Die Swatch als Kunst- und Anlageobjekt

1. Mai 2015, 12:00
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Versteigerung von 5800 Uhren in Hongkong brachte seinem Besitzer 4,75 Millionen Euro

Wien - Es ist alles eine Frage der Zeit. Für Paul Dunkel war sie nach fünf Minuten vorbei. Seine Zeit als Sammler. Von Swatch-Uhren. 24 Jahre lang hatte er sie Stück für Stück zusammengetragen. An die 5800 Chronometer. Am 7. April wechselten sie den Besitzer. Auf einer Sotheby's-Auktion in Hongkong.

Nach 300 Sekunden fiel der Hammer. Nach einem Gebot von 46,7 Millionen Hongkong-Dollar. Umgerechnet rund 5,5 Millionen Euro, von denen der 68-jährige Versicherungsmakler nach Abzug der Provision 4,75 Millionen mit in sein Heimatland Luxemburg nehmen konnte.

Mindestpreis 1,3 Millionen Euro

Dunkel war von einem Mindestpreis von 1,2 bis 1,3 Millionen Euro ausgegangen. Der neue Eigentümer: "eine europäische Institution", hüllt sich das Versteigerungshaus in geheimnisvolles Schweigen.

Auch in Zeiten von Handtelefonen, die uns unaufgefordert wissen lassen, was die Uhr geschlagen hat: Millionen Menschen weltweit schmücken ihr Handgelenk mit ihr. Der Swatch. Einer bunten Plastikuhr aus der Schweiz, die simple Zeitmesser zu frechen Modeaccessoires aufpeppte, die zum Kult- und Sammelobjekt avancierte.

Zeichen der Zeit

Die Zeit verschlafen. Das hatte seinerzeit die Schweizer Uhrenindustrie. Billige Quarzuhren aus Fernost setzten der eidgenössischen Traditionsbranche Ende der 70er-Jahre des vorigen Jahrhunderts massiv zu. Dabei war die neue Technologie in der Schweiz erfunden worden. Doch die Branche hatte die Zeichen der Zeit nicht erkannt und setzte weiterhin auf die althergebrachte Mechanik. Wer zu spät kommt, den bestraft das (Wirtschafts-)Leben, gewissermaßen.

Bis Unternehmensberater Nicolas Hayek die Schweizer Industrie mit einem raffinierten und zugleich simplen Konzept revolutionierte. Am 1. März 1983 stellte er seine "unmögliche" Uhr in Zürich der Öffentlichkeit vor. Zwölf Modelle waren es zunächst, die ab Herbst 1983 einheitlich zum Preis von 50 Schweizer Franken bzw. 500 Schilling angeboten wurden. Bis heute sind mehr als 5000 Modelle in Serie gegangen. Dazu kommen noch unzählige Varianten, Prototypen und Spezialstücke für die unterschiedlichsten Anlässe: von den Olympischen Spielen bis zum Jazzfestival Montreux. Von der Fußball-WM bis zu 007.

Halbe Milliarde Stück in 32 Jahren

Die Zahl der seit nunmehr 32 Jahren verkauften Swatch-Uhren liegt bei mehr als einer halben Milliarde. Zum 50-Jahre-Jubiläum 2033 sollen es 1111 Millionen verkaufte Swatch-Uhren sein, spukt ein quellenloses Unternehmensziel durch die Medien.

Das Geheimnis des Erfolges: eine leichte Plastikuhr mit lediglich 51 statt der sonst üblichen 150 Teile. Das Gehäuse wird maschinell zusammengepresst, besitzt aber ein Uhrwerk mit höchster Quarzgenauigkeit. Ein Preis, der unter den durchschnittlichen Reparaturkosten einer Standarduhr liegt, und eine im Markennamen verborgene Philosophie: Swatch, ein Konglomerat aus Second und Watch.

Die Uhr soll nicht ein Leben lang Einzelstück bleiben, sondern je nach Gemütszustand, Jahreszeit, Stimmung und Anlass austauschbar sein. Zweit-, Dritt- und noch mehr Uhr.

Von Phil Collins bis Andy Warhol

Schließlich bittet das Unternehmen auch Künstler und Designer, eine Uhr für es zu gestalten. Eine Aufforderung, der unter anderen Andy Warhol, Keith Haring, Kiki Picasso (alias Christian Chapiron), der Fotograf Helmut Newton, die Modeschöpferin Vivienne Westwood, Musiker Phil Collins und die Mitglieder der Blue Man Group nachgekommen sind.

