Mit dem Tank der Army bis vor die Bordelltür

25. April 2015, 10:00
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Die Soldaten und die Militärverwaltungen der Alliierten haben in Österreich deutliche Spuren hinterlassen. Einige sind bis heute sichtbar

Für die Salzburger ist es selbstverständlich: Das Schwimmbad in der Alpenstraße im Süden der Stadt ist das AYA-Bad. Über die Bedeutung des Namens sind sich freilich die wenigsten im Klaren. Das Bad wurde mit Mitteln des Marshallplans errichtet. Die Abkürzung steht für American Youth Association.

Die Franzosen setzten hingegen mehr auf Kultur. 1946 wurde in Innsbruck das französische Kulturinstitut eröffnet. Die Einrichtung bot Sprachkurse an, lud französische Künstler ein, organisierte Städtepartnerschaften. Dieses Erbe ziehen die Befreier von einst gerade zurück. Das Institut befindet sich aktuell in Auflösung. Das "Stück Frankreich in Tirol", wie man sich selbst bezeichnete, wird in Wien beheimatet sein, der Direktor wird künftig von dort aus alle Bundesländer betreuen.

Rot-gelb-blauer Regenbogen

Von den eigentlichen Kampfhandlungen und militärischen Aktionen gibt es nur mehr wenige Reste zu besichtigen. In Salzburg beispielsweise findet sich an markanten Geländepunkten ein rot-gelb-blauer Regenbogen. Das aufgemalte Symbol markiert den Weg der 42. US-Infanterie-Division, der "Rainbow Division". Ihr Kommandant war Harry J. Collins, der spätere Oberbefehlshaber der US-Truppen in Österreich.

Ganz andere Spuren haben die Army-Soldaten in der Landeshauptstadt Salzburg zurückgelassen. In der Steingasse sind an den Häuserwänden Kratzspuren eines Panzers zu sehen. Die Narben stammen von einer Aktion betrunkener US-Soldaten. Überliefert ist, dass die Soldaten im Mai '45 mit dem Panzer direkt ins Bordell fahren wollten. Die Gasse war aber zu schmal, und sie blieben mit ihrem schweren Gerät darin stecken. Die Abschürfungen am Mauerwerk wurden nie beseitigt. Die Geschichte gilt freilich als Urban Legend. Sie wird bei Stadtführungen von Reiseleitern erzählt, ist aber nicht belegbar.

Was die Aktion für die GIs disziplinarrechtlich gebracht hat, weiß auch niemand. Wesentlich tragischer jedenfalls dürfte ein Trinkgelage für sowjetische Soldaten in Gresten (Niederösterreich) geendet haben. Auf dem Friedhof der Mostviertler Gemeinde steht ein Gedenkstein für gefallene Sowjetsoldaten. Allerdings ist dieser, so wird in der Stadt überliefert, nicht nur Kriegstoten gewidmet. Einige Soldaten sollen an "falschem Alkoholgenuss" verstorben sein.

Genetische Spuren

Ein in den Felsen gehauener Stern in der Felsenau und eine kleine Gasse in der Feldkircher Altstadt erinnern an die rund 7000 marokkanischen Soldaten, die im April 1945 nach Tirol und Vorarlberg kommen mussten. Die Zwangsrekrutierten der französischen Armee waren nur kurz in Österreich, dann ging es für viele weiter in die Kolonialkriege. In Vorarlberg hinterließen einige nachhaltige Spuren, die "Marokkanerle" oder weniger freundlich "Kinder der Schande".

Die Beziehungen von Vorarlbergerinnen mit Marokkanern wurden bis in die jüngste Zeit tabuisiert. Die Nachkriegskinder hatten unter Diskriminierung und Stigmatisierung zu leiden. Erst der Bauer Georg Fritz, selbst Sohn eines marokkanischen Soldaten, brach das Tabu, suchte als 60-Jähriger nach seinem Vater und gründete mit anderen Betroffenen eine Vereinigung. (jub, mika, neu, ruep, spri, DER STANDARD, 25.4.2015)

Porträts aus der Nachkriegszeit:


Die Freiheit der Gedanken als Leitmotiv

1945 war Dieter Macek drei Jahre alt und wuchs in einer Bludenzer Eisenbahnerfamilie auf, die "unpolitisch wie Nachbars Katz war". Maceks politische Entwicklung war die eines Aufmüpfigen: Kulturaktivist im klerikalen Bregenzerwald, Sozi im erzschwarzen Land, dann Mitbegründer der Grünen. Sein Leitmotiv: "Die Gedanken sind frei."

