Brandstätter wird 60: "Es gibt keine einfachen Antworten"

Interview23. April 2015, 15:09
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"Kurier"-Herausgeber und -Chefredakteur über Boulevard: Fellner "steht für eine Form des Geschäftemachens, die ich natürlich ablehne"

Wien - "Kurier"-Herausgeber und -Chefredakteur Helmut Brandstätter feiert am 24. April seinen 60. Geburtstag. Im APA-Interview spricht Brandstätter über Glaubwürdigkeit und Transparenz im Journalismus, Auswüchse der Boulevardmedien und die Entwicklung beim "Kurier". Eine Bewerbung als ORF-Generaldirektor bei der ORF-Wahl 2016 schließt der gelernte Fernsehjournalist Brandstätter aus.

Sie sind jetzt 60 Jahre alt und haben gut 30 Jahre davon als Journalist gearbeitet. Wie hat sich seit Ihren journalistischen Anfängen die Branche verändert?

Brandstätter: Ich habe am 1. Jänner 1982 im ORF begonnen. Natürlich arbeiten wir heute alle mehr als früher. Im ORF gab es damals etwa viel weniger Sendungen als heute. Aber wir haben uns nicht fadisiert. Wir haben Geschichten recherchiert, was viel mühsamer war, weil es damals kein Internet gab. Wir haben uns auf Themen vorbereitet, und wir haben wild diskutiert. Wir haben intensiv gearbeitet, aber mit weniger Zeitdruck, als das heute der Fall ist. Mein erster Chefredakteur Franz Kreuzer ist leider vor wenigen Tagen verstorben, sein Stellvertreter Horst Friedrich Mayer ist tot, Hans Benedict ist tot, Gerd Bacher lebt zum Glück noch - das waren Persönlichkeiten, die damals für jeden, der im ORF gearbeitet hat, prägend waren. Egal wie sie politisch ausgerichtet waren, sie waren in erster Linie Journalisten. Diese Denke, die Suche nach der richtigen Geschichte, nach der richtigen Darstellung, nach Aufklärung, nach der Wahrheit, hat diese Leute angetrieben. Das hat mich sehr beeindruckt. Trotz verschiedener politischer Einstellungen ging es um Journalismus. Man hat sich da auch von der Politik nichts dreinreden lassen. Wie Gerd Bacher auch bei aller Kritik, die er nach innen geübt hat, hinter uns gestanden ist und das Unternehmen und den Journalismus verteidigt hat, hat mich berührt und geprägt. Journalismus über alles.

War früher also alles besser?

Brandstätter: Nein, überhaupt nicht. Ich habe unlängst erst mit Hugo Portisch über dieses Thema gesprochen und er hat etwa gemeint, ihr macht heute die bessere Zeitung, ihr schreibt besser, ihr habt auch viel mehr Möglichkeiten. Wir haben heute ganz andere Recherchemöglichkeiten. Im ORF haben wir damals am Anfang freilich keinerlei finanziellen Druck gespürt. Als ich Hauptabteilungsleiter wurde, war das dann schon eher ein Thema. Aber nein: Es war nicht alles besser, es war anders. Gefragt, ob man heute noch mal Journalist werden sollte, sage ich, wenn man der Meinung ist, ich will das unbedingt machen, na selbstverständlich.

Die Glaubwürdigkeit des Journalismus und der Medien steht derzeit intensiv in Diskussion. Rund um den Germanwings-Absturz oder die Krise in der Ostukraine meldeten sich viele Kritiker. Jeder ist heute ein Medienkritiker ...

Brandstätter: Ich halte das für eine gute Entwicklung, weil Transparenz zu unserer Gesellschaft gehört. Und eine gute Entwicklung ist es auch, wenn sich die Leute möglichst viele Medien anschauen. Ich war immer ein Gegner von Monopolen. Monopole sind schrecklich. Klammer auf: Es ist ja interessant, dass in der digitalen Welt gerade Monopole entstehen und von den Monopolisten verteidigt werden, wirtschaftlich und inhaltlich. Aber es wird auch in Zukunft große Medienhäuser geben. Dass wir dabei genauer überprüft und hinterfragt werden, ist Faktum und stört mich nicht. Das zwingt uns eher dazu, noch besser zu arbeiten. Wir müssen heute in einer Schnelligkeit arbeiten, die ungeheuerlich ist. Dabei muss aber immer der Spruch "Get it first, but first get it right" gelten. Zusätzliche Öffentlichkeit als Ansporn kann ich nur begrüßen, weil dass wir in der Geschwindigkeit auch Fehler machen, ist ja gar keine Frage. Wir entschuldigen uns auch dafür. Wir haben vielleicht auch schon falsche Fotos gebracht. Was wir sicher nicht machen, ist Interviews erfinden und Fotos fälschen. Aber das gehört zur österreichischen Medienlandschaft leider auch dazu.

