Heraf: "Ich habe eine intelligente Mannschaft"

Gespräch23. April 2015, 14:17
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Nachwuchstrainer Andreas Heraf führt zum zweiten Mal eine Mannschaft zur U20-Weltmeisterschaft. Die Gruppe sei knüppelhart, das Turnier werde in Österreich unterschätzt

Wien - "Man weiß hier gar nicht, was das für ein Riesenturnier ist", sagt Andreas Heraf über Österreichs Verhältnis zur U20-Weltmeisterschaft. Die besten Spieler der Geschichte hätten dort den nächsten Schritt in ihrer Karriere gemacht: zum Beispiel Diego Maradona, Angel di Maria, Xavi, Ronaldinho, Lionel Messi, Paul Pogba, James Rodriguez und Luis Suarez.

Am Vorabend unseres Gesprächs besiegte der FC Porto den FC Bayern mit 3:1. Drei der Porto-Spieler haben für Brasilien bei der U20-WM 2011 gegen Herafs Team gespielt. Vom damaligen ÖFB-Kader schaffte nur Premier-League-Legionär Andreas Weimann eine herausragende Karriere. David Alaba, Aleksandar Dragovic und Raphael Holzhauser waren damals nicht dabei. Heraf musste bei der Kaderzusammenstellung mit den deutschen und österreichischen Vereinen um seine besten Spieler ringen und hat viele davon nicht gekriegt. Das hat ihn fertiggemacht - "enttäuscht und traurig".

Als erster heimischer Trainer hat sich Heraf ein zweites Mal für die Junioren-WM qualifiziert und wird deshalb Mitte Mai mit einem weiteren Team nach Neuseeland reisen. Den Kader wird Heraf am 28. April bekanntgeben. Mit genug Vorlaufzeit, um etwaige Absagen verkraften zu können. Es wird aus unterschiedlichsten Gründen wohl wieder nicht die Crème de la Crème des heimischen U20-Fußballs dabei sein.

Nominierungs-Hürdenlauf

Das oberste Problem: Die heimische Meisterschaft endet erst einen Tag nach dem Beginn der WM - also zwei Wochen nach der Abreise. Bei vielen Vereinen geht es derzeit sportlich noch um etwas. Bei Manchester-City-Legionär Sinan Bytyqi kommt Pech dazu. Der wohl herausragendste Spieler der Generation hat sich bei seiner Leihe in der niederländischen Eredivisie im Frühjahr zu schwer verletzt.

Für andere Ausfälle gibt es sogar erfreuliche Gründe: Austrias Sascha Horvath und Marko Kvasina spielen im Sommer mit ihrem eigentlichen Jahrgang bei der U19-Europameisterschaft. Real-Madrid-Legionär Philipp Lienhart wäre auch noch jung genug dafür, aber aufgrund einer Sperre würde er dort nicht spielen können. Bei der U20 darf er laut Herafs Informationen antreten und wird das auch. Salzburgs Konrad Laimer wäre ebenfalls für Neuseeland vorgesehen, und auch sein Teamkollege Valentino Lazaro (der bisher noch nie in Herafs Teams war) könnte mitkommen, falls Marcel Koller ihn nicht für den prioritären A-Team-Kader beim Länderspiel in Russland braucht. Zwischen U19 und U20 gibt es keine Prioritätensetzung des ÖFB (der laut Heraf keine Wünsche für die Vorbereitung offenlässt), Heraf und Hermann Stadler lösen die Spielerverteilung im Einvernehmen.

So oder so: "Ich sehe viele Dinge gelassener als 2011", sagt Heraf. Er habe sich damals zu viel in Details gestürzt, konzentriere sich diesmal auf seine Mannschaft und Gegner. Es sei traurig für "die Jungs", wenn sie die Chance auf so eine "Riesenplattform" nicht bekämen, "aber es wird mich nicht mehr kaputt machen". Er tue jedenfalls alles, was er könne, und fahre "mit 21 Spielern dorthin, zu denen ich vollstes Vertrauen habe".

Eine ÖFB-Mannschaft ohne Stars

Mit vielen herausragenden "Jahrhunderttalenten" in dieser Altersgruppe sei der ÖFB derzeit nicht gesegnet, sagt Heraf. Warum so viele Spieler bei ihren Vereinen - oft in der selbsternannten Ausbildungsstätte Erste Liga beschäftigt - nicht zum Einsatz kommen, darüber rätselt er trotzdem: "Eigentlich halte ich sie für gut genug. Aber das hat sicher damit zu tun, dass dort sieben Vereine gegen den Abstieg spielen, dadurch sind die Trainer vorsichtig." Als Beispiel nimmt er Valentin Grubeck. Der an Horn verliehene Austrianer sammelt dort derzeit nur minutenweise Erfahrung. Für das ÖFB-Team ist er aufgrund "seiner Spielintelligenz im Pressing und Gegenpressing" aber ein wichtiger Puzzlestein.

Ohne viele Starspieler habe sein Team sich über das Kollektiv qualifiziert. Andere Nationen hätten die besseren Individualisten gehabt, seien aber in der Qualifikation auf der Strecke geblieben - darunter Topnationen wie Frankreich, die Niederlande, Italien und England. "Ich habe eine intelligente Mannschaft", sagt er mit einem Grinsen im Gesicht.