Dass man Freigeister nicht so gerne mag, lernte er früh: Als Kochlehrling erhielt er Hausverbot, weil er sich gegen die ungesetzliche 60-Stunden-Woche aufgelehnt hatte. Macek ging zur Bahn, blieb dort 35 Jahre, eckte immer wieder an: "Disziplin und Rangordnung waren wichtiger als Innovationen, Können und Wissen. Dennoch war ich der erste Bahnhofsvorstand, der seine Bahnhöfe in Richtung Eigenverantwortung umstrukturiert und damit seinen eigenen Dienstposten aufgelöst hat."

1973 gründete er im Bregenzerwald die Wäldertage, organisierte unangepasste Kulturveranstaltungen. Die SPÖ warf Macek 1984 aus der Partei, weil er Grüner wurde. Heute sieht er die Gedankenfreiheit wieder bedroht: "Geistige Einengung, die Macht des Geldes, der Religionen drohen die Welt zugrunde zu richten." (Jutta Berger, DER STANDARD, 24.4.2015)


Stolz auf ein Leben voller Arbeit

"Der Primar holte mich, weil ich Englisch konnte. Wir fahren nach Urfahr zu den Amerikanern, hat er gesagt. Die sollen sich tummeln, damit nicht die Russen zu uns kommen." So erfuhr Ingeborg Denkmayr im Mai 1945 vom Kriegsende. Sie war 18, hatte bereits in Wien Medizin-Vorlesungen besucht und arbeitete in einem Lazarett in Linz. Sie wollte Ärztin werden.

Doch es kam anders. Das Geld war knapp, sie musste an die Lehrerbildungsanstalt. "Ich bin weinend hingegangen und hoffte, abgewiesen zu werden", erinnert sie sich. "Andere konnten sechs Instrumente, blitzten aber ab, weil sie beim BDM waren. Ich musste 'An einem Bächlein helle' vorsingen und wurde genommen." Schon 1946 unterrichtete sie im Hausruck, drei Gehstunden von daheim. Jede Woche besuchte sie Tanzabende der US-Besatzer, pflegte aber keine "näheren Bekanntschaften".

1948 heiratete sie, drei Kinder zog sie groß. Ihr Leben lang blieb sie Lehrerin, sehr gerne, wie sie sagt. Die Arbeit war ihr wichtig: "Hätte ich den Kaiser von China geheiratet, wär ich auch nicht daheimgeblieben." In der Pension wollte sie erneut studieren. Da erkrankte aber ihr Mann schwer. Ärztin zu sein blieb ein Traum. (Alois Pumhösel, DER STANDARD, 24.4.2015)


Der jüdische Ministrant

Seine erste Rolle spielte der spätere Doyen des Tiroler Landestheaters gänzlich unfreiwillig: Günther Lieder wurde im Jahr 1947 in Innsbruck geboren - als Sohn eines österreichischen Soldaten, als Tiroler, als Katholik. Er sei aber rasch stutzig geworden, sagt er heute. Zuerst wegen diverser ungewöhnlicher Rituale in seiner Familie, wegen gewisser Begriffe, die seine Eltern verwendeten.

Im Urlaub lernte er dann Verwandte aus Amerika kennen. Die sprachen jiddisches Deutsch, waren emigriert, wie sie ihm später erzählten. Lieder sei neun Jahre alt gewesen, war gerade Ministrant, da erkannte er: Ich bin eigentlich Jude.

"Plötzlich wusste ich, warum ich nicht gerne jodle und schuhplattle", sagt Lieder und lächelt sanft. Schon in seiner Jugend setzte er sich intensiv mit der jüdischen Kultur auseinander, im Alter von 24 Jahren fasste er schließlich den Beschluss, zu konvertieren - um zu seinen Wurzeln zu stehen, nicht weil er tiefreligiös sei, sagt er.

Lediglich sein Vater habe ihn nie verstanden: "Noch am Sterbebett hat er mir gesagt, für einen Katholiken und Urösterreicher gehalten zu werden, dabei sollte man es doch belassen, wenn man kann." (Katharina Mittelstaedt, DER STANDARD, 24.4.2015)

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