Kunstkollision mit der Zeitgeschichte

24. April 2015, 17:32
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1945 war die Stunde null für zeitgenössische österreichische Kunst. Junge Kunstschaffende standen einer feindseligen Gesellschaft gegenüber, die zeitgenössische Kunst immer noch als "entartet" betrachtete

In den Kunstmetropolen, allen voran Paris und New York, schrieb man in den 1940er-Jahren mit Tachismus und Abstraktem Expressionismus bereits eifrig neue Kapitel der Kunstgeschichte. In Österreich hingegen wurde Avantgarde nach dem Krieg nur vorsichtig und rückwärtsgewandt buchstabiert. Picasso? Skandalös! Duchamp? Scharlatan! Kunstmarkt? Lag brach. Museum moderner Kunst? Gab es noch nicht.

"Wer sich für Dadaismus und Surrealismus interessierte, musste seine Information auf abenteuerliche Weise suchen", schreibt Robert Fleck in seiner im Löcker-Verlag erschienenen Aufarbeitung der Avantgarde in Wien. Nur drei Tage, nachdem Arnulf Rainer 1949 die Aufnahmsprüfung an die Akademie der bildenden Künste bestanden hatte, verließ er die Künstlerschmiede wieder, weil seine Arbeiten als "entartet" galten. "Die Menschen waren nach dem Krieg noch sehr vom Realismus angetan", erinnert sich der 1929 geborene Maler Wolfgang Hollegha, "sie sind bei Ausstellungen manchmal regelrecht mit Schirmen auf uns Abstrakte losgegangen."

Kunst war damals übrigens vor allem Männersache, Frauen wie Susanne Wenger, die allerdings bald nach Nigeria auswanderte, Maria Biljan-Bilger und, als berühmteste, Maria Lassnig, zählten zu den Pionierinnen. Später sollten Künstlerinnen wie Helga Philipp, Kiki Kogelnik oder Martha Jungwirth die Szene aufwirbeln.

1945 aber war das Jahr null. Die Zäsur. Vertriebene Künstler kehrten langsam zurück. Die Moderne kollidierte mit der Zeitgeschichte: "Das tragische Lebensgefühl der Epoche war Allgemeinbesitz" (Fleck). Schaudernd berichtete der Maler Markus Prachensky (1932-2011) vom "Nazigesindel" im Nachkriegswien und dem tiefen, "unendlich tiefen, schwarzen Loch, aus dem wir Künstler uns nach dem Krieg gemeinsam herausarbeiten mussten. Es herrschte zwischen uns über alle Auffassungsunterschiede hinweg eine ,solidarité de la rasse'."

Solidarisch, antifaschistisch, international: Unter der Präsidentschaft von Albert Paris Gütersloh, der neben Josef Dobrowsky und Herbert Boeckl einer der damals stilbildenden Professoren an der Akademie war, formierten sich 1946 Maler, Musiker, Bildhauer und Dichter unterschiedlichster Stilrichtungen zum Art Club. Ihr Clublokal, der Strohkoffer, wurde, so Fleck, zum stadtbekannten Emblem bohemienhafter Lebenskultur. Bald allerdings kristallisierten sich unterschiedliche Lebens- und Kunstentwürfe heraus, es entstanden eigene Gruppierungen. Der Kunsthistoriker und Museumsdirektor Otto Breicha (1932-2003) nannte dies ein "Ausschwärmen der Personalstile, das um die Mitte der 1950er-Jahre einsetzte, aber erst recht die Entwicklung seit 1960 kennzeichnet."

Die Abstrakten bildeten die Künstlergruppe St. Stephan rund um Otto Mauer, charismatische Galionsfigur österreichischer Nachkriegskunst. Die Wiener Schule des Phantastischen Realismus reüssierte international. Konkrete Kunst versus Gegenständlichkeit, Informel versus (sozialistischen und phantastischen) Realismus, dazwischen knospende neue Wirklichkeiten: Neutral war niemand, der Kalte Krieg schwappte auch in die Kunstszene, wenngleich mit einem gewissen Augenzwinkern. "CIA-Maler", spottete Alfred Hrdlicka angeblich über seine abstrakten Studienkollegen; die wiederum hießen ihn einen "kommunistischen Volksgesundler". Ja, und dann, ab 1962, erschreckten die Wiener Aktionisten mit radikaler Körperkunst prüde Bürgersinnlichkeit.

"Es herrschte Zensur", erinnert sich der Schriftsteller, Komponist und bildende Künstler Gerhard Rühm, "sogar Fotos Halbnackter, die in Magazinen publiziert wurden, mussten in Österreich mit Querbalken versehen werden. Aus Filmen wurden Szenen herausgeschnitten, über die man heute nur mehr lachen würde. Wir alle galten als Extremisten; wenn in einer Zeitschrift etwas von uns erschien, gab es einen Aufstand." (Andrea Schurian, DER STANDARD, 25.4.2015)

  • Kunst war damals vor allem Männersache, Frauen wie  Maria Lassnig zählten zu den Pionierinnen. Im Bild: Lassnigs Gemälde "du oder ich".
    foto: reuters/herwig prammer

    Kunst war damals vor allem Männersache, Frauen wie Maria Lassnig zählten zu den Pionierinnen. Im Bild: Lassnigs Gemälde "du oder ich".

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