleiben." Da würde sich der Vertrag mit dem Isländer automatisch verlängern. "Ich plane nicht lange im Voraus, aber ich will hier bleiben."

Neu im Keller

Rund drei Jahre hat er die Austria Lustenau gecoacht, er lag meist in der oberen Hälfte, allerdings in der zweiten Leistungsstufe. Der Keller ist für ihn eine neue Erfahrung. "Aber das habe ich ja gewusst. Der Druck da unten ist auch nicht größer. Bei einem Spitzenklub musst du von vier Partien mindesten drei gewinnen. Bei uns geht es halt darum, weniger als drei zu verlieren." Es sei auch nicht so, dass seine Spieler psychologische oder gar psychiatrische Betreuung benötigten. "Sie wissen, wo sie sind, was sie können. Der Psychologe bin ich. Aber jeder kann Hilfe annehmen, ich halte Selbstverantwortung und Eigeninitiative für sehr wichtig."

Vor einer Woche wurde bei Red Bull Salzburg 0:6 verloren, für das Heimspiel am Samstag gegen Sturm Graz habe diese Watsche keine Bedeutung. "Man muss sich auf die Gegenwart konzentrieren, das ist die Kunst im Sport."

Die österreichische Liga sei eine Mehrklassengesellschaft ("Das ist anderswo auch der Fall"), Salzburg gehöre quasi der Sonderklasse an. "Auch von einem 0:6 kann man etwas mitnehmen, es ist eine Orientierungshilfe." Wiener Neustadt sei aufgrund der geringen wirtschaftlichen Möglichkeiten (Jahresbudget rund fünf Millionen Euro) dazu verdammt, "sich an die meisten Gegner anpassen zu müssen. Trotzdem ist Fußball für uns nicht nur Reagieren. Auch wir haben Freude daran, ab und zu agieren zu können. In praktisch jedem Spiel ergeben sich Gelegenheiten, du musst sie nur erkennen." Als Kolvidsson Ende November 2014 Heimo Pfeifenberger ersetzen musste oder durfte, "war mir klar, worum es geht".

Kicken mit Kloppo

Kolvidsson hält sich für einen "sehr authentischen" Trainer. Als er 17 Jahre alt war, verspürte er den Drang, Island zu verlassen. "Es musste etwas anderes als diese Insel geben." Er verbrachte ein Jahr in den USA, kickte dann in Deutschland bei Pfullendorf, wechselte 1996 zur Austria Lustenau. In Mainz verteidigte er von 1998 bis 2000 mit Jürgen Klopp. Trainer war der mittlerweile verstorbene Wolfgang Frank. "Von ihm lernte ich viel. Er hat mich gelehrt, dass man nichts dem Zufall überlassen soll. Du musst strukturiert sein, einen Plan haben."

Mit Klopp verbindet ihn eine Freundschaft, der Kontakt ist zuletzt lose gewesen. "Er hat in Dortmund Stress. Ich habe seine Handynummer." 2001 bis 2004 spielte Kolvidsson, der es auf 30 Nationalteameinsätze brachte, für den FC Kärnten. Der Vater von drei Töchtern schätzt den englischen Fußball. "Ich mag das Ehrliche, Geradlinige, Kampfbetonte."

An Österreich liebt er die Landschaft, die vier Jahreszeiten, das Essen, den Skilauf, den Fußball. Ans Raunzen hat er sich gewöhnt. "In Wiener Neustadt wird nicht geraunzt. Da laufen keine Zombies herum." (Christian Hackl, DER STANDARD, 25./26.4.2015)

Technische Daten und mögliche Aufstellungen:

SC Wiener Neustadt - SK Sturm Graz (Samstag, 18.30 Uhr, Stadion Wiener Neustadt, SR Drachta). Bisherige Saisonergebnisse: 2:4 (a), 0:0 (h), 3:3 (a)

Wr. Neustadt: Vollnhofer - T. Kainz, Susac, Sereinig, Denner - Ranftl, Freitag, O'Brien, Dobras/M. Koch - Rauter, Hellquist

Ersatz: Schierl - S. Wimmer, Mally, Schöpf, J. Salamon, Tieber, Osman Ali, Maderner

Es fehlen: Hofbauer (Fußverstauchung), Mimm (im Aufbautraining)

Fraglich: Dobras (angeschlagen)

Sturm: Gratzei - Spendlhofer, Madl, Kamavuaka, Klem - Hadzic, Piesinger - Schick, Avdijaj, Gruber - Kienast

Ersatz: Schützenauer - Oschtschypko, Offenbacher, Lovric, Beichler, Schloffer, Tadic

Es fehlen: Ehrenreich (Wadenblessur), Schmerböck (krank), Pliquett (nach Mandeloperation), Scharifi (fehlende Spielpraxis), Edomwonyi (Mittelfußknochenbruch), M. Stankovic (Kreuzbandriss)

Fraglich: Madl (Adduktorenprobleme)

  • Helgi  Kolvidsson glaubt an  den Verbleib.
    foto: apa/punz

    Helgi Kolvidsson glaubt an den Verbleib.

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