Erbe der Zweiten Frauenbewegung: "Es gibt viel Unerledigtes"

Interview26. April 2015, 13:23
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Selbstbestimmung über den eigenen Körper sei bis heute nur zum Teil erreicht, meint Alexandra Weiss

Österreich feiert heuer das 70-jährige Bestehen der Zweiten Republik. Gerade für die Zweite Frauenbewegung war Sexualpolitik eine wichtige Agenda. Die Selbstbestimmung über den eigenen Körper sei aber bis heute nur zum Teil erreicht, meint Politikwissenschafterin Alexandra Weiss von der Universität Innsbruck.

dieStandard.at: Was waren die zentralen Momente in der Sexualpolitik der Zweien Republik?

Weiss: Die Fristenregelung der 1970er Jahre ist eine wichtige gesetzliche Regelung gewesen, aber natürlich ist dieser bereits etwas vorausgegangen. Das war eine der ersten Debatten, die die zweite Frauenbewegung angestoßen hat. Die Regulierung von Sexualität und die Kontrolle über die Reproduktionsfähigkeit waren ein zentrale Momente für Frauen.

dieStandard.at: In der Reproduktionskontrolle ging der Fristenregelung die Einführung der Anti-Babypille voraus, welchen Einfluss hatte diese auf die Rolle der Frauen?

Weiss: Die Pille wurde Anfang der 1960er Jahre in Österreich zugelassen. Sie hat viel verändert, aber es bestand kein ungehinderter Zugang.

dieStandard.at: Wie wurde der Zugang reguliert?

Weiss: Ärzte, die in der Gynäkologie vor allem männlich waren, haben stark reglementierend eingegriffen. Nicht jede Frau, die eine Pille verlangt hat, bekam sie auch. Die persönlichen Moralvorstellungen der Ärzte sind in die Vergabe miteingeflossen. Sie haben oft Frauen, die nicht verheiratet waren, oder Frauen, die noch keine Kinder hatten, die Pille nicht verschrieben. Das hat bis weit in die 1970er Jahre hinein gedauert.

dieStandard.at: In dieser Zeit wurde die Fristenregelung beschlossen …

Weiss: Ein wesentliches Gesetz, aber es fehlt bis heute eine gute Umsetzung. Es wurde zwar die Möglichkeit zum Schwangerschaftsabbruch geschaffen, aber es ist letztendlich noch immer von den Landesregierungen abhängig, ob ein Abbruch durchgeführt werden kann. In Tirol oder Vorarlberg gibt es keine Möglichkeit, nach der Fristenregelung eine Abtreibung in öffentlichen Krankenhäusern durchführen zu lassen. In Tirol gibt es nur einen Arzt, der Abtreibungen vornimmt. Obwohl die Fristenregelung ein großer Wurf war, ist vieles - die konkreten Umsetzungsbestimmungen - nach wie vor nicht vorhanden.

dieStandard.at: Was bedeutet diese mangelnde Umsetzung für die gesellschaftliche Anerkennung von Abtreibung?

Weiss: Es ist noch nicht zur Normalität geworden. Genauso wie Schwangerschaft und Geburt zum Leben vieler Frauen gehört, gehört auch Abtreibung dazu. Das ist noch immer abnorm und wird tabuisiert. Obwohl die überwiegende Mehrheit der Gesellschaft für die Fristenregelung ist, gibt es immer noch Angriffe und die Erschwerung des Zugangs.

dieStandard.at: Wie wird der Zugang noch erschwert?

Weiss: Dass Frauen für einen Schwangerschaftsabbruch etwa selbst bezahlen müssen, ist eine Hürde. Ebenso bei Verhütungsmitteln. Eine wesentliche feministische Forderungen ist, dass die Kosten dafür von den Krankenkassen übernommen werden müssen. Der Schwangerschaftsabbruch wird noch immer als etwas Unrechtes dargestellt, das vom Staat nicht zu unterstützen ist. Während Maßnahmen, wie künstliche Befruchtung aber sehr wohl unterstützt werden.

dieStandard.at: Die Agenden der ersten beiden Frauenbewegungen waren sehr klar: Sie traten erfolgreich für das Wahlrecht ein und für die Selbstbestimmung über den eigenen Körper. Wofür braucht Österreich noch eine Frauenbewegung?

