Nachhaltige Bankgeschäfte: Abkehr von der Gewinnmaximierung

27. April 2015, 09:00
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Die Bank für Gemeinwohl will Ende 2016 in Österreich als erstes öko-sozial orientiertes Geldhaus an den Start gehen

Wien - "Im Mai werden wir den nächsten Meilenstein erreichen", freut sich Vorstand Christine Tschütscher über Fortschritte bei der Gründung der Bank für Gemeinwohl, dem ersten ökologisch-sozial orientierten Geldhaus in Österreich. Konkret geht es um den Kapitalmarktprospekt, mit dem die Initiative ab nächsten Monat das nötige Kapital für den Bankbetrieb einsammeln will. "Wir gehen davon aus, dass die operative Tätigkeit gegen Ende des Jahres 2016 starten kann", gibt Tschütscher den Zeitplan vor.

Angeboten soll die Grundpalette des Bankwesens werden, nämlich Girokonten, Sparbücher sowie die Kreditvergabe. In diesem Punkt will sich die Bank für Gemeinwohl von herkömmlichen Branchenvertretern deutlich abheben, und zwar durch Soll- und Ausschlusskriterien für die finanzierten Projekte. Diese sollen gemeinnützige Elemente enthalten, auf keinen Fall dürfen durch die Finanzierung Spekulation sowie sozial, gesundheitlich oder ökologisch schädliche Projekte unterstützt werden.

Zinsverzicht für gemeintätige Projekte

Ein weiteres Unterscheidungsmerkmal ist das Thema Verzinsung auf Einlagen, auf die Geldgeber nach Möglichkeit verzichten sollen: "Zinsverzicht ist ein Thema, das uns sehr am Herzen liegt." Ausgleich dafür sei das Wissen, dadurch gemeinnützige Tätigkeiten zu finanzieren. "Aber der Zinsverzicht erfolgt auf jeden Fall auf freiwilliger Basis", betont Tschütscher. Sobald die Bank die Gewinnzone erreichen sollte, ist zudem vorgesehen, die Überschüsse nicht auszuschütten, sondern gemeinnützigen Projekten zugutekommen zu lassen.

Bankberater auf Hausbesuch

Für die Banktätigkeit will sich Tschütscher grundsätzlich aus Kostengründen mit einer Filiale als Anlaufstelle für Kundenkontakte begnügen. Der Großteil der Transaktionen soll online abgewickelt werden - dazu kommen "mobile Bankberater", die im Bedarfsfall auch Hausbesuche abstatten sollen.

Bevor es so weit ist, müssen noch einige Hürden genommen werden. Gegen Ende des Vorjahres hat eine neu gegründete Genossenschaft einen Verein als Trägervehikel der Initiative abgelöst. Diese wird als Muttergesellschaft einer Aktiengesellschaft fungieren, welche mit einer Banklizenz ausgestattet die operative Tätigkeit ausüben wird. Dazu müssen zunächst mindestens sechs Mio. Euro eingesammelt werden, damit die AG bei der Finanzmarktaufsicht die Lizenz ansuchen kann.

Ziel: 40.000 Genossenschafter

"Wir rechnen damit, dass wir mit insgesamt 15 Mio. Euro Eigenkapital den Bankbetrieb starten und aufrechterhalten können", erklärt Tschütscher im Gespräch mit dem STANDARD. Dazu sollen zunächst die 600 Vereinsmitglieder und dann die 7000 Newsletter-Empfänger eingeladen werden, der Genossenschaft beizutreten. Zuletzt will sie sich an die breite Öffentlichkeit wenden, um auf die insgesamt erhofften 40.000 Genossenschafter zu kommen.

"Wir sind zuversichtlich, dass das Konzept einer nachhaltigen Bank auch in Österreich gelingen wird", gibt sich Tschütscher zuversichtlich. Hinsichtlich des Angebots an Einlagekapital erwartet sie keinen Engpass, sondern eher hinsichtlich der ausreichenden Verfügbarkeit an ins Konzept passenden Kreditfinanzierungen. "Aber die Erfahrungen in Europa zeigen, dass so etwas funktioniert."

Erfolgreiche Vorbilder

Dass das Prinzip Nachhaltigkeit im Bankwesen tatsächlich reüssieren kann, zeigen einige profitable Branchenvertreter - wenngleich sich diese in der konkreten Ausgestaltung durchaus in einigen Punkten von der Bank für Gemeinwohl unterscheiden. Mit überraschend hoher Transparenz punktet etwa die Alternative Bank Schweiz, die auf Anfrage sämtliche vergeben Kredite offenlegt - inklusive Summe, Name und Verwendungszweck.

Am anschaulichsten lässt sich wirtschaftlicher Erfolg am Beispiel der deutschen Umweltbank darlegen. Das 1997 gegründete Institut ist nämlich seit 2001 börsenotiert und schüttet Teile der seit Jahren kontinuierlich steigenden Überschüsse auch an seine Eigentümer aus. Damit ist die Tätigkeit der Umweltbank nicht nur in ökologisch-sozialer Hinsicht ein Gewinn, sondern auch für ihre Aktionäre - denn trotz Nachhaltigkeit hat sich der Aktienkurs seit dem Börsegang versechsfacht. (Alexander Hahn, DER STANDARD, 24.4.2015)

  • Dass eine Bank, die auf das Gemeinwohl abzielt auch profitabel sein kann, zeigt die deutsche Umweltbank. Auch an der Börse freut das Papier die Anleger.
    foto: reuters/tobias schwarz

    Dass eine Bank, die auf das Gemeinwohl abzielt auch profitabel sein kann, zeigt die deutsche Umweltbank. Auch an der Börse freut das Papier die Anleger.

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