Der Jahrgang, der zur WM fährt, ist in der U17 noch ziemlich kläglich an allen Qualifikationen gescheitert. Heraf habe taktisch darauf reagiert: Dinge weggelassen, die man nicht so gut kann, und sich auf die Stärken im Spiel gegen den Ball konzentriert. Ein Testspielsieg gegen den damaligen U17-Europameister Holland habe dem Team den Glauben an diesen Weg gegeben, und danach habe man zunehmend zu gewinnen gelernt.

Wenig Vorbereitung

Seit sich das Team vor einem Jahr über den sensationellen dritten Platz bei der U19-Europameisterschaft qualifiziert hat, konnte Heraf es nur einmal einberufen. Eine U20 gibt es im ÖFB regulär nicht. Zu ändern sei das schwierig: Pflichtabstellungen gibt es nur bei offiziellen Länderspielterminen, auch der Spielerpool sei klein für je ein U19-, U20- und U21-Team. Heraf hat auch bereits eine U16 übernommen ("Ein guter Jahrgang, schauen wir, ob die WM-Quali ein drittes Mal gelingt"). Zeitlich geht sich das aus, sagt er, aber es sei natürlich zäh für den Kopf und anstrengend.

Im Trainingslager im März gab es für die U20 dann einen sensationellen Sieg gegen CONCACAF-Meister Mexiko (das in diesem Jahrgang vor drei Jahren noch Weltmeister wurde). Heraf lobt die gute Leistung, sie sei "aber kein Freifahrtschein für die WM". Das verstehe auch die Mannschaft.

Brockenschwere Gegner

Die Idee eines Freifahrtscheins sollte spätestens seit der Auslosung niemand mehr haben. Diese hat es alles andere als gut mit dem ÖFB-Team gemeint. Während Deutschland sich wegen des Turnierverlaufs über eine zu einfache Gruppe beschwert habe (Fidschi, Usbekistan, Honduras - "Ich wollte eh tauschen"), hat Österreich keine möglichen Gegnern aus Ozeanien und Asien erwischt, sondern stattdessen Argentinien, Ghana und Panama ausgefasst.

Argentinien ist U20-Rekordweltmeister. Ghana hat bei den letzten drei Turnieren einmal den Titel und einmal den dritten Platz geholt. Panama hat das CONCACAF-Finale gegen Mexiko erst im Elferschießen verloren und ansonsten alle Spiele ohne Gegentor gewonnen. Heraf hat die Gegner bereits analysiert, schwärmt im Gespräch von allen auf ihre eigene Weise. Ghana? "Perfekt an der Kugel, extrem schnell. Vielleicht taktisch noch zu wild." Panama? "Extrem schön anzusehen. Taktisch greift ein Rad ins andere." Argentinien? "Brauchen wir nicht reden."

Die U20-WM hat nicht überall einen so bescheidenen Stellenwert wie hierzulande. "Manche Länder fokussieren alles auf diese WM. Panamas Mannschaft trainiert jede Woche von Montag bis Mittwoch zusammen, ist jetzt schon in Neuseeland und spielt dort noch fünf Vorbereitungsspiele. Für die Qualifikation hat jeder Spieler ein Stipendium an einer US-Universität bekommen." Ghanas Team ist ebenfalls schon sechs Wochen vor der WM dort. Österreich reist 14 Tage vor dem Bewerb an - was immerhin noch ein größerer Polster ist, als man ihn 2011 im klimatisch schwierigen Kolumbien bekam ("Das war zu kurz.").

Ziel: Achtelfinale

Es wird also schwierig im winterlichen Neuseeland, wo man sich "ekelhafte" Verhältnisse und viel Wind erwarten müsse. Ein vierter Platz wie bei der herausragenden Generation 2007 wäre diesmal eine noch größere Sensation. Der Traum ist der Aufstieg ins Achtelfinale. Dazu muss man zumindest unter die besten Gruppendritten kommen. Heraf sagt: "Das Wichtigere ist diese unglaubliche Erfahrung und die persönliche Entwicklung. Die ist unbezahlbar. Das bekommt man in der österreichischen Liga nicht." (Tom Schaffer, derStandard.at, 23.4.2015)

Andreas Heraf (47) war als Spieler dabei, als sich Österreich 1998 zum bisher letzten Mal für eine WM qualifizierte. Als Trainer arbeitet er nach Stationen unter anderem bei Austria Lustenau, Schwanenstadt und Parndorf seit 2008 im ÖFB-Nachwuchs.

  • Andreas Heraf hat mit seinem zweiten ÖFB-Jahrgang zum zweiten Mal die U20-Weltmeisterschaft erreicht.
    foto: apa

    Andreas Heraf hat mit seinem zweiten ÖFB-Jahrgang zum zweiten Mal die U20-Weltmeisterschaft erreicht.

  • Auslosung des ÖFB-Teams:

    30.5.: Ghana – Österreich (9 Uhr MESZ)

    2.6.: Österreich – Panama (6 Uhr MESZ)

    5.6.: Österreich – Argentinien (6 Uhr MESZ)

    Alle Spiele in Wellington

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