Boulevard & Schmäh tun der Demokratie weh, haben Sie jüngst in einem Kommentar geschrieben. Was genau ist Ihre Kritik am Boulevard?

Brandstätter: Die "Kronen Zeitung" hatte in Wien 2010 etwa 540.000 Leser und hat heute 360.000 Leser. Der "Kurier" hatte vor fünf Jahren 238.000 und heute 247.000 Leser. Wir haben also in einem Wust von unendlich vielen Gratiszeitungen heute mehr Leser als damals und ungefähr 100.000 Leser weniger als die "Krone". Das ist nicht so ein riesiger Unterschied, wir reden von 24 Prozent zu 16 Prozent. Zu glauben, ich kann heute noch über eine Zeitung ein Thema spielen, ist ein großer Irrtum. Und nach der Niederlage des Boulevards bei der Berufsheer-Volksabstimmung wundert es mich noch mehr. Da hat der ganze Boulevard ein Thema betrieben und ist damit gescheitert. Manchmal hinterfrage ich die Lernfähigkeit von Politikern. Politik und Medien können eine Stimmung nur verstärken, aber man kann eine Stimmung nicht umdrehen. Wer es trotzdem versucht, scheitert. Und wenn man sich die Leserzahlen anschaut, dann zeigt sich, dass Boulevard bei Kaufzeitungen möglicherweise gar nicht das große Erfolgsrezept ist. Boulevard tut der Demokratie weh, weil es keine einfachen Antworten gibt. Man muss den Leuten Themen erklären, und es ist sehr mühsam, es zu erklären. Bildungspolitik anhand der Anzahl an Lehrerstunden mit einem lässigen Sager erklären zu wollen, geht schon überhaupt nicht. Die Politik hält oft einfach die Nase in den Wind. Man glaubt, wo es hingeht, und dort hin läuft man nach. Das ist Populismus. Politik ist aber, zu erkennen, was richtig ist, und die Leute davon zu überzeugen. Politik machen kann ich schon auch mit Medien, aber nicht nur mit Boulevardmedien, und irgendwann wird das die Regierung auch begreifen. Aber wie gesagt: Ich bin erstaunt über die Nicht-Lernfähigkeit von führenden Politikern.

Bei der "Krone" hatte man zuletzt das Gefühl, wenn es für den Wiener Bürgermeister mal hart auf hart geht, gibt es publizistische Schützenhilfe von Michael Jeannee, Peter Gnam oder Claus Pandi. Ist das ein Beispiel für eines dieser "Gegengeschäfte" Inserate versus freundliche Berichte, von denen Kritiker immer wieder reden?

Brandstätter: Das müssen sich die miteinander ausmachen. Aber allein, dass wir darüber reden, ist ein schreckliches Zeichen für den Journalismus. Allein, dass man darüber nachdenken muss, warum schreibt gerade jemand so, und dann umblättert, ah, da ist ein Inserat, jetzt weiß ich es ... Das war - glaub ich - früher besser, das gab es früher so nicht. Die Art und Weise, wie sich Redakteure dafür hergeben, etwas gegen ihre Überzeugung zu schreiben, oder von ihren Chefs angeschafft bekommen, etwas zu schreiben, nur weil es dafür Inserate gibt, ist unerträglich. Beim "Kurier" gibt es ein Redakteursstatut, so etwas wäre hier schlichtweg undenkbar. Und da bin ich sehr froh, weil es den Journalismus zerstört, wenn weiter so gearbeitet wird. Das sage ich auch Unternehmen: Ihr werdet doch nicht auf Dauer nur noch Blattln haben wollen, wo man schon davon ausgehen muss, dass jeder Artikel gekauft ist. Wenn dann mal was Positives über euer Unternehmen drinnen steht, glaubt der Leser auch, das ist gekauft. Da habt ihr doch nichts davon. Dasselbe gilt natürlich für die Politik. Aber ich weiß, dass ich da noch einen weiten Weg der Überzeugung habe.

