Menschenversuche in Guatemala: Opfer klagen in den USA

23. April 2015, 13:33
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Amerikanische Institutionen führten Experimente durch - Hunderte Guatemalteken mit Geschlechtskrankheiten infiziert

Guatemala-Stadt – 774 Opfer haben gegen mehrere amerikanische Institutionen wie die John-Hopkins-Universität und die Rockefeller-Stiftung in den USA wegen der Beteiligung an Menschenversuchen vor mehr als 50 Jahren in Guatemala Klage eingereicht. Das berichtete diese Woche die auf Lateinamerika spezialisierte Internet-Plattform "amerika21.de".

Sie werden beschuldigt, in einem US-Regierungsprogramm zur Erforschung der Übertragung von Geschlechtskrankheiten von 1945 bis 1956 mindestens 1.500 Menschen absichtlich und ohne deren Einwilligung mit Geschlechtskrankheiten infiziert zu haben. Unter den Opfern waren Sexarbeiterinnen, Gefangene, Soldaten, Waisenkinder und Patienten von psychiatrischen Krankenhäusern.

Beteiligte Forscher waren anerkannte Persönlichkeiten

In der Klage wird Ärzten und Wissenschaftern vorgeworfen, dass sie an diesen Menschenversuchen "teilnahmen, ihnen zustimmten, sie förderten, halfen und Komplizen waren". Die beteiligten Forscher seien anerkannte Persönlichkeiten gewesen, die von den Experimenten wussten, sie planten, überwachten und sich von der Regierung dafür bezahlen ließen, führte der Anwalt der Kläger, Paul Bekman, laut "amerika21.de" aus.

"So etwas Schreckliches hätte ich mir nie vorstellen können", erklärte der 88-jährige Kläger Hector Berdales, der während seines Militärdienstes im Alter von 19 Jahren mit Syphilis infiziert wurde. Berdales wurde damals in der Kaserne von einem weiß gekleideten Mann angesprochen, der ihm eine Injektion setzte und auf Englisch mehrfach zu ihm sagte: "This is good for you" (Das ist gut für dich).

Im Jahr 2010 seien die Versuche durch Nachforschungen von Susa Rever vom Wellesley College in Archiven des Mediziners John Charles Cutler bekannt geworden, berichtete "amerika21.de". Cutler arbeitete für das Amt für Öffentliche Gesundheit der USA und leitete die Experimente. Aus seinen Unterlagen geht hervor, dass die Guatemalteken weder über die Versuche noch über mögliche Konsequenzen der "Behandlungen" informiert wurden.

Zum teil keine Medikamente erhalten

Es gebe Beweise, dass die Hälfte der Infizierten keine Medikamente erhielt, damit der Verlauf der Krankheiten studiert werden konnte. Mindestens 83 Menschen starben bis 1953 direkt an den Folgen. Beteiligt war auch der Pharmakonzern Bristol-Myers Squibb, der das Penicillin zur Verfügung stellte, dessen Wirkung bei Syphilis getestet werden sollte.

Präsident Barack Obama entschuldigte sich offiziell und beauftragte eine Bioethikkommission mit der Untersuchung dieser "Forschungen". In ihrem Bericht wird festgehalten, dass barbarische Experimente stattgefunden hätten, die Menschenrechtsverletzungen darstellten. Laut dem US-Gesundheitsministerium wurden die Versuche im Ausland durchgeführt, um jegliche Kontrolle zu vermeiden.

Die erste Klage einiger guatemaltekischer Opfer war im Jahr 2012 von einem Bundesrichter in den USA mit der Begründung zurückgewiesen worden. Man könne die US-amerikanische Nation nicht für Ereignisse verantwortlich machen, die außerhalb der USA geschehen seien.

Entschädigung in Milliardenhöhe gefordert

Mit der neuen Klage soll nun eine Entschädigungszahlung für die "Grausamkeit und Verachtung", welche die Betroffenen erlitten haben, in Höhe von einer Milliarde US-Dollar durchgesetzt werden. "Wir wollen, dass die Welt erfährt, was geschehen ist", betonte der Anwalt Juan Pablo Rodriguez. Die Forderung nach Wiedergutmachung sei logisch, denn durch die Versuche seien Leben zerstört worden.

Die John-Hopkins-Universität bedauerte in einer Stellungnahme die Experimente. Der Anwalt der privaten Eliteuniversität äußerte hingegen, dass die Anschuldigungen jeglicher Grundlage entbehrten. Es sei keine Studie der John Hopkins gewesen, sondern ein Regierungsprogramm der USA.

Menschenversuche in südlichen Ländern wurden im vergangenen Jahrhundert vor allem bei indigenen Völkern durchgeführt. In den 1960er-Jahren wurden brasilianische Yanomami in Experimenten der US-amerikanischen Atombehörde von Anthropologen mit Mumps angesteckt. Hunderte starben. Die Weltbank und Weltgesundheitsorganisation arbeiteten in den 1990er-Jahren mit Peru im Rahmen eines Geburtenkontrollprogramm zusammen. Indigene Frauen wurden zu Tausenden ohne ihr Wissen und gegen ihren Willen sterilisiert, so "amerika21.de". (APA, 23.4.2015)

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