"Mortal Kombat X" im Test: Darf's noch ein bisschen mehr Blut sein?

Rezension26. April 2015, 10:00
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20 Jahre nach dem Original erwartet Fans eine Fortsetzung zwischen Sadoperversion und DLC-Ärgernissen

Fiktive Gewalt hat eine faszinierende Wirkung. Wo man in der Realität lieber wegschauen würde und einem das Blut in den Gefäßen gefriert, wandelt sich der alarmierende Ekel beim Fantasieerlebnis zur Schaulust und nicht selten zum Vergnügen. Computerspiele sind ein exzellentes Beispiel für dieses Phänomen. Brutale Darstellungen bei Egoshootern oder Beat‘em‘Ups werden als Teil des Spiels entkoppelt von traumatisierenden Empfindungen unterhaltend wahrgenommen.

Zumindest solange die Stilisierung es ermöglicht, Fiktion und Realität voneinander zu entkoppeln. Der jüngste Teil der Prügelspielserie Mortal Kombat lotet mit bislang unerreicht plastischer Gewaltinszenierung die Grenzen dieser Schaulust aus. Die Schwelle zwischen schwarzem Humor und verrohter Sadoperversion wird so mancher definitiv überschritten sehen. Abgehackte Gliedmaßen, herausgerissene Herzen und berstende Knochen können aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass Hersteller NeatherRealm unter dieser fast lächerlich grausamen Fassade eine sehr vielschichtige Fortsetzung des zwanzig Jahre alten Prügelspielklassikers gelungen ist.

bild: mortal kombat x
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Gewalt mit System

Das liegt daran, dass "Mortal Kombat X" wie schon seine Vorgänger Blut als Ausdrucks und Vermarktungsmittel nutzt, aber nicht zum spielerischen Zentrum macht.

In die Rolle der Kämpfer um Sub-Zero, Raiden, Mileena oder Sonya versetzt, ist man so damit beschäftigt, Schlagkombinationen und Deckungssystem einzustudieren, dass die traditionell seitlich ausgerichteten Konfrontationen mit einem menschlichen oder computergesteuerten Kontrahenten keine versteckten Gewaltgelüste, sondern Ehrgeiz und Spieltriebe wecken.

Schlagender Nervenkitzel

Es gibt wenige Genres, bei denen Nerven so plakativ angespannt werden und "Mortal Kombat X" schafft es, diesen Kick sowohl Gelegenheitsspielern als auch Veteranen schmackhaft zu machen. Ersteren wird der Zugang mittels einer unverfroren trashigen Story erleichtert, in der Jahrzehnte lange Schlacht zwischen den Dämonen des Neatherrealm und den Helden von Earthrealm den Kämpfen so etwas wie einen Sinn verleiht.

Mit einem schlechten Dialog und einer gekonnt animierten Martial-Arts-Einlage nach der anderen werden überdies die Charaktere sukzessive aufs Tableau gebracht, um sich mit den Eigenheiten und verschiedenen Fertigkeiten anfreunden zu können.
In einer Sparte, die sich in den vergangenen Jahren immer weniger um den Mainstream gekümmert hat, ist dies ein überaus freundliches und mit viel roter Farbe verdeutlichtes Signal an außenstehende Interessierte.

bild: mortal kombat x
bild: mortal kombat x

Vielschichtige Herausforderung

Der Übergang in die Tiefe liegt von diesem spritzigen Einstieg an nicht mehr fern. Jeder der über 20 Standardcharaktere verfügt eine Unsumme an Moves, die beherrscht werden wollen. Zudem wird jeder Athlet in drei Varianten angeboten, die sich durch eine Spezialfähigkeit unterscheiden. Die ebenso schön wie die Animationen umgesetzten Umgebungen werden ins Geschehen einbezogen und sorgen so für Überraschungsmomente.

Das ist selbst ohne den eingangs thematisierten optionalen "Fatalities", mit denen Gegner nach einem Sieg grausam hingerichtet werden können, viel Stoff zum Verdauen und forciert den Gedanken, dass sich jeder Spieler seinen eigenen Lieblingschrakter und Stil aussucht.

Meta-Game für die Community

Um sein Können auf die Probe zu stellen, werden Dutzende Herausforderungen geboten, die abseits des typischen One-on-Ones gegen Freunde und Fremde auch Einzelspieler- und Onlineelemente miteinander verknüpfen. In den "Living Towers" beispielsweise wird man vor sich stündlich ändernde Aufgaben gestellt.

Communitybildung ruft das Meta-Game "Faction Wars" hervor, bei denen sich Spieler für eine von fünf Parteien entscheiden und passiv Krieg gegeneinander führen. Jeder erspielte Punkt fließt in die wöchentliche Wertung ein und entscheidet, welche Fraktion neue Boni freigeschaltet bekommt.

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Vermarktung mit Dornenkrone

Ob es notwendig ist, dass dieser spielerischen Vielfalt mit zumindest visuell fatalen Spezialkombos noch eine Dornenkrone aufzusetzen, bleibt letztendlich wohl eine Frage des Geschmacks. Was in der Gamesbranche zurzeit vermarktungstechnisch wirklich schief läuft, verdeutlicht hingegen "Mortal Kombat Xs" Einbindung von kostenpflichtigen Zusatzinhalten.

Weniger schlimm ist, dass man sich hier etwas aus Faulheit die optionalen Fatalities gegen Echtgeld vereinfachen kann. Dass ikonische Spielfiguren wie der vierarmige Goro im Auswahlraster angezeigt, aber bei einem 60-Euro-Werk nur gegen Aufpreis spielbar sind, grenzt trotz aller Fairness des gebotenen Umfangs an eine Frechheit. Das ist, als würde man sich "FIFA" kaufen und müsste dann für Barcelona oder wenigstens Chelsea nochmals extra zahlen.

Fazit

Bei der Fülle an Geschmacklosigkeiten stoßen bei der Hochglanzproduktion "Mortal Kombat X" schlussendlich solche Marketingfrotzeleien am unangenehmsten auf. Schade, denn für Serien- und Genrefans ist es inhaltlich und spielerisch eines der vielseitigsten Werke der jüngeren Vergangenheit und einzigartig, wenn man es gerne ganz schön grauslich hat. (Zsolt Wilhelm, 26.4.2015)

Dem Autor auf Twitter folgen: @ZsoltWilhelm

"Mortal Kombat X" ist ab 18 Jahren für Windows-PC, PlayStation 4 und Xbox One erschienen. UVP: 59,99 Euro. Eine Version für PS3 und X360 folgt zu einem späteren Zeitpunkt.

Hinweis im Sinne der redaktionellen Leitlinien: Das Testmuster zu "Mortal Kombat X" für PS4 wurde vom Hersteller zur Verfügung gestellt.

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