Weiss: Wir haben heute keine starke Bewegung mehr. Es ist auch schwieriger geworden, weil sich viel ausdifferenziert hat, was auch an den Kritiken aus der Frauenbewegung selbst deutlich wurde. Das politische Subjekt der Frauenbewegung hat sich aufgespalten. Analysen sind differenzierter geworden, es scheint wenig Gemeinsamkeiten zu geben. Aber es ist wohl eine Frage von Bündnispolitiken, ob diese Differenzen überwunden und etwas gemeinsam politisiert werden kann. Denn es gibt ja auch viel Unerledigtes, das eine starke Bewegung erfordern würde.

dieStandard.at: Was sind diese Punkte?

Weiss: Schon die Erste Frauenbewegung forderte gleichen Lohn für gleiche Arbeit. In der Sexualpolitik haben die Fragen von Autonomie und Selbstbestimmung noch immer damit zu tun, ob ein Staat die sexuelle Gesundheit von Frauen ernst nimmt oder nicht und das manifestiert sich in Abtreibungsregelungen und dem Umgang mit Verhütungsmitteln. Der Grund warum diese Themen nicht mehr so zentral sind, ist dass im Zuge der gesellschaftlichen Veränderung hin zum neoliberalen Kapitalismus viele ehemals politischen Fragen wieder privatisiert wurden.

dieStandard.at: Inwiefern schlägt sich dieser nieder?

Weiss: Früher war die Organisierung der Sexualität, die Sexualkultur eine politische Frage, die enttabuisiert werden musste und öffentlich diskutiert wurde. Heute wird das kaum noch als politische oder strukturelle Frage begriffen. Der Neoliberalismus hat viele Fragen von Ungleichheit ans Individuum und die eigenen Fähigkeiten rückgebunden. Gerade wenn es um Sexualkultur geht – in puncto sexuelle Übergriffe etwa – haben wir das Argument, Frauen könnten sich ja wehren. Das ist eine Verkehrung des Problems. Natürlich können sich viele Frauen wehren, aber nicht alle. Die Frage sollte aber eigentlich sein, warum Männer das machen. Welches Bild von Männlichkeit in der Gesellschaft dominant ist, wird kaum diskutiert, oder wie sehr Männlichkeit immer noch mit Gewalt und Verfügungsmacht über Frauenkörper verbunden ist. Das ist ein sehr entpolitisierter, antifeministischer und auch ein frauenfeindlicher Diskurs.

dieStandard.at: Wie veränderte sich die Rolle der Frauen in der Zweiten Republik?

Weiss: Der Beginn der Zweiten Republik ist eine Zeit der Restaurierung von hierarchischen Geschlechterverhältnissen. Der Faschismus und der Nationalsozialismus hatten natürlich auch sehr traditionelle Geschlechterbilder, diese haben aber in der Kriegssituation nicht funktioniert. In den 1940er und 1950er Jahren wurden diese hierarchische Geschlechterordnungen wieder neu etabliert, Frauen vielfach aus der Erwerbsarbeit verdrängt und auf das Hausfrauen- und Mutterdasein zurückgedrängt. Auch Diskurse zur Sexualmoral wurden in dieser Zeit fast hysterisch geführt. Eine Debatte über Schmutz und Schund prägte diese Zeit. Frauen waren das erste Ziel, wenn es um Sittlichkeit und Moral ging.

dieStandard.at: Warum steht weibliche Sexualität in diesem Diskurs im Zentrum?

Weiss: Das liegt an einer patriarchalen Kultur, in der es darum ging, weibliche Sexualität zu kontrollieren. In einer männlichen Dominanz, die mit der bürgerlichen Gesellschaft einhergeht, werden Frauen mit Sexualität, Emotionalität und Naturhaftigkeit assoziiert, die domestiziert werden muss. Das andere ist, die Frage von Bevölkerungspolitik. Die Einschränkung der Autonomie in der eigenen Sexualität hat immer auch bevölkerungspolitische Ziele. Dass Abtreibung so lange mit harten Strafen belegt war, hat auch das zum Hintergrund

dieStandard.at: Wie hat sich das Familienbild dargestellt?

