Rundumschläge aus der Türkei

Kommentar23. April 2015, 16:33
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Die überzogene Reaktion auf Österreichs Armenier-Erklärung ist besorgniserregend

Von ihrer geografischen, geschichtlichen und politischen Position her wäre die Türkei ein idealer Brückenbauer unter den Staaten. Doch durch eine nationalistische und oft irrationale Außenpolitik reißt sie derzeit eher Brücken nieder -- zu Israel, zu vielen arabischen Nachbarn, zu Armenien und nun auch zu wichtigen europäischen Partnern.

Die Reaktion des türkischen Außenministeriums auf die Resolution des österreichischen Nationalrats zum Armenier-Genozid ist völlig überzogen und unverständlich. Es war ja abzusehen, dass es zum 100. Jahrestag des Beginns der Massaker, die 1,5 Millionen Armenier das Leben gekostet haben, aus aller Welt Solidaritätserklärungen geben wird.

Die Türkei hätte den Völkermord im Ersten Weltkrieg längst anerkennen sollen, so wie sich das heutige Deutschland zu den Verbrechen eines Vorgängerregimes voll bekennt. Die historischen Fakten sind unbestritten. Ankara mag recht damit haben, dass man bei der Beurteilung des Massenmords historische Umstände wie die Kollaboration vieler Armenier mit dem zaristischen Russland berücksichtigen muss. Doch die weiteren Geschehnisse lassen sich dadurch nicht rechtfertigen.

Und es stimmt, dass allen Genozid-Erklärungen in westlichen Staaten der Geruch des Populismus anhaftet. Es ist leicht, sich über Ereignisse vor 100 Jahren zu empören. Aber die Türken machen es ihren Kritikern besonders einfach, indem sie mit Pawlow'schem Reflex so wehleidig und störrisch reagieren, dass ihre differenzierteren Argumente völlig untergehen.

Wenn die Türkei schon mit ihrer historischen Schuld nicht ehrlich umgehen kann, dann sollte ihre Führung in diesen schwierigen Tagen möglichst leisetreten und nicht unglaubwürdige Drohungen ausstoßen. Nein, die Beziehungen zu Österreich werden nicht "dauerhaft beschädigt" werden - auch deshalb, weil die Bundesregierung sich zurückhält und sich aus diplomatischer Rücksichtnahme der Genozid-Diktion des Parlaments nicht anschließt. Auch mit Deutschland wird sich der Sturm, der nach einer ähnlichen Erklärung des Bundestags heute, Freitag, ausbrechen muss, bald wieder legen. Die Türkei braucht die EU, und Europa braucht die Kooperation mit der Türkei in vielen Sachfragen, etwa bei der Flüchtlingspolitik und dem Kampf gegen den IS-Terror.

Zu wünschen ist daher, dass nach dem emotionalen 100-Jahr-Gedenken auf allen Seiten wieder Vernunft einkehrt. Vor allem ist es hoch an der Zeit, dass sich die Türkei mit Armenien aussöhnt und die Grenzen öffnet. Dass der armenische Präsident sich dazu bereiterklärt, ohne dass Ankara den Genozid zuvor formell anerkennt, ist ein gutes Zeichen. Doch dafür muss es auch eine Annäherung im seit 25 Jahren eingefrorenen Konflikt mit Aserbaidschan um Bergkarabach geben. Dieser wiederum ist eng mit der russischen Kaukasuspolitik verwoben - und dadurch indirekt auch mit der aktuellen Konfrontation zwischen Europa und Russland um die Ukraine.

Dort - ebenso wie in den nahöstlichen Krisenherden - könnte die Türkei eine konstruktive, stabilisierende Rolle spielen. Das wäre auch im Interesse ihrer starken Wirtschaft. Das macht Ankaras Rundumschläge zum Armenier-Genozid so besorgniserregend: Eine strategisch so wichtige und oft beeindruckende Nation lässt sich von anachronistischen Gefühlen treiben und verspielt so ihre eigenen Chancen. (Eric Frey, DER STANDARD, 24.4.2015)

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