Erklärung zu Armenier-Genozid: Türkei beruft Botschafter aus Wien zurück

23. April 2015, 12:39
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Ankara protestiert gegen das Wort "Völkermord" und sieht Beziehung zu Österreich "dauerhaft beschädigt" – Kurz: Resolution ist "zu respektieren"

Ankara/Wien – Die türkische Regierung hat am Mittwoch gegen die Erklärung des österreichischen Nationalrats zum Völkermord an den Armeniern 1915 protestiert. Diese habe für Empörung gesorgt und werde die Beziehungen zwischen beiden Ländern dauerhaft beschädigen, hieß es in einer Stellungnahme des türkischen Außenministeriums. Botschafter Mehmet Hasan Gögüs wurde aus Wien zurückberufen.

Die Erklärung sei "Anlass zu großer Verbitterung", hieß es. Es sei klar, dass dies "permanente negative Auswirkungen auf die Beziehungen zwischen der Türkei und Österreich haben wird". Das Ministerium bestätigte, dass der Botschafter zu Konsultationen nach Ankara zurückgerufen worden sei.

Kurz telefonierte mit türkischem Außenminister

Außenminister Sebastian Kurz (ÖVP) forderte die Türkei dennoch auf, die Entscheidung zu achten. "Die Erklärung des österreichischen Parlaments ist zu respektieren", sagte Kurz am Donnerstag. "Jetzt gilt es in die Zukunft zu schauen und an einer Aussöhnung zwischen Türken und Armeniern zu arbeiten."

Nach Angaben eines Sprechers telefonierte Kurz am Donnerstag mit seinem türkischen Amtskollegen Mevlüt Cavusoglu. Dabei informierte er diesen, dass die Erklärung zu den Armeniern von allen Nationalratsparteien getragen worden sei. Zudem habe sich die Erklärung auch kritisch mit der Rolle des mit dem Osmanischen Reich im Ersten Weltkrieg verbündeten Österreich-Ungarn und somit auch mit der österreichischen Geschichte auseinandergesetzt.

Türkei bestreitet Genozid

Nach armenischer Darstellung starben 1915 bis zu 1,5 Millionen Armenier im Zuge einer gezielten Vernichtungskampagne der Regierung des Osmanischen Reiches. Die Türkei bestreitet, dass es sich um einen Völkermord handelte, und spricht von einigen Hunderttausend Toten infolge von Kämpfen und Hungersnöten während des Krieges. Das Europaparlament bezeichnet die Ereignisse schon seit 1987 offiziell als Völkermord. Die EU-Kommission vermeidet dagegen diesen Begriff.

In dem Text der Klubobleute Andreas Schieder (SPÖ), Reinhold Lopatka (ÖVP), Heinz-Christian Strache (FPÖ), Eva Glawischnig (Grüne), Waltraud Dietrich (Team Stronach) und Matthias Strolz (Neos) heißt es: "Aufgrund der historischen Verantwortung – die österreichisch-ungarische Monarchie war im Ersten Weltkrieg mit dem Osmanischen Reich verbündet – ist es unsere Pflicht, die schrecklichen Geschehnisse als Genozid anzuerkennen und zu verurteilen." Und weiter: " Ebenso ist es die Pflicht der Türkei, sich der ehrlichen Aufarbeitung dunkler und schmerzhafter Kapitel ihrer Vergangenheit zu stellen und die im Osmanischen Reich begangenen Verbrechen an den Armeniern als Genozid anzuerkennen." (APA, 23.4.2015)

Kommentar von Michael Völker: Türkischer Chauvinismus

Leserbrief des türkischen Botschafters im STANDARD



Die Stellungnahme der türkischen Regierung im Wortlaut:

"Pressemitteilung in Bezug auf die gemeinsame Erklärung des österreichischen Parlaments über die Ereignisse des Jahres 1915

Die heute veröffentlichte Erklärung über die Ereignisse von 1915, unterzeichnet von den Klubchefs der politischen Parteien im österreichischen Parlament, ist Anlass zu großer Verbitterung unsererseits. Das österreichische Parlament hat weder das Recht noch die Kompetenz, die türkische Nation eines Verbrechens in einer Weise zu beschuldigen, die im Gegensatz zu den Gesetzen und der historische Wahrheit steht. Es soll zur Kenntnis genommen werden, dass die Türkei und die türkische Nation nicht vergessen werden, wie ihre Geschichte mit dieser Stellungnahme verleumdet wird.

Es scheint, dass Österreich, mit dem wir auf der gleichen Seite im Ersten Weltkrieg gekämpft haben, und das in der besten Lage sein sollte, zu erkennen, dass diese große Tragödie nicht als "Völkermord" definiert werden kann, sich den Bemühungen gewisser Kreise gebeugt hat, die erpicht sind, die Wahrnehmung zu manipulieren, in völliger Missachtung von humanitären und konkreten Initiativen der Türkei.

Die Tatsache, dass es die gemeinsame Erklärung nicht einmal für nötig erachtet, die Muslime zu erwähnen, die ihr Leben während des ganzen gleichen Zeitraums verloren, während sie die Leiden mit allen christlichen Gruppen teilten, ist ein trauriger und klarer Hinweis auf Diskriminierung aus religiösen Gründen durch Menschen, die behaupten, ihre Taten auf humanitärer Basis zu setzen. Es muss nicht gesagt werden, dass eine solche Diskriminierung bei der Lösung von Problemen nicht sehr hilfreich ist. Das österreichische Parlament sollte Dritten keinen Geschichtsunterricht von nicht zeitgemäßer und parteiischer Art erteilen.

Die Ereignisse des Ersten Weltkrieges durch verdrehte Linsen zu betrachten, selektive und diskriminierende Meinungen und so schwere Anschuldigungen wie jene des Völkermords auf die leichte Schulter zu nehmen, ist nichts weniger als ein Massaker des Rechts. Daher wird dieses empörende Verhalten rigoros von der Türkei abgelehnt. Es wird nicht möglich sein, der Türkei die Last eines so großen Verbrechens, das sie nicht begangen hat, durch politischen Druck jedweder Art auf die Schulter zu legen.

Es ist offensichtlich, dass diese Erklärung permanente negative Auswirkungen auf die Beziehungen zwischen der Türkei und Österreich haben wird. Unsere Ansichten zu diesem Thema wurden heute dem Botschafter der Republik Österreich in Ankara zur Kenntnis gebracht, und der türkische Botschafter in Wien, Herr Hasan Gögüs, wurde zu Konsultationen in die Türkei zurückberufen."

  • Gedenken an die ermordeten Armenier bei der Eröffnung des Museums der armenischen apostolischen Kirche in Moskau.
    foto: epa/sergei ilnitsky

    Gedenken an die ermordeten Armenier bei der Eröffnung des Museums der armenischen apostolischen Kirche in Moskau.

  • Die Klubobleute der sechs Parlamentsparteien bei ihrer gemeinsamen Erklärung zum Völkermord an den Armeniern.
    foto: apa/robert jaeger

    Die Klubobleute der sechs Parlamentsparteien bei ihrer gemeinsamen Erklärung zum Völkermord an den Armeniern.

  • Der Mord an den Armeniern im Osmanischen Reich.

    Der Mord an den Armeniern im Osmanischen Reich.

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