Historiker: "Gibt keine Sondermoral für Deutschland"

Interview24. April 2015, 13:07
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Sensibilität ist ein "kategorischer Imperativ" deutscher Diplomatie, sagt Heinrich August Winkler mit Blick auf den Wiener Kongress

STANDARD: Sie diskutieren am Sonntag im Burgtheater über die Folgen des Wiener Kongresses 1814/1815. Kann man daraus heute noch Lehren ziehen?

Winkler: Der Versuch von damals, bei der Neuordnung Europas das besiegte Frankreich in den Kreis der legitimen Mächte zu reintegrieren, enthält eine Fülle von Lektionen, was den Umgang mit Besiegten angeht. Hundert Jahre später, nach dem Ersten Weltkrieg, war an so viel Verständigungsbereitschaft zwischen Siegern und Besiegten nicht zu denken. Nach dem Fall der Berliner Mauer ging es erneut darum, eine neue Weltordnung zu schaffen. Im November 1990, kurz nach der deutschen Wiedervereinigung, wurde von allen 34 Staats- und Regierungschefs der Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) die Charta von Paris unterzeichnet - auch von der Sowjetunion.

STANDARD: Die ja eine Besiegte war - zwar nicht durch Krieg, sondern durch friedliche Revolutionen beziehungsweise durch Selbstauflösung.

Winkler: Alle Unterzeichnerstaaten bekannten sich zu den Prinzipien der nationalen Souveränität, der territorialen Integrität und der friedlichen Beilegung von Konflikten. 25 Jahre später müssen wir feststellen, dass sich der russische Präsident Wladimir Putin an die Unterschrift Michail Gorbatschows nicht mehr gebunden fühlt. Das ist die bittere Lektion der Annexion der Krim und der aggressiven Politik, die Putin gegenüber der Ukraine betreibt.

STANDARD: Dachten Sie damals, dass es halten kann?

Winkler: Ich gehörte auch zu denen, die große Erwartungen hatten. Das war ja das Ende des Kalten Krieges. Damals haben alle Politiker und Beobachter die Charta von Paris als Sternstunde der Demokratie gesehen. Es gab die große Hoffnung, dass sich von Vancouver bis Wladiwostok ein trikontinentaler Friedensraum auf der Grundlage der Demokratie herausbilden würde.

STANDARD: Angela Merkel setzt 25 Jahre später im Fall Russlands auch stark auf Diplomatie. Handelt sie richtig?

Winkler: Ja, sie und Außenminister Frank-Walter Steinmeier wissen, dass vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts das wiedervereinigte Deutschland seine außenpolitische Verantwortung immer so wahrnehmen muss, dass nicht der Eindruck von Großmachtarroganz oder hegemonialer Gelüste entsteht. Jeder Versuch, auf einen deutsch-russischen Sonderweg einzuschwenken, ruft bei unseren ostmitteleuropäischen Nachbarn den Eindruck hervor, hier solle etwas über ihre Köpfe hinweg entschieden werden. Es werden schnell Erinnerungen an die polnischen Teilungen und den Hitler-Stalin-Pakt wach. Ein hohes Maß an Sensibilität ist geradezu ein kategorischer Imperativ der deutschen Diplomatie.

STANDARD: Deutsche Politiker sprechen immer öfter von der Verpflichtung Deutschlands, sich in internationalen Konflikten stärker zu engagieren. Ist die Zeit dafür reif?

Winkler: Der ehemalige Außenminister Klaus Kinkel hat den Begriff von der Kultur der militärischen Zurückhaltung geprägt. Diese versteht sich vor dem Hintergrund der nationalsozialistischen Menschheitsverbrechen von selbst. Aber die Formel darf nicht zur Ausflucht werden. Die Folgerung von Auschwitz kann doch nicht sein, dass Deutschland bei Menschenrechtsverletzungen bis hin zu Völkermorden weniger sensibel reagiert als andere westliche Demokratien. Wenn sich die Völkergemeinschaft über die Notwendigkeit eines Eingreifens im Sinne der Schutzverantwortung verständigt, gibt es keine Sondermoral für Deutschland.

STANDARD: Hat Deutschland aufgrund seiner Geschichte die Verpflichtung, Reparationszahlungen an Griechenland zu leisten?

Winkler: Würde das Reparationsproblem heute neu aufgerollt, hätte das fatale Folgen für den Rechtsfrieden und die Weltwirtschaft. Es bliebe ja nicht bei den griechischen Forderungen, es würden bald auch andere Länder ähnliche Forderungen geltend machen - nicht nur gegen Deutschland. Man denke an Äthiopien oder Libyen gegenüber Italien. Daher ist das Prinzip der Staatenimmunität ein Gebot der Vernunft. Auf einem anderen Blatt steht die Verpflichtung Deutschlands gegenüber allen Ländern, die Opfer nationalsozialistischer Aggression geworden sind. Deutschland kann auf vielfältige Weise helfen und tut das auch. Einen Schlussstrich wird es angesichts der Menschheitsverbrechen, die die Nationalsozialisten begangen haben, niemals geben. Das gilt übrigens auch für Österreich.

STANDARD: Vielen erscheint Berlin in der griechischen Schuldenfrage zu hart. Ihnen auch?

Winkler: Die Regierung muss an die innere Logik einer Währungsunion erinnern. Diese verlangt Strukturreformen als Voraussetzung nachhaltigen Wachstums. Passiert das nicht, verpufft jede Hilfe von außen. Berlin ist nicht für alles verantwortlich, was in anderen Ländern im Argen liegt. (Birgit Baumann, DER STANDARD, 24.4.2015)

Heinrich August Winkler (77) zählt zu den renommiertesten Historikern Deutschlands. Er lehrte in Berlin und Freiburg. Der vierte und letzte Band seiner "Geschichte des Westens" erschien gerade und umfasst die Zeit von 1991 bis heute. Am 8. Mai wird Winkler als erster Historiker anlässlich des Gedenkens an das Kriegsende im Deutschen Bundestag sprechen.

  • "Der Wiener Kongress enthält eine Fülle von Lektionen, was den Umgang mit Besiegten angeht", sagt Historiker Heinrich August Winkler.
    foto: urban

    "Der Wiener Kongress enthält eine Fülle von Lektionen, was den Umgang mit Besiegten angeht", sagt Historiker Heinrich August Winkler.

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