Studie: Zehn Euro in bar sind billiger

23. April 2015, 14:30
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Cash ist fesch, das gilt in Österreich weiterhin. Glaubt man einer Studie, so kostet die Liebe zum Bargeld die Volkswirtschaft jährlich 1,2 Milliarden Euro

Wien – Wer in Kenia seine Rechnung begleichen will, zückt meist das Handy. Ob am Gemüsestand, im Taxi oder beim Buchen eines Flugtickets, Geldbörserl, Kredit- oder Bankomatkarte wie in unseren Breiten hat man beim Einkaufen kaum dabei. Das hat mit Fragen der Technologie zu tun. Nur wenige Menschen in Kenia besaßen einen eigenen Telefonanschluss, bis 1992 die ersten Handys auf den Markt kamen. Auch eine Kabelvernetzung, wie sie in Europa üblich ist, gibt es nicht. Ab 1999, als es billige Nokia-Geräte zu kaufen gab, explodierte das Geschäft. Inzwischen besitzen mehr als drei Viertel aller Kenianer ein Handy. 80 Prozent davon verwenden das Gerät auch für Zahlungen – das sind mehr als 15 Millionen Menschen. Mittlerweile denkt man dort über die Abschaffung des Bargelds nach.

Österreicher zahlen am liebsten bar

Hierzulande sieht die Situation vollkommen anders aus: Die Österreicher zahlen weiterhin am liebsten cash. Aktuelle Zahlen gibt es nach Auskunft der Nationalbank (OeNB), die das Thema gemeinsam mit der EZB diesen Herbst erheben wird, erst Anfang 2016. Die OeNB geht aber davon aus, dass Österreich diesbezüglich vergleichbar mit Deutschland ist. Dort zahlten Privatpersonen im Jahr 2014 laut einer Erhebung der Bundesbank vom März 53 Prozent der Umsätze mit Münzen und Banknoten. Regelmäßige Zahlungen wie Mieten sind davon ausgenommen. Gegenüber der Erhebung aus dem Jahr 2011 ist damit der Barzahlungsanteil gleich geblieben. Bar werden vor allem kleine Beträge unter 20 Euro bezahlt, aber auch Beträge bis 50 Euro werden am häufigsten mit Münzen und Scheinen beglichen.

Dass auch Bargeld Kosten verursacht, haben die Bürger meist nicht im Kopf. Die Produktion der Ein-Cent-Münze kostet über die Jahre gesehen einen Cent, das wäre also ein Nullsummenspiel. Auch die Gebühr für die Bankomatkarte, die etwa rund um die Behebung beim Bankomat zum Tragen kommt, ist mit einigen Euro im Jahr eher vernachlässigbar. Schaut man den gesamten Ressourcenverzehr an, sieht die Rechnung aber vollkommen anders aus. Die WU-Professoren Hanns Abele (emeritiert) und Guido Schäfer haben in einer vom Bankomatkartenbetreiber Payment Services Austria finanzierten Studie eine volkswirtschaftliche Betrachtung der Kosten von Bargeld und Bankomatkarte in Österreich versucht. "Eine Momentaufnahme, der Daten aus dem Jahr 2013 zugrunde liegen", wie Schäfer zugibt. Was man etwa in Rechnung genommen hat, sind Kosten für Personal, Sachmittel, Technologie, Transport bei so unterschiedlichen Beteiligten wie Notenbank, Banken, anderen Zahlungsverkehrsunternehmen, Firmen vorwiegend im Handelssektor und Haushalten.

Über zehn Euro mit Bankomatkarte

Demnach ist für Beträge über zehn Euro die Bezahlung mit Bankomatkarte kostengünstiger als mit Bargeld. Dem liegt folgende Durchschnittsberechnung zugrunde: Der zeitliche Aufwand für Konsumenten ist bei der Bezahlung mit Bargeld bedingt durch die Wegzeiten zur Bank bzw. zum Bankomaten um acht bis neun Stunden höher als der zeitliche Aufwand für die Bezahlung mit Bankomatkarte. Immerhin heben 25 Prozent der Erwachsenen ihr Geld auch heute noch ausschließlich am Bankschalter ab, 35 Prozent der Erwachsenen zahlen nie mit Bankomatkarte. Dass es dabei je nach Lebenslage des Einzelnen (unterschiedliche Verfügbarkeit von Bankomaten in der Stadt und am Land, Anm.) erhebliche Unterschiede gibt, liegt auf der Hand. Beim Bargeld steige bei höheren Beträgen der Aufwand für Produktion, Transport, Zählen, Wechseln, Verfahren, Kontrolle. Anders verhalte es sich bei der Bankomatkarte, wo die Zahlung ein Impuls sei, dessen Höhe von der Betragshöhe unabhängig sei, so die Ökonomen.

