Holdhaus: Österreichs Kinder für Sport vielfach ungeeignet

23. April 2015, 15:06
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Sport-Experte Hans Holdhaus bezeichnet Bewegungsmangel als massives gesellschaftliches Problem.

Wien/Maria Enzersdorf - "Bewegungsmangel ist ein massives gesellschaftliches Problem." Das sagt Sport-Experte Hans Holdhaus (70), seit 33 Jahren Direktor des IMSB im Bundessportzentrum Südstadt. Vergangenen Dienstag hat Holdhaus im Rahmen eines Club-Abends von Panathon International unerfreuliche Überraschungen präsentiert. Tenor: Österreichs Kinder sind für Sport vielfach offenbar ungeeignet.

Angst vor Bewegung und Übergewicht

Schon 1999 habe man eine Studie durchgeführt, um festzustellen, wie sportlich und beweglich Österreichs Kinder sind, berichtete Holdhaus. Das Ergebnis sei so erschütternd gewesen, dass es nicht veröffentlicht wurde. "Notorische Koordinationsschwächen, gesundheitliche Schäden im Kindesalter, Angst vor Bewegung, Übergewicht, Haltungsschäden", nannte der Direktor des Instituts für medizinische und sportwissenschaftliche Beratung die damaligen Ergebnisse.

Trotz vieler Diskussionen hat sich offenbar nicht viel an der Situation geändert. "Im Gegenteil. Es betreiben immer weniger Menschen Sport", so Holdhaus. Fachverbände würden über viel zu geringen Zulauf klagen.

Eltern und Kindergärten sind gefordert

Auch ein vom IMSB 2014 durchgeführter Talente-Tag habe ebenso erschütternde wie ernüchternde Ergebnisse gebracht. Laut Holdhaus sogar bei Kindern aus Schulen, die einen sportlichen Schwerpunkt haben. Die Kinder seien mit den einfachsten Übungen völlig überfordert gewesen. Manche auch mit der Rolle vorwärts oder rückwärts. Eine der Begründungen habe gelautet, dass sich die Kinder beim klassischen Purzelbaum wehtun könnten.

Falsche Ernährung als alleinigen Grund für Fettleibigkeit lässt Holdhaus nicht gelten. Die beste Ernährung helfe nichts, wenn Kinder ihren Körper nicht beherrschen könnten. Für den Sport-Fachmann beginnt das Problem im Kleinkindsalter. Familie und Kindergarten seien jene Institutionen, in denen die meisten Fehler gemacht würden. Dort müsse die Politik auch den Hebel ansetzen. "Wenn sich Eltern nicht bewegen, bewegen sich auch die Kinder nicht."

Angst vor Verletzungen

Eltern wüssten oft überhaupt nicht, was für ihr Kind wichtig sei. Und die Angst vor Verletzungen sei viel eher begründet, wenn Kinder nicht natürlich lernen, mit der vermeintlichen Gefahr umzugehen. "Kinder können sich niemals zu viel bewegen - Überlastung lässt die Natur gar nicht zu." Und Verletzungen passierten erst recht dann, wenn die Kinder nicht gelernt hätten, wie man fällt. Die Idee eines Bewegungskindergartens sei oft kopiert worden, meist aber im Ausland, betonte Holdhaus.

"Die Verantwortung muss endlich auch von der Politik wahrgenommen werden", sagte Panathlon-Präsident Ronald Leitgeb bei dem Treffen in der Südstadt. "Punktuelle Aktionen bringen nichts", ergänzte Holdhaus.

Leitgeb verwies zudem auf das Sportforum Schladming vom 28. bis 30. Mai, wo Fachleute u.a. eine Deklaration für den Sport formulieren wollen. "Der Sport muss in den Mittelpunkt unserer Gesellschaft rücken", sagte Leitgeb. "Die Politik muss sich des gesundheitlichen, des wirtschaftlichen, des integrativen, des kognitiven und des sozialen Potenzials des Sports endlich bewusst werden." (APA, 23.4.2015)

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