Aus der Hauptstadt in die Hauptrolle

24. April 2015, 10:16
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St. Pölten-Spratzern schickt sich an, Neulengbach vom Thron zu stoßen. Der Aufstieg des Klubs basiert nicht auf Zufall

St. Pölten – Im Sommer wird wohl Schluss sein. "Wenn wir Neulengbach vom Thron stoßen, höre ich auf", hatte Bianca Reischer einmal gesagt. Reischer ist Torfrau des FSK St. Pölten-Spratzern. Die Meisterschaft dauert zwar noch sechs Runden, und fix ist noch nichts, aber dass die St. Pöltnerinnen erstmals den Titel holen werden, ist kaum noch zu verhindern. Bei einem Spiel weniger führen sie vier Punkte vor dem NÖSV Neulengbach. Der Verein aus dem Wienerwald hatte in den vergangenen Jahren den heimischen Frauenfußball dominiert, holte zwölfmal in Folge den Titel, ist ex aequo mit dem USC Landhaus Rekordmeister.

Heuer schwächelte Neulengbach, verlor nicht nur das Duell mit St. Pölten im Herbst (0:1), gab auch Punkte gegen Südburgenland, Wacker Innsbruck und Sturm Graz ab. Die mutmaßliche Wachablöse kommt jedenfalls nicht von ungefähr. Sie sei die Folge kontinuierlicher Arbeit, sagt Reischer, 28, Ex-Teamtorhüterin. Die Arbeit begann 2006, als der Männerfußballverein ASV Spratzern ein Frauenteam gründete. Der Aufstieg begann in derselben Saison. Aber am Geld fehlte es.

Es war 2008, als Heinrich Pfeffer, der damalige Trainer des Teams, Wilfried Schmaus fragte, ob er nicht Finanziers wüsste. Der Klub habe sich nicht einmal die Leiberl leisten können. Schmaus sagte nicht sofort zu, aber Schmaus kennt viele Leute. Und wenn er etwas macht, dann richtig. Also trieb er Sponsoren auf, und formulierte ein Ziel: "Wir wollen in den Flieger steigen." Er meinte die Teilnahme an der Champions League. Im Oktober 2013 stiegen die Vizemeisterinnen aus Spratzern in den Flieger nach Sardinien: Champions League gegen Torres Calcio. Österreich hatte einen zweiten Platz in der Königsklasse bekommen. Damit sei nicht zu rechnen gewesen, sagt Schmaus. Er wollte eigentlich als Meister in den Flieger steigen. Im Herbst 2015 wird es wohl so weit sein. "Als ich damals das Ziel formuliert habe, haben mich einige gefragt, ob ich deppert bin."

Auf Anhieb Vizemeister

2011 war der Verein, der damals noch ASV Spratzern hieß, in die oberste Spielklasse aufgestiegen. Man wurde auf Anhieb und danach noch zwei weitere Male Vizemeister. Zahlreiche Spielerinnen wurden von der Konkurrenz weggelotst, die meisten von Landhaus. "Die letzte Großaktion war vor vier Jahren", sagt Schmaus. Damals wurden sieben Fußballerinnen vom Klub aus Wien-Floridsdorf geholt. Derzeit kicken acht österreichische Nationalspielerinnen in St. Pölten.

Finanziell steht der Klub wohl am besten von allen heimischen Vereinen da. Also ist Spratzern das Red Bull Salzburg des Frauenfußballs? "Wir leben nicht nur von einer Dose", sagt Schmaus. Die größte Dose ist jedenfalls Hauptsponsor Simacek. Freilich, das große Geld ist nicht im Spiel. Frauenfußball in Österreich ist Amateurfußball. Die Spielerinnen erhalten Aufwandsentschädigungen. In fünf Jahren würde man gerne ein Halbprofitum eingeführt haben.

Gearbeitet wird jetzt schon recht professionell, auch wenn Trainer Hannes Spilka lieber öfter als drei- bis viermal rund zwei Stunden pro Woche im Sportzentrum Niederösterreich trainieren würde. "Wir haben super Strukturen", sagt er.

Der Trainer brachte den Schmäh

Seit Anfang 2014 ist Spilka, bis dahin Co-Trainer bei den Männern des SKN St. Pölten, im Amt. "Er hat einen guten Schmäh in die Mannschaft gebracht. Der hat vorher gefehlt", sagt Reischer. Spielerisch setzt der 45-Jährige auf viel Ballbesitz, Kombinationsfußball und eine starke Offensive. Die Offensivkraft hat einen Namen: Nicole Billa. Die 19-Jährige führt mit 20 Treffern aus elf Spielen überlegen die Torschützenliste der Liga an. "Vor dem Tor ist sie die Beste in Österreich", sagt Spilka.

Die Fähigkeiten der Teamstürmerin sind nicht geheim geblieben. Billa hat Angebote aus dem Ausland. Sie überlegt noch. Lisa Makas, ebenfalls Teamstürmerin, wird St. Pölten jedenfalls verlassen. Die 22-Jährige wechselt nach der Saison nach Freiburg, in die deutsche Liga. Aber vorerst ist noch Meisterschaft, ist noch Cup. Reischer: "Wir wollen das Double."

Den Cupsieg holten die Spratzernerinnen schon in den vergangenen beiden Jahren – jeweils im Finale gegen Neulengbach. Die Neuauflage wird am 4. Juni gespielt. Das nächste Duell mit dem Hauptkonkurrenten steigt schon am kommenden Samstag (15 Uhr) in der Liga. Spilka: "Das wird eine enge Kiste. Wir werden eine Topleistung bringen müssen." Der Titel ist den St. Pöltnerinnen freilich auch bei einer Niederlage in Neulengbach kaum noch zu nehmen. Aber noch ist nichts fix. (Birgit Riezinger, DER STANDARD, 24.4.2015)

  • Nicole Billa (rechts, im Duell mit Neulengbachs Jana Vojtekova) ist die Top-Torjägerin bei St. Pölten-Spratzern.
    foto: fsk st. pölten-spratzern

    Nicole Billa (rechts, im Duell mit Neulengbachs Jana Vojtekova) ist die Top-Torjägerin bei St. Pölten-Spratzern.

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