Geschichte bietet Trost in der Gegenwart

24. April 2015, 18:54
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Mit Band vier seines monumentalen Werks "Geschichte des Westens" ist Historiker Heinrich August Winkler in der Gegenwart angekommen

Die beiden ersten Bände waren vor allem Lektüre für Geschichtsinteressierte, chronologisch akribisch bis ins kleinste Detail. Band drei und der neue Band vier bieten eine Fülle von Hintergrundwissen zum Zeitgeschehen. Beim Lesen ertappt man sich dabei, sich an dieses oder jenes wieder zu erinnern. Wer weiß noch, dass sich Österreichs Sozialdemokraten noch bis 1991 Sozialisten nannten? Wem etwa die derzeitigen Probleme in der EU komplex erscheinen, der findet Trost in der Geschichte, da Winkler noch weitaus dramatischere Krisen in der Gemeinschaft beschreibt.

Der Westen ist natürlich ein Konstrukt, wiewohl es der langjährige Professor für Neueste Geschichte an der Berliner Humboldt-Universität als normatives Projekt verstanden wissen will und auch ideengeschichtlich so einordnet: "Die Ideen der unveräußerlichen Menschenrechte, der Herrschaft des Rechts, der Gewaltenteilung, der Volkssouveränität und der repräsentativen Demokratie" sind für ihn der Maßstab.

Er spannt in diesem Band den Bogen über ein Vierteljahrhundert: vom Zusammenbruch der Sowjetunion bis fast in die Gegenwart, denn die Beschreibungen der Auseinandersetzungen in und um die Ukraine sind überraschend aktuell. Winkler konzentriert sich im Wesentlichen auf die Rolle des beschreibenden Chronisten, manchmal lässt er Bewertungen einfließen. So kommt Österreich im Zusammenhang mit EU-Aktivitäten mehrfach vor, der schwarz-blauen Regierungsbildung im Jahr 2000 und den Folgen widmet er drei der 687 Seiten.

Zu den Sanktionen schreibt Winkler: "Mit dem Beschluss, die bilateralen Beziehungen der Mitgliedsstaaten zu Wien einzufrieren, hatte die Gemeinschaft, gemessen an ihrem Verhalten in vergleichbaren Fällen, überreagiert. Die Beteiligung der ehemaligen Neofaschisten und der ausländerfeindlichen Lega Nord an der ersten Regierung Berlusconi 1994 war ihr keine Rüge wert gewesen." Bei der Neuauflage 2001 sei ebenfalls nichts geschehen. Italien sei ein großes Land, das "kleine Österreich" besser geeignet, "an ihm ein Exempel zu statuieren".

Das Schlusskapitel heißt "Das Ende aller Sicherheiten" und beginnt mit der Weltfinanzkrise 2008, die er als die größte Herausforderung für den damals gerade gewählten US-Präsidenten Barack Obama beschreibt. Das Kapitel endet mit dem Krisenjahr 2014, mit den noch immer aktuellen Themen Ukraine und Eurozone.

Am Ende dieses Bandes zieht der 1938 in Königsberg geborene Historiker Bilanz. Dieses komprimierte, fulminante Fazit ist die Essenz seines mehr als 4500 Seiten umfassenden Lebensprojekts. Obwohl fest im transatlantischen Fundament verankert, tut er dies in Zusammenhang mit den USA auch kritisch, wenn er etwa die bis in die Gegenwart reichenden Auswirkungen des "Kriegs gegen den Terror" in Form von "Allround-Überwachung" durch die Geheimdienste beschreibt.

Angesichts der Bedrohungen durch Nationalisten, autoritäre Regime und religiöse Fanatiker sieht er den Westen gefordert zusammenzurücken und seine Werte zu verteidigen. Damit könne man mehr erreichen als mit militärischen und ökonomischen Mitteln, meint Winkler.

Seit es für den Westen keine ideologische Herausforderung durch eine andere Weltmacht mehr gibt, sieht Winkler eine andere Bedrohung dieser normativen Errungenschaften: "Die entfesselten Finanzmärkte und die von ihnen betriebene, durch die digitale Revolution ermöglichte Globalisierung des Kapitals." So gebe es kein globales Regulierungswesen und keine mit globalen Kompetenzen ausgestattete Kartellbehörde. "Die Infragestellung der normativen Grundlagen des Westens durch den Westen selbst dürfte also weiter voranschreiten", so Winklers Einschätzung. Das normative Projekt ist für ihn ein normativer Prozess geworden - mit noch offenem Ende. (Alexandra Föderl-Schmid, DER STANDARD, 25.4.2015)


Winkler ist am 26.4. um 11.00 Uhr im Burgtheater zu Gast bei "Europa im Diskurs", diesmal über den Wiener Kongress und seine Folgen.

  • Heinrich August Winkler, "Geschichte des Westens. Die Zeit der Gegenwart". € 30,80 / 687 Seiten, C.-H.-Beck-Verlag, München 2015.
    foto: c.-h.-beck-verlag

    Heinrich August Winkler, "Geschichte des Westens. Die Zeit der Gegenwart". € 30,80 / 687 Seiten, C.-H.-Beck-Verlag, München 2015.

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