Einer, mit dem Sie immer wieder im Clinch liegen, ist "Österreich"-Herausgeber Wolfgang Fellner. Man hat den Eindruck, Fellner steht für eine Form des Journalismus, die Sie mit jeder Faser ihres Herzens ablehnen?

Brandstätter: Wolfgang Fellner steht nicht für eine Form des Journalismus, er steht für eine Form des Geschäftemachens, die ich natürlich ablehne. Ich liege auch nicht im Clinch mit ihm. Es gibt ein rechtskräftiges Urteil, wonach ich laut und deutlich sagen kann: In "Österreich" werden Interviews erfunden. In "Österreich" werden Fotos gefälscht. Es gibt einen Zusammenhang zwischen Berichterstattung und Inseraten. Das sind drei Sätze, die theoretisch jedes journalistische Unternehmen umbringen müssten. Theoretisch müsste sich jeder, der dort eine Geschichte unterbringen oder ein Inserat schalten möchte, mit Grausen wenden und sagen, das ist ja keine Zeitung, das ist ja kein journalistisches, sondern das ist möglicherweise ein gekauftes Produkt. Das ist aber leider nicht so. In Deutschland wäre so etwas völlig undenkbar und dort wären auch die absurden Millionensummen, die in die Gratiszeitungen gesteckt werden, völlig undenkbar. Fellner hat über mich so viele Lügen verbreitet, aber da er null Glaubwürdigkeit hat, ist mir das wurscht. Ich habe ja erst kürzlich vor Gericht gesagt, auch der Wiener Bürgermeister hat mir schon mal erzählt, von mir hat er auch schon Interviews erfunden, aber solange es nix Negatives ist, wehr ich mich nicht. Ich bin schockiert, dass so etwas möglich ist. Es ist traurig, aber die wirkliche Elite in diesem Land sind die Fußballer. Die Fußballer haben sich getraut zu sagen, Fellner hat Interviews von uns erfunden.

Halten Sie Wolfgang Fellner für käuflich?

Brandstätter: Ich beschäftige mich nicht mit der Figur Fellner. Die Figur ist mir egal. Mir geht es um das System, das in diesem Land teilweise noch immer funktioniert. Wir haben mit dem Medientransparenzgesetz - das ein Beispiel ist, dass man auch gegen mächtige Geschäftemacher etwas durchsetzen kann - zumindest erreicht, dass aufgezeigt wird, wer wo mit welchen Summen inseriert. Ich weiß, dass das Gesetz mannigfaltig gebrochen wird, indem man ein einmaliges Produkt erfindet, das dann nicht gemeldet wird. Das Gesetz ist nicht perfekt, aber ein erster Schritt. Es ist jetzt zumindest mal geklärt, was offiziell bezahlt wird.

Wie geht es Ihnen mit dem ORF? Sie gelten ja auch als einer der schärfsten Kritiker des öffentlich-rechtlichen Senders. Zuletzt haben Sie etwa moniert, dass der ORF lieber Popo-Sprücheklopfer zu Diskussionen einlädt, als über ernste Themen zu reden ...

Brandstätter: Ich bin ja nur ein zahlender Konsument, der das Recht hat, zu kritisieren. Diese "Im Zentrum"-Diskussionsrunde war ja nur ein besonders eklatanter Fall, wo man geglaubt hat, mit dem Thema kann man Quote machen, was übrigens gescheitert ist. Aber wenn jemand so einen Unsinn sagt, wie dieser unsägliche Noch-Abgeordnete, dann ist das sicher kein Grund, ihn einzuladen. Wenn das ein Privatsender macht, okay, aber es kann ja wohl nicht der Maßstab sein, dass in eine ORF-Sendung eingeladen wird, wer den größeren Blödsinn lauter sagt. Aber ich gebe zu, daraus spricht vielleicht auch manchmal die Enttäuschung, weil ich selbst erlebt habe, was das für ein journalistisches Unternehmen war und nach welchen Maßstäben dort gearbeitet wurde. Da frage ich mich, warum machen die das, wenn es am Ende nicht einmal erfolgreich ist. Im ORF sind hervorragende Journalisten am Werk, aber bei der Schwerpunktsetzung wundere ich mich manchmal. Und bei der Empfindlichkeit der Führung wundere ich mich auch.

