Mensche(l)n zwischen Ekel und Angst

23. April 2015, 17:11
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Im Theater an der Gumpendorfer Straße leidet der "Homo Automaticus" recht einsam vor sich hin

Wien - Der rote Anzug schlägt sich mit dem grünen Teppich. Zufall oder Anspruch? Sind es die großen Gegensätze – Gut und Böse, Anfang und Ende, Gott und Mensch, Himmel und Erde – die im Komplementärkontrast der beiden Farben aufeinanderprallen sollen? Gemischt heben sie sich auf und ergeben Grau. Miteinander aufgewogen neutralisiert sich auch im Leben viel.

Der Besucherraum im Theater an der Gumpendorfer Straße ist zu zwei Dritteln leer, als Leopold von Verschuer die Bühne betritt. Nicht nur sein Anzug ist rot, auch die Hälfte seines Gesichts. "Ich habe dich aus Lehm geschaffen" haucht er ins Megafon. Das ist mehr als nur eine Behauptung über den angesprochenen Adam. Die Worte zeugen von einem Begehren des Stücks um Einlass in den Kreis der Jahrtausende alten Mythen über Menschwerdung und Menschenvergehen.

In Frankreich ist Valère Novarina, Autor vom Monolog des Adramelech (1975), seit 2006 einer der ganz Großen. Damals wurden die Stücke des Schweizers in das offizielle Repertoire der Comédie-Française aufgenommen – ein Ritterschlag für jeden Dramatiker, insbesondere wenn dies noch zu seinen Lebzeiten geschieht. Im deutschen Sprachraum hingegen ist Novarina noch wenigen bekannt, denn lange wagte sich niemand an die Übersetzung seiner Texte voll diffiziler Laut- und Wortspielereien, Verschmelzungen, Gleichklänge, Reime und Neuschöpfungen.

Dann wurde Leopold von Verschuer auf Novarina aufmerksam und machte sich an die Arbeit. Seit 2014 tourt der belgische Theatermann mit Homo Automaticus. Als "grandios irrwitzig" und "ätzend intelligent" wird von Verschuers Darbietung von der Kritik gewürdigt; lauter als alle anderen jauchzte Die Welt gar, der Belgier gebe "dem deutschsprachigen Theater, das zunehmend vertextet und verdiskursiviert daherkommt, […] den verloren gegangenen Glauben an die Körperlichkeit des Schauspiels wieder" – und klingt damit schwer nach populärem "Regietheater-Bashing". Seit Dienstag stellt von Verschuer seine One-man-Show in Österreich der Kritik.

Aus dem Ersten Buch Mose entliehen, ist die Figur des Adramelech bei Novarina ein "Vielmensch": Adam, Eva, Gott und Engel sowie der Gebirgsbote Peter Prompt in einem. Insofern ist der Monolog des Adramelech eigentlich ein "Selbstdialog", so von Verschuer, der auf der Bühne flink in die verschiedenen Rollen schlüpft um in ihnen die großen Themen der Existenz zwischen Windel und Leichentuch auf tragikomische Weise zu durchleben: das Trauma des Geborenwerdens, die Erlösung des Todes und als notwendiges Übel, um das Unglück nicht abreißen zu lassen und es eine Generation weiter zu tragen: Geilheit und Ekel der Paarung. "Mach die Stange auf und sag dem großen Schlinger servus", versucht von Verschuer als Eva den Adam zu locken, indem er sich die weibliche Scham als "Zielscheibe" und "Wüteloch" umhängt. Ist Körpereinsatz schon Körperlichkeit?

Dazwischen ist wenig – genau genommen: ein "ultrakurzes Leben in der winzig kleinen Welt" so kurz, dass es "kaum der Rede wert" sei. Ein bisschen wird aber auch davon geplaudert, zum Beispiel von der Zuverlässigkeit der "unteren Glieder" ("konstant gerannt") und von Almblumen. – Hinfälligkeiten Angesichts von Leid und Angst des Menschen als im Stich Gelassenem. "Meo solo solo" lautet nicht von ungefähr die über allem stehende Klage: "mit mir allein auf dem Erdboden".

Wie für Novarinas Lust am ausufernden Lautspiel in dadaistischer und surrealistischer Manier typisch, treten in der bilder- und trickreichen Sprache fassbarer Sinn und wucherndes Ornament gegeneinander an. Dass das Verstehen dem Hören bei alldem oft nicht nachkommt, macht aber nichts. "Man versteht ihn nur durch die Ohren!", erklärt von Verschuer im Verweis auf Novarinas berühmten Brief an einen Schauspieler, in dem jener schreibt: "Ich schreibe durch die Ohren".

Als nach eineinhalb Stunden alles Schrille, Laute und Bunte in einer erholsamen, schwarzen Stille versinkt, hat der aufgedrehte von Verschuer seine Rollen zweifellos emphatisch gespielt. Viel mehr aber auch nicht, liebe Welt. (Michael Wurmitzer, derstandard.at, 23.4.2015)

Weitere Vorstellungen:

24., 28. und 29.4.

Theater an der Gumpendorfer Straße

  • Leopold von Verschuer zeigt als Adamelech jede Menge Spiellust.
    foto: d. baltrock

    Leopold von Verschuer zeigt als Adamelech jede Menge Spiellust.

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