Alijew-Prozess: Zerfließende Leichen und Medikamentenmix

23. April 2015, 14:48
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Gesehen hat der heimische Gerichtsmediziner die Leichen der angeblichen Alijew-Opfer nie. Er kommt allerdings zu anderen Schlüssen als Kasachen und Deutsche

Wien – Gerichtssachverständiger Daniele Risser scheint Freude an seinem Auftritt vor dem Geschworenengericht unter Vorsitz von Andreas Böhm zu haben. Er darf den Laienrichtern über den Zustand der Leichen jener beiden kasachischen Bankmanager berichten, die der verstorbene Rachat Alijew und die beiden Angeklagten Alnur Mussajew und Wadim K. im Jahr 2007 ermordet haben sollen.

Gefunden wurden die Körper in Ölfässern auf einem Alijew zugerechneten Firmengelände, verbuddelt in vier Metern Tiefe. Zunächst beginnt Risser noch harmlos: Es sei "eine fortgeschrittene Leichenveränderung" festgestellt worden. Später wird er konkreter: "Die Leiche zerfließt", führt er aus.

Und genau das ist ein Problem: Dadurch ist es schwierig, eindeutige Erkenntnisse zu gewinnen. Der Sachverständige hat die Überreste nie selbst gesehen, sondern kennt nur die Obduktionsprotokolle der kasachischen Behörden und der von diesen zugezogenen Mediziner der Berliner Uni-Klinik Charité. Allerdings lieferte diese Gewebeproben, die in Österreich analysiert wurden.

Erstickungstod wahrscheinlich

Die genaue Todesursache kann er dem Gericht nicht verraten. Da beide Leichen aber bei der Entdeckung Plastiksäcke über dem Kopf und PC-Kabel mehrfach um den Hals geschlungen hatten, ist ein Erstickungstod durchaus wahrscheinlich. Sicher ist, dass mehrere Verletzungen festgestellt wurden. Ob diese aber vor oder nach dem Tod zugefügt wurden, kann Risser nicht sagen.

Eindeutig nachgewiesen wurden im Körper vier Beruhigungsmittel und Psychopharmaka. Drei in normalen Dosen, eines stark überhöht – aber nicht tödlich.

Dann wird es seltsam: Laut Charité waren im Körper eines der Opfer drei weitere Substanzen, die "innerhalb des letzten Lebensmonats" in mehreren Dosen verabreicht worden sind. Die Untersuchung in Österreich fand dagegen keine Spuren dieser zusätzlichen Medikamente.

Widerspruch zu deutschen Experten

Dezidiert widerspricht Risser seinen deutschen Kollegen auch in einem anderen Punkt. Die kamen aufgrund der Tatsache, dass die Ölfässer mit Kalk gefüllt wurden, nämlich zum Schluss, die Beseitigung müsse jemand mit medizinischen Kenntnissen vorgenommen haben – Alijew war Arzt.

"Ich würde es nicht so machen", sagt dagegen der heimische Sachverständige. Denn die verwendete Kalkart verlangsame den Verwesungsprozess eher. Ein Arzt würde das wohl wissen, vermutet er.

Zuvor stellte ein weiterer Sachverständiger klar, dass die gefundenen Leichen zu 99,9 Prozent jene der beiden Manager sind. Für den Zweitangeklagten K. hat er gute Nachrichten: Eine DNA-Spur, die am angeblichen Tatort an einem Kaffeebecher gefunden wurde, stammt definitiv nicht von ihm. Am Freitag wird fortgesetzt. (Michael Möseneder, derStandard.at, 23.4.2015)

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