Ihre Frau arbeitet als Journalistin im ORF. Die hat es vermutlich nicht immer leicht mit Ihren Aussagen?

Brandstätter: Ich weiß nicht, ob es meine Frau mit mir schwer hat, aber ich weiß, dass es im ORF Leute gibt, die sich schwer damit tun, das Persönliche vom Sachlichen zu trennen.

Sie teilen aus, sind aber selbst auch immer wieder Zielscheibe in sozialen Netzwerken wie Twitter. Da heißt es etwa, Sie seien sehr eng mit dem Bundeskanzler, wollten ORF-Chef werden oder laden Politiker zum Essen zu sich nach Hause ein. Ist das Part of the Game?

Brandstätter: Ja, das ist Part of the Game. Twitter ist in Österreich vor allem ein Phänomen in der Journalistenblase. Für mich ist Twitter vor allem ein Informationsmedium, wo ich internationale Medien wie die "New York Times" oder "Spiegel Online" verfolge und internationale Infos bekomme. An Diskussionen beteilige ich mich nur selten, aber wenn jemand eine offensichtliche Lüge in die Welt setzt, wie die Behauptung, der Herr Bundeskanzler ist bei mir zum Essen, dann ist das einfach falsch. Der Herr Kanzler war noch nie bei mir zum Essen, und wenn's so wär, würde es auch niemanden was angehen.

Der digitale Wandel zwingt die Zeitungen, sich selbst neu zu denken. In welche Richtung denkt man beim "Kurier"?

Brandstätter: Wir sitzen hier in einem multimedialen Newsroom, wo wir Print und Online gleichzeitig machen und das auch leben. Die Medienwelt verändert sich derzeit rasend schnell. Das geht nicht ohne Probleme und das sorgt auch für Unsicherheit. Wir versuchen digital, schnell und vernetzt zu denken und zu arbeiten. Die Anforderungen an Journalisten sind dabei heute größer als früher. Die große Herausforderung für uns ist es, Leser mobil zu gewinnen. Unsere Leserzahlen zeigen zugleich, es gibt beim "Kurier" keine Printkrise. Auch unsere Website entwickelt sich gut. Wir arbeiten täglich daran, dass man uns braucht. Von Entwicklungen wie Roborter-Journalismus halte ich wenig. Ja, ein Roboter kann eine Datengeschichte über ein Erdbeben schreiben. Aber welche Geschichte würde ein Roboter über das Elend im Mittelmeer schreiben.

Sie arbeiten jetzt ein Jahr im neuen Newsroom. Zufrieden?

Brandstätter: Ich bin zufrieden. Die Kommunikation funktioniert und wir merken, wenn wir trimedial arbeiten wollen, also auch noch mehr Videos anbieten, können wir das nur mit einem offenen Konzept in einem offenen Raum. Wir werden den Newsbereich nochmals etwas verändern und Print und Online noch näher zusammenführen. Wir haben aus diesem Jahr gelernt und werden uns weiter verändern. Generell läuft die Entwicklung gut, aber zufrieden können wir nie sein. Es ist ein täglicher Wettbewerb um den Leser. Wir haben in den letzten Jahren öfters die Preise angehoben, weil auch die Kosten steigen. Das muss man dem Leser in einem ständigen Dialog erklären. Wir bekommen sehr viel Zustimmung für unsere Autoren und Kolumnisten, da haben wir die besten im Land. In diesem Wust an Information ist es immer wichtiger, sich wo anhalten zu können.

Stichwort Kosten: Stehen weitere Sparmaßnahmen an?

