Die inoffizielle Jazzakademie

24. April 2015, 17:20
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Die Wiener Jazzszene erreichte nach 1945 erstaunlich rasch international herausragendes Niveau. Entscheidenden Anteil daran hatten der Sender Blue Danube Network und die amerikanischen Soldatenclubs

Dass eine europäische Combo im Kritiker-Ranking der besten Jazzbands im US-Magazin Downbeat aufschien, war anno 1956 ungewöhnlich genug. Noch überraschender erscheint retrospektiv, dass das Quintett mit dem selbstbewussten Namen Austrian All Stars aus Wien stammte - einer Stadt, die damals in Sachen Jazz großen Nachholbedarf aufwies: Schließlich hatten die durch Europa tourenden US-Bands schon ab 1934 einen Bogen um das autoritär regierte Österreich gemacht. Und die repressive Haltung der Nationalsozialisten gegenüber afroamerikanischer Musik wurde nach 1945 teilweise durch ein ungebrochen konservatives Klima perpetuiert.

Wie war es möglich, dass die Austrian All Stars um die Saxofonisten Hans Salomon und Karl Drewo sowie Pianist Joe Zawinul im zerstörten, darbenden Nachkriegsösterreich Cool Jazz auf international herausragendem Niveau spielten? Die Antwort ist interessanterweise nicht im "Re-Orientation"-Programm zu suchen, mit dem die USA neben demokratischer Gesinnung auch - mit bescheidenem Resultat - transatlantische Hochkultur in Gestalt der Werke Samuel Barbers oder Aaron Coplands zu propagieren suchten. Erfolgreicher - auch als der offizielle US-Radiosender Rot-Weiß- Rot - erwies sich ein Medium, dessen Inhalte die Amerikaner selbst nicht als kulturelle Exportware betrachteten: Der zur Unterhaltung der GIs eingerichtete Sender Blue Danube Network (BDN) war es, der rasch zur wichtigsten Informationsquelle für heimische Jazzfans avancierte.

"Die Amerikaner waren im September 1945 in Wien, die haben sofort ihren eigenen Sender gehabt. Ich habe das gehört, und es hat mich ins Herz getroffen. Ich habe gedacht, ich muss Jazzmusiker werden", so erinnert sich der heute 81-jährige Hans Salomon, letztes lebendes Mitglied der Austrian All Stars. Wie Salomon begeisterten sich zahlreiche Musiker dank der BDN-Sendungen für den Jazz. Damit nicht genug: Mit der Besetzung Österreichs ging der Aufbau einer komplexen Infrastruktur für die Soldaten einher. Das bedeutete im Falle der Amerikaner auch die Einrichtung von Clubs, in denen Livemusik geboten wurde. Österreicher hatten in der Regel keinen Zutritt - außer sie wurden als Musiker engagiert.

Joe Zawinul, bekanntester heimischer Jazz-Export, entschied sich im Sommer 1949, nicht beim Klavierwettbewerb in Genf anzutreten, sondern ein Engagement in einem US-Club im Wels anzunehmen. Die Aussicht auf drei warme Mahlzeiten pro Tag und eine kleine Gage gab für ihn den Ausschlag, den Plan der klassischen Pianistenkarriere fallenzulassen.

"An diesem Tag", so der spätere Miles-Davis-Mitstreiter in Gunther Baumanns Buch Zawinul - Ein Leben aus Jazz, "hat mein professionelles Leben wirklich begonnen. (...) Und in dem amerikanischen Club habe ich zum ersten Mal ein wirkliches Superfrühstück gegessen. Das war das Allerbeste. Ich schreib meiner Mama eine Karte: 'Das kann man sich gar nicht vorstellen, wie die Amerikaner leben.'"

Zu einer Zeit, in der das österreichische Publikum mehrheitlich noch immer jazzferne Tanzmusik bevorzugte, fungierten die US-Clubs als jene Orte, an denen Jazz gespielt werden konnte. Und sie dienten als Infobörsen, die Zugang zu den für die GIs hergestellten Platten (" V-Discs") und Notenmaterial eröffneten.

In Klaus Schulz' Hans-Koller-Biografie (2007 im Album-Verlag), erzählt der verstorbene Austrian-All-Stars-Schlagzeuger Viktor Plasil, dass er über einen US-Offizier in den Besitz eines kostbaren Hi-Hats mit Fußmaschine kam - wodurch er zum bestausgestatteten Drummer Wiens avancierte.

Es scheint kaum übertrieben, die Clubs der GIs als Art inoffizielle Jazzakademie zu bezeichnen, ohne die die Karrieren vieler Musiker anders verlaufen wären. Als 1955 infolge des Staatsvertrags die Soldatenclubs schlossen und BDN den Sendebetrieb einstellte, war eine Basis gelegt. Klarinettist Fatty George - der Name war ihm in US-Clubs zugewachsen - eröffnete im Oktober 1955 den ersten Wiener Jazzclub. Und die Musik der Austrian All Stars machte in den USA Eindruck, wo wenige Jahre später Joe Zawinul seinen Durchbruch erleben sollte. Ohne die unbeabsichtigte Starthilfe durch die US-Besatzer hätte vielleicht selbst der große Erdberger nur in Wien Weltruhm erlangt. (Andreas Felber, DER STANDARD, 25.4.2015)

  • Musiker Hans Salomon: "Die Amerikaner waren im September 1945 in Wien, die haben sofort ihren eigenen Sender gehabt. Ich habe das gehört, und es hat mich ins Herz getroffen. Ich habe gedacht, ich muss Jazzmusiker werden."
    foto: heribert corn

    Musiker Hans Salomon: "Die Amerikaner waren im September 1945 in Wien, die haben sofort ihren eigenen Sender gehabt. Ich habe das gehört, und es hat mich ins Herz getroffen. Ich habe gedacht, ich muss Jazzmusiker werden."

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