Weiss: Es kam zu einer Verallgemeinerung der bürgerlichen Lebensweise, die mit dem Sozialstaat möglich wurde. Es hat sich ein bürgerliches Familienmodell etabliert, das auch die Arbeiterbewegung als Inbegriff des sozialen Aufstiegs der Arbeiterklasse betrachtete. Arbeiterfrauen sollten nicht mehr erwerbstätig sein müssen. Auch der männliche Arbeiter sollte mit einem Familienlohn die Existenz seiner Familie sichern können. Dazu braucht es dann auch die Frau, als Hausfrau und Mutter, die die Arbeitskraft und die Kinder versorgt.

dieStandard.at: Wie hat sich dieses mit der zweiten Frauenbewegung in den 1970ern verändert?

Weiss: Die Zweite Frauenbewegung hat die verschiedenen Bereiche im Leben der Frauen verbunden. Es wurde gefragt, wie die kapitalistische Wirtschaft mit der Organisation von Haushalts- und Familienformen und von Sexualität verbunden ist. Dadurch konnte über Mechanismen der Herrschaft ganz anders diskutiert werden. Die Modernisierung der Gesellschaft in den 1970ern kam aber auch dem Bedürfnis einer veränderten Ökonomie entgegen. Ein neoliberaler Kapitalismus braucht dieses von der Frauenbewegung bekämpftes bürgerliche Familienbild nicht mehr.

dieStandard.at: Wie hat sich der Status von Frau bis heute geändert?

Weiss: Mittlerweile sind klassenspezifische Unterschiede innerhalb der Frauen viel größer geworden. Viele Frauen sind, obwohl sie erwerbstätig sind, noch immer ökonomisch abhängig. Die Autonomieforderung ist nur für wenige Frauen aufgegangen. Heute wird diese Abhängigkeit oft vergessen und übersehen, dass sie für viele Frauen noch immer Realität ist. Das zeigt sich darin, dass Frauen ihr Leben nicht autonom gestalten können, in Beziehungen bleiben, in denen sie nicht mehr sein wollen. Das heißt mitunter in Gewaltbeziehungen zu bleiben, weil sie keine Wahl haben, wenn sie die Existenzsicherung alleine nicht schaffen.

dieStandard.at: Was ist heute sonst noch umkämpft?

Weiss: Es gibt zwar mehr Möglichkeiten als früher, was Beziehungen und Lebensweisen angeht. Aber von der Norm abweichende sexuelle Orientierungen und Lebensformen sind, auch wenn einiges erkämpft wurde, noch immer diskriminiert. In den 1970er Jahren wurde Zwangs-Heterosexualität oder Heteronormativität auch als System der Unterordnung von Frauen und der hierarchischen Strukturierung der Gesellschaft kritisiert und angegriffen. Damit verbunden waren bis in die 1980er Jahre hinein die Kritik einer patriarchalen Sexualkultur. Vieles von diesen Diskussionen wurde aber auch in der Frauenbewegung selbst marginalisiert. Das ist ein Verlust für viele Frauen, aber auch für die Politisierungs- und Mobilisierungskraft der politischen Bewegung. (Oona Kroisleitner, dieStandard.at, 25.4.2015)

Zur Person

Alexandra Weiss (43) studierte Politikwissenschaft an der Universität Innsbruck. Ihre Dissertation schrieb sie zu dem Thema "Regulation und Politisierung von Geschlechterverhältnissen". Sie ist Projektmitarbeiterin am Institut für Zeitgeschichte der Universität Innsbruck. Seit 2006 ist sie Koordinatorin im Bereich Gender Studies im Büro für Gleichstellung und Gender Studies der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck.

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    Alexandra Weiss: "Die Einschränkung der Autonomie in der eigenen Sexualität hat immer auch bevölkerungspolitische Ziele."

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