Familienprotokoll: "Immer ausgewichen, immer davongelaufen"

26. April 2015, 09:00
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Wie die Eltern des Autors, damals 22 und 23 Jahre alt, jung verheiratet, mit Kind, aber durch den Krieg getrennt und ohne Kenntnis voneinander, die letzten Wochen bis zum Zusammenbruch des NS-Regimes und den Neubeginn erlebten

Amalie Rauscher: Die Russen sind im März/April 1945 immer näher gekommen, von Ungarn herauf. Ich bin von Wien mit meinem Sohn, der ein paar Wochen alt war, zu Verwandten meines Mannes nach Stein an der Donau. 14 Tage hat man dort vom Krieg nichts gemerkt, dann aber waren die Russen schon in St. Pölten und haben herübergeschossen in die Wachau. In den Gassen von Stein haben wir Kinder gesehen, in viel zu große Uniformen gesteckt, die vor Angst nach der Mutter gerufen haben. Oft erst Fünfzehnjährige. Meine Schwiegermutter und ich mussten wieder alles zusammenpacken und sind am linken Donauufer Richtung Persenbeug gezogen. Wir sind auf andere Flüchtlinge gestoßen, die schon total erschöpft waren und erzählten, dass sie von der SS von Budapest heraufgetrieben worden sind. Ein SS-Offizier hat mich von den Flüchtlingen weggezogen und mir gesagt, dass ich mit diesen Leuten nicht reden darf.

Begegnung mit Opfern der Todesmärsche

Diese "anderen Flüchtlinge" waren offenbar Opfer der Todesmärsche, mit denen die SS ungarisch-jüdische Zwangsarbeiter vom Bau des "Südostwalls" im Burgenland in Richtung KZ Mauthausen heraufgetrieben hatte. Dabei kam es immer wieder zu Massakern, auch unter Beteiligung der Bevölkerung.

Wir kamen dann rüber ins Yspertal. Das Quartier war eine ehemalige Futterkammer; für meine Schwiegermutter, für mich und meinen Sohn. Es waren sehr religiöse, christliche Menschen, die uns gut aufgenommen haben. Nach ein paar Tagen haben sie Vertrauen zu uns gefasst und mit uns die deutschsprachigen BBC-Nachrichten gehört. So haben wir erfahren, dass Renner zur neuen Regierungsbildung aufgefordert wurde.

Am 27. April anerkannten die Sowjets die Regierung Karl Renner, die eine Unabhängigkeitserklärung veröffentlichte.

Bei uns im Yspertal, in der Haslau, stand das Haus an einer Durchzugsstraße von der Tschechoslowakei hinunter zur Donau. In den letzten Tagen sind SS-Soldaten durchgezogen, die auf alles geschossen haben, was sich bewegt hat, aus Angst, es könnten Partisanen sein. An einem dieser Tage sind zwei Männer zur Tür hereingekommen - wir haben gerade BBC gehört. Wir haben gedacht, jetzt ist alles aus. Sie hatten aber schon resigniert und gesagt: Jetzt haben wir wieder einen Krieg verloren. Einer der beiden hat dann etwas erzählt, was mich sehr berührt hat. Die jüdischen Flüchtlinge, die wir vorher getroffen hatten, sind zwei Tage vor Kriegsende noch erschossen worden. Es waren 140 Menschen. Bis zum letzten Augenblick hat es diese Vernichtungsaktionen gegeben.

Als dann die Russen durchgezogen sind, hat man ums Überleben gekämpft; immer ausgewichen, davongelaufen, in Futterkästen versteckt. Ich hab nicht mehr gewusst, soll ich mich vorne vor den Russen fürchten oder hinten vor den Schlangen - und immer war mein Sohn dabei. Dann bin ich doch einmal einem Russen in die Hände gelaufen, der gesagt hat, ich soll den Sohn nie aus der Hand geben, das ist ein weitgehender Schutz. Am 8. Mai ist uns eine junge Frau in Uniform um den Hals gefallen und hat gesagt, dass der Krieg vorbei ist. Anfang Juni sind wir auf langen Fußmärschen und immer wieder mit Zügen nach Hause, nach Wien, gekommen. Da hat dann der große Hunger begonnen, den man auf dem Land nicht so gespürt hat. Mein Sohn hat es gut überstanden. In dieser Zeit waren viele Kinder gestorben.

Der Ehemann, Hannes Rauscher, als Funker bei der Wehrmacht in Russland, war zu diesem Zeitpunkt zu einem Lehrgang nach Berlin und später nach München kommandiert worden.

Hannes Rauscher: Ende April bekam ich Marschbefehl in die "Alpenfestung" nach Berchtesgaden. Aber dann waren schon die Amerikaner da. Sie suchten nach dem Zeichen, ob man bei der SS war. Mit einem Zweiten habe ich mich auf den Weg gemacht über die Donau. Die Demarkationslinie war noch im Mühlviertel, das ja dann von den Russen besetzt wurde. Wir wurden geschnappt und in ein Lager gebracht. Die Tore waren offen, es war nur ein Offizier dort. Wir sind verschwunden, haben uns tagsüber in einer Betonröhre versteckt und sind dann mit dem Zug nach Wien gefahren. Es war Ende August. Ich bin vom Westbahnhof schnurstracks zu meiner Frau - mein Sohn war damals neun Monate alt: ein gesundes Kind, was damals ein Wunder war. In Wien haben wir nichts gehabt. Wir waren in der britischen Zone. Die erste eigene Wohnung haben wir erst 1950 bekommen. (Hans Rauscher, DER STANDARD, 24.4.2015)

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