Knallige Farben, skurrile Motive, Muster und Ornamente, Modelle mit Metall- und Platingehäuse, waschbar bis 40 Grad: Dem Konzern gelingt es, mit dieser Uhrenvielfalt die ganze Bandbreite potenzieller Träger vom Kind bis hin zum Millionär anzusprechen.

Die Lust auf seine Zeitmessgeräte stimuliert das Unternehmen zusätzlich mit limitierten Auflagen und einem Club, dessen Mitglieder jährlich ein für sie exklusives Modell erwerben können.

25.000 Euro für eine "Kiki"

Doch fokussiert zu sammeln ist und bleibt zeitaufwändig - und kostspielig. Von der Picasso-Uhr kamen 1985 etwa nur 140 Stück auf den Markt. Dem italienischen Architekten Fiorenzo Barindelli, leidenschaftlicher Sammler und Gründer des nur kurzzeitig existierenden Swatch World Museum Milano, war der Besitz einer ursprünglich 50 Franken teuren Kiki eigenen Angaben zufolge 25.000 Euro wert. 1991 blätterte ein amerikanischer Sammler für ein Set mit vier Keith-Haring-Swatches 8800 Dollar hin. Ein gleiches Set wird aktuell auf dem Versteigerungsportal Ebay für 9000 Dollar angeboten. Eine Swatch der Helmut Newton Edition, Auflage 100 Stück, brachte es vor kurzem auf 20.000 Dollar (18.700 Euro).

Doch die Swatchmania ist abgeflaut. Legten Sammler für erste Modelle wie die schwarze, weiße, blaue oder rote GB 103 aus dem Jahr 1983 in den frühen 1990er-Jahren bei Versteigerungen noch rund 3000 Dollar hin, bieten Händler sie heute vereinzelt bereits ab 300 Dollar an.

Große Nachfrage in China

Gefragt als Investition bleiben umfassende Sammlungen, die als Teil der Design- und Marketinggeschichte betrachtet werden können und Prototypen, Hybride und nie in den Verkauf gegangene Modelle enthalten. Wie die Kollektion des 2002 verstorbenen Schweizer Unternehmers Peter Blum, die 2011 in Hongkong für 51,7 Millionen Hongkong-Dollar (umgerechnet knapp fünf Millionen Euro) unter den Hammer kam. Die Sammlung umfasste 4363 Swatch-Uhren, darunter 795 Prototypen.

Der Käufer war ein chinesischer Swatch-Liebhaber. China und Südostasien sind seit einiger Zeit der Brennpunkt der Sammelaktivität. Die Bandbreite reicht Sotheby's-Expertin Sharon Chan zufolge vom einfachen Fan bis hin zu Sammlern, die auch Luxusuhrenkollektionen ihr Eigen nennen.

Keinem ernsthaften Sammler käme es je in den Sinn, eine seiner Swatch-Uhren zu tragen. Viele entfernen gar die Batterie des Zeitmessers, um das Uhrwerk in möglichst ursprünglichem Zustand zu bewahren.

Grenzen der Zeit

Doch irgendwann kommt in vielen Sammlerleben die Zeit, dass es zu viel wird. Zu viel Arbeit. Und zu wenig. Zum Beispiel Platz. Oder Interesse jener, von denen man insgeheim gehofft hat, dass sie Freude daran haben könnten, die Sammlung weiterzupflegen. Die Kinder oder die Enkel.

So auch im Fall von Paul Dunkel. Seine Nachkommen sollen sich mit dem Geld ein gutes Leben machen, sagte er der South China Morning Post. Als Dunkel nach erfolgreicher Versteigerung den Auktionssaal verließ, sollen ihm Tränen in den Augen gestanden sein. Doch die Zeit (und Geld) heilt alle Wunden. (Karin Tzschentke, DER STANDARD)

  • Plastikuhren, die ein Stück Zeit(messer-) Geschichte schreiben. Bis heute sind mehr als 5000 Swatch-Modelle in Serie gegangen.
    foto: sotheby's

    Plastikuhren, die ein Stück Zeit(messer-) Geschichte schreiben. Bis heute sind mehr als 5000 Swatch-Modelle in Serie gegangen.

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