Pro und Kontra: Impfpflicht für Masern

Kommentar23. April 2015, 17:42
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Wer darf entscheiden? Der Staat oder die Eltern?

PRO: Wirksame Spritzen

von Michael Möseneder

Abermillionen Menschen sind an ihnen gestorben: den Pocken. Allerdings nur bis in die 70er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Dann verschwand der Erreger aus der freien Wildbahn. Aber nicht aus heiterem Himmel, sondern weil ein weltweites Impfprogramm umgesetzt wurde, in vielen Ländern verbunden mit einer Impfpflicht.

Ob so etwas heute noch möglich wäre, steht in den Sternen. Denn es gibt zusehends Menschen, die lieber ihre Kinder an potenziell tödlichen Krankheiten wie Masern leiden lassen - aus Angst vor Impfschäden, deren Risiko um Zehnerpotenzen unter dem Risiko schwerer Komplikationen beim Ausbruch der Krankheit liegt. Dass sie nicht nur ihre eigenen Kinder, sondern auch andere - ungeimpfte - gefährden, scheint da keine Rolle zu spielen.

Keine Frage, die Pharmaindustrie will verdienen. Man muss genau schauen, welche Spritze beworben wird. Wer selten spazieren ist, wird keine Zeckenimpfung brauchen. Die Grippeimpfung ist auch eher ein Glücksspiel.

Gerne wird von Impfskeptikern aber auch das Argument verwendet, dass zum Beispiel Masern halt zum Lauf des Lebens dazugehören. Das gehörte die Kinderlähmung auch; weg ist sie dank der Schluckimpfung.

Es gibt genug Gesundheitsbereiche, in die der Staat eingreift - siehe Rauchverbote. Wenn sich manche gegen Prophylaxe sträuben, sollte der Staat erst recht aktiv werden.

KONTRA: Information sticht Zwang

von Gudrun Springer

Es ist fraglich, ob es rechtlich überhaupt möglich wäre, in Österreich eine Impfpflicht für sämtliche Kinder und Beschäftigte in Betreuungseinrichtungen und Schulen einzuführen, wie die Volksanwaltschaft fordert. Aber auch der gesundheitsfördernde Charakter einer solchen Maßnahme darf bezweifelt werden. Nicht weil es bei Impfungen vereinzelt zu schweren Nebenwirkungen kommen kann, sondern weil der Staat tunlichst vermeiden sollte, den Eindruck zu vermitteln, dass er Eltern Entscheidungen betreffend die Gesundheit ihrer Kinder abnimmt.

Was für die Unversehrtheit ihrer Sprösslinge nötig ist, sollen Mütter und Väter immer noch selbst entscheiden können - ja, müssen. Das kann sehr herausfordernd sein: So mancher Erziehungsberechtigte beklagt, dass, wer zwei Kinderärzte zu Impfdetails konsultiert, zwei unterschiedliche Ratschläge erhält. Doch schriebe man Impfungen vor, was wäre die nächste Vorschrift im Sinne der Kindergesundheit? Heranwachsenden genügend Vitamin C zuzuführen und für eine tägliche Bewegungsstunde zu sorgen?

Was es braucht, sind systematische Elternberatungen über die Wirksamkeit und Risiken von Impfungen und über die Krankheiten, vor denen sie schützen können. Darum sollte sich der Staat kümmern. Nur vertrauenswürdige Informationen können manche inzwischen zum Glaubenskrieg mutierte Impfdiskussion entschärfen.

(Gudrun Springer, Michael Möseneder, DER STANDARD, 24.4.2015)

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