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24. April 2015, 05:35
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Immer wahrscheinlicher wird ein Euroaustritt Griechenlands. Dabei gibt es mehrere Varianten, wie dieser erfolgen kann

Wien - Schon im Jahr 2012 wurde er heftig diskutiert, nun steht der Austritt Griechenlands, auch Grexit genannt, wieder im Raum - und zwar mit deutlich höherer Eintrittswahrscheinlichkeit. Offiziell wird zwar an der Einheit der Eurozone festgehalten, aber der EZB wird nachgesagt, im stillen Kämmerchen schon Szenarien rund um die Einführung einer Parallelwährung durchzurechnen.

Ein zweites gesetzliches Zahlungsmittel ist eine Möglichkeit, mit der die griechische Regierung die Kontrolle über die Währung im eigenen Land zurückerlangen kann. Genau das ist der springende Punkt. Denn bei Bedarf einfach Euro drucken kann die griechische Notenbank im Eurosystem nicht, auch eine Währungsabwertung zur Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit ist unmöglich.

Verschiedene Szenarien

Wie ein Grexit konkret ablaufen kann und mit welchen Folgen zu rechnen ist, legen Experten im Gespräch mit dem STANDARD dar.

  • Offizielle Zweitwährung "Wenn die griechische Regierung Geld braucht, um Löhne und Gehälter auszubezahlen, dann wird sie es drucken", meint Raiffeisen-Chefanalyst Peter Brezinschek. Die Folge wäre eine eigene Währung, wahrscheinlich Drachme genannt, als zweites Zahlungsmittel. Diese wertet stark ab, griechische Bürger horten Euro als "gute" Währung und zahlen mit der Drachme.

    Ein Schuldenschnitt ist in diesem Fall fast sicher, denn durch die Abwertung würden sich die auf Euro lautenden Schulden über Nacht vervielfachen. Zudem wird die Inflation wegen verteuerter Importe ansteigen, die Löhne werden nachziehen, eine Lohn-Preis-Spirale ist wahrscheinlich. Dadurch wird der produzierende Sektor weniger wettbewerbsfähig, was zu weiteren Abwertungen führt.

    Sobald sich die ersten Turbulenzen gelegt haben, sind positive Impulse für den Tourismus zu erwarten, da die Destination Griechenland billiger wird. "Dann kann sein, dass die Griechen der Türkei im Tourismus das Wasser abgraben", folgert Brezinscheck.

  • Ausgabe von Schuldscheinen Eine andere Variante bringt Bank Austria-Chefökonom Stefan Bruckbauer mit der Ausgabe auf Euro lautender Schuldscheine ins Spiel, mit denen Griechenland seinen finanziellen Verpflichtungen im Inland nachkommen kann: "Das wäre keine neue Währung, aber das Land könnte selbst wieder Geld ausgeben."

    Bruckbauer befürchtet jedoch, dass dies nicht geplant und kontrolliert, sondern ereignisgetrieben ablaufen könnte - etwa durch einen Banken-Run, bei dem die Griechen ihre Guthaben bei Banken plündern. "Das Leid der Bevölkerung hängt stark davon ab, wie das gemanagt wird. Bei einem Chaos steigen die Kosten mindestens auf das Doppelte."

  • Gänzlicher Euroaustritt Als wenig wahrscheinlich wird die Ablöse des Euro durch die Drachme als einziges Zahlungsmittel gehandelt - auch weil dies mit einem Bruch der Verträge verbunden wäre. Denkbar wäre dieser Fall, sollte die EZB die Notfallhilfe ELA für griechische Banken unterbindet, was Bruckbauer als "De-facto-Rauswurf" aus der Eurozone auslegt. Allerdings schränkt er ein, dass die EZB die Grexit-Frage als politische Entscheidung ansehe, für die sie nicht zuständig sei.

  • Austritt aus der EU Ein EU- und damit Euroaustritt gilt als sehr unwahrscheinlich, da Griechenland keine Transferleistungen der Union mehr erhalten würde.

    Ein "Sieg der Vernunft" wäre für Bruckbauer eine Vermeidung des Grexit durch die Einigung mit den Geldgebern. Denn er sieht erste Erfolge am Arbeitsmarkt oder bei der Wettbewerbsfähigkeit durch die Rosskur, die dem Land auferlegt wurde: "Die Bevölkerung hätte das Schlimmste hinter sich."

    Brezinschek sieht steigende Chancen für einen Grexit, fügt aber hinzu: "Wenn in Griechenland kein Kulturwandel eintritt und eine effiziente Steuerverwaltung eingeführt wird, macht ein Grexit keinen Sinn." Sollte es doch dazu kommen, wird es laut Brezinschek unangekündigt übers Wochenende erfolgen: "Eine gute Variante wäre das lange Wochende ab dem 1. Mai. Das sollte die Griechen daran erinnern, dass nur durch Arbeit Werte entstehen und nicht durch Kredite." (Alexander Hahn, DER STANDARD, 24.4.2015)
  • Ins Auge gehen kann der Austritt Griechenlands aus der Eurozone - vor allem wenn dieser Schritt nicht kontrolliert und gut gemanagt erfolgt, sondern ereignisgetrieben. Dies würde die negativen Folgen für die ohnehin leidgeprüfte Bevölkerung spürbar erhöhen
    foto: reuters / alkis konstantinidis

    Ins Auge gehen kann der Austritt Griechenlands aus der Eurozone - vor allem wenn dieser Schritt nicht kontrolliert und gut gemanagt erfolgt, sondern ereignisgetrieben. Dies würde die negativen Folgen für die ohnehin leidgeprüfte Bevölkerung spürbar erhöhen

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