Brandstätter: Keine großen Sparprogramme. Aber ich gebe zu, gerade haben uns zwei Kollegen Richtung Servus TV verlassen, und wir versuchen, die Stellen nicht nachzubesetzen. Das Medium in Österreich, das sagt, es spürt keinen Kostendruck, würde ich gerne kennenlernen. Ja, es gibt einen Kostendruck, aber es gibt auch eine erfreuliche Entwicklung, was das Anzeigenaufkommen betrifft, und es gibt Stabilität, was die Print-Leser betrifft, Wachstum auf kurier.at, und in dem Sinn sind wir für die nächsten Jahre gerüstet.

Um die geplante Kompaktausgabe ist es zuletzt wieder ruhiger geworden. Kommt das neue Format?

Brandstätter: Da gibt es interessante Überlegungen, über die ich aber noch nicht reden kann.

Bleibt Papier auch in der Zukunft unersetzbar?

Brandstätter: Für die nächsten Jahre ist das für mich überhaupt keine Frage. Was es nicht mehr gibt, ist hingegen die Einstellung, wir machen einfach so weiter. Wir befinden uns in einem ständigen Veränderungsprozess. Dass soziale Medien und das Internet die Zeitung ersetzen, kann ich mir nicht vorstellen, weil das immer nur sehr kleine Ausschnitte zu einem Thema sind. Soziale Medien haben sich zu Aufregungsmedien entwickeln. Wenn ich aber wissen will, wo kommen die Flüchtlingsströme her, aus welchen Staaten, was ist dort für eine Ordnung, kann ich mir sicher das meiste im Internet zusammensuchen, aber einen Überblick in fünf bis zehn Minuten in der Zeitung zu haben, wie wir das hier bieten, bekomme ich nicht. Diese Funktion des Journalismus wird immer bleiben.

Was werden Sie in 10 Jahren machen?

Brandstätter: Wenn ich gesund bin, vielleicht weniger arbeiten, aber sicher arbeiten. Ich denke gerade über ein neues Buchprojekt nach. Ich war in meiner Jugend Reiseleiter und kann mir auch vorstellen, Reisegruppen zu führen. Etwas schreiben, vielleicht im Fernsehen eine Sendung machen ...

Wie sieht es mit dem Posten des ORF-Generaldirektors aus?

Brandstätter: Ich bin bis 2019 vertraglich an den "Kurier" gebunden, und deswegen brauchen wir nicht über 2016 reden. Für 2016 schließe ich das aus. 2021 habe ich keine vertragliche Bindung, da können wir dann wieder darüber reden. Aber ganz ernst ist es im Jahr 2021 für mich wahrscheinlich spannender, Serien zu schreiben, ein Buch zu machen oder Sendungen zu moderieren, und mich nicht mit Managementaufgaben herumzuschlagen. Abgesehen davon kann man dem ORF nur eine Reform wünschen, die ihm mehr Unabhängigkeit bringt. Aber das allein reicht nicht. In Wirklichkeit bräuchten wir eine generelle Medienreform in Österreich. Würde man heute die Medienlandschaft auf der grünen Wiese gründen, würden wir sicher nicht einem Medienunternehmen 600 Millionen Euro Gebührengelder bezahlen, würden wir nicht 200 Millionen für Inserate verteilen, überwiegend Richtung Gratiszeitungen. Die ganze Konstruktion ist ja völlig schief. Gespräche mit Medienpolitikern gibt's ja seit Jahren, und sie starren noch immer auf den ORF. Eine kluge Medienpolitik würde sich eine Gesamtlandschaft überlegen, wo es möglichst viel Information gibt. Aus politischer Sicht wäre es wichtig, Medien zu haben, wo man zwei Sätze ausreden kann, wo man auch einen Gedanken formulieren kann, wo Inhalte analytisch und tief gehend aufbereitet werden. Wir brauchen Medien, wo genug Platz und Grips da ist, um umfangreiche Darstellungen zu ermöglichen. Wenn dann ein Sender 600 Millionen kriegt und übers Popsch-Grapschen diskutiert, ist das wahrscheinlich nicht im Sinne des Erfinders. Aber Politiker haben ein Wunschdenken und glauben, im ORF so oder so vorzukommen, sichert eine Wahl. Politiker leben da zum Teil noch in den 60er und 70er Jahren. (Johannes Bruckenberger/APA, 23.4.2015)

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