Eine Bargeldzahlung kostet nach diesen Berechnungen pro Euro Umsatz im Schnitt 2,6 Cent, eine Kartenzahlung hingegen 0,8 Cent. Im Schnitt werden pro Barzahlung 15 Euro ausgegeben – was volkswirtschaftlich gesehen mit 40 Cent zu Buche schlägt. Allerdings hängen die Kosten stark von der Höhe der Transaktion ab. Kleinbeträge sind bar günstiger, weil nur wenig Geld transportiert werden muss, während bei Kartenzahlungen die Kosten unabhängig von der Transaktionshöhe praktisch unveränderlich sind. Dank neuer Technologien wie NFC (kontaktloses Zahlen mit Karte oder Handy) wird diese Kostenschwelle rasch sinken, erwarten Abele und Schäfer. In den Niederlanden seien bereits Zahlungen ab drei Euro digital günstiger als mit Münzen oder Scheinen.

Ein Zehntel der Transaktionen erfolgt digital

Wie man die Kosten bewertet, hängt allerdings stark von der Bezugsgröße ab. Bargeld kostete Österreich 2013 (Referenzjahr für die Studie) 1,2 Milliarden Euro oder 0,362 Prozent des BIP, das waren 2,6 Cent pro Euro Umsatz oder 40 Cent pro Transaktion. Für Bankomatkartenzahlungen fielen pro Transaktion mit 39 Cent praktisch die gleichen Kosten an, da aber im Schnitt wesentlich höhere Beträge so gezahlt werden (etwa 50 Euro), betrugen die Kosten pro Euro Umsatz mit 0,8 Cent weniger als ein Drittel. Nur gut ein Zehntel aller Transaktionen erfolgte digital, die Gesamtkosten des Bankomatsystems betrugen 150 Millionen Euro (0,046 Prozent des BIP).

Der Abschaffung des Bargelds – wie es der OECD bereits vorschwebte – reden die Professoren nicht das Wort. Sie wollen "Bewusstsein für die Kosten" schaffen, wie sie sagen. Bestrebungen, Schotter und Scheine sukzessive aus dem Verkehr zu ziehen, gibt es ohnedies schon länger – und das nicht nur in Afrika. Die Kanadier mussten sich vom Penny verabschieden, weil der Staat die Herstellungskosten in Millionenhöhe nicht mehr tragen wollte. Andere Länder wie Finnland hatten diese Idee auch schon. Auch in der Eurozone wurde mit der Idee geliebäugelt, zumindest 1- und 2-Cent-Münzen aus dem Verkehr zu ziehen. Der Wunsch nach einer Umstellung von 2-Euro-Münzen auf 2-Euro-Scheine blieb allerdings unerfüllt.

Dass Bargeld nicht so schnell wegzukriegen ist, darüber sind sich die Ökonomen ohnedies einig. "Wer seinen Notgroschen weiterhin unter den Polster legen will, braucht auch unter volkswirtschaftlichen Aspekten kein schlechtes Gewissen haben", beruhigt Abele. (Regina Bruckner, derStandard.at, 23.4.2015)

Wissen: Banknoten und Münzen in der Eurozone

Mit Stichtag 31. Dezember 2014 waren in der Eurozone 17,5 Milliarden Banknoten mit einem Gegenwert von 1,02 Billionen Euro und 1.111 Milliarden Münzen mit einem Gegenwert von 25 Milliarden Euro in Umlauf. Insgesamt beläuft sich der Euro-Bargeldumlauf somit auf 1,04 Billionen Euro. Wie viel davon in Österreich in Umlauf ist, lässt sich nicht genau feststellen.

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