Österreichs Zukunft 1943: Allein, mit Bayern oder Habsburg reloaded

25. April 2015, 17:00
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Aus der Sicht der letzten Weltkriegsjahre boten sich mehrere unterschiedliche Optionen für die Zukunft Österreichs

Uncle Joe war dagegen. Dabei hatten es sich die Briten so schön zurechtgelegt. Österreich sollte Teil einer mittel- und osteuropäischen Konföderation werden - mit Polen, Ungarn und der Tschechoslowakei. Es war eine Lieblingsidee des britischen Premiers Winston Churchill, das Habsburger-Reich nach 1945 in einer modernen Form wieder aufleben zu lassen. Aber Uncle Joe, wie US-Präsident Franklin Roosevelt den sowjetischen Diktator Josef Stalin nannte, war dagegen.

Verbund mit Deutschland kam nicht infrage

"Stalin durchschaute Churchills Plan, mit der Konföderation ein antisowjetisches Bollwerk zu errichten", erklärt der deutsche Historiker und emeritierte Zeitgeschichteprofessor der Universität Innsbruck, Rolf Steininger. "Bereits 1943 lehnte er das gnadenlos ab." In der berühmten Moskauer Deklaration von 1943 schrieben die Alliierten fest, dass "ein freies und unabhängiges Österreich" wiederhergestellt werden sollte. Laut dem Plan der Briten war das aber nur der erste Schritt in Richtung der neuerlichen Errichtung eines größeren Verbunds, erklärt Steininger.

Dieser Plan geht auf Geoffrey Harrison zurück. Der damals erst 34-jährige Diplomat erstellte für Churchill ein 13-seitiges Papier mit dem Titel "The Future of Austria", in dem er Möglichkeiten aus britischer Sicht durchging. Die erste Option, ein Verbleib Österreichs bei Deutschland, das die Alliierten schwächen wollten, kam nicht infrage. Die zweite Option bestand in einer süddeutschen Konföderation, also dem Zusammengehen Österreichs mit Bayern, eventuell auch Württemberg und Baden. "Der Hintergedanke war die Schwächung Preußens", erklärt Steininger. Harrison sah aber nicht genug Gemeinsamkeiten. Er schreibt: "Bayern und Österreicher mögen beide die Preußen nicht, aber diese gemeinsame negative Haltung ist zu wenig für einen Zusammenschluss. Bayern und Österreicher haben sich nie besonders gemocht."

Die dritte Option

Als dritte Option stand die Unabhängigkeit zur Debatte. "Nach den Erfahrungen der Zwischenkriegszeit war das für Harrison keine ernsthafte Alternative. Man glaubte, das Land wäre schwach und ein potenzieller Gefahrenherd. Es konnte also nur ein erster Schritt sein, dem mit der Mittel- und Südosteuropa-Konföderation ein zweiter folgen müsste", erklärt Steininger. Allerdings, schreibt Harrison, würden die Nachbarn Österreich vielleicht nicht gerade mit offenen Armen in eine Konföderation aufnehmen, weil es erneut hegemoniale Ansprüche stellen oder als Verlängerung deutscher Einflüsse dienen könnte.

Steiniger möchte den Verbleib Österreichs auch nicht losgelöst vom Ringen Stalins um ein neutrales Gesamtdeutschland sehen, das für sowjetische Einflüsse empfänglich gewesen wäre. Erst nachdem Deutschland der Nato beitrat, lässt Russland Österreichs Neutralität zu. "Bis heute ist nicht klar, ob dieser Schritt Moskaus nur auf Wien abzielte, oder nicht auch auf Bonn", erklärt der Historiker.

Harrison schreibt, dass die Zukunft Österreichs eine der schwierigsten Fragen sein würde, mit denen die Staatsspitzen nach dem Krieg konfrontiert sein würden. Die Karrieren als antikommunistisches Bollwerk oder antipreußischer Partner Bayerns blieben dem Land immerhin erspart. (Alois Pumhösel, DER STANDARD, 25.4.2015)

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