Tomtato: Ketchup und Pommes aus einem Topf

Kopf des Tages22. April 2015, 17:52
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Das Paradeiser-Erdäpfel-Doppel tritt aus seinem Schattendasein und hält auf Balkonen und Terrassen Einzug

Da hüpft das Herz des Hobbygärtners: Paradeiserstauden ranken sich der Sonne entgegen, während an ihren Wurzeln Erdäpfel reifen. Ketchup und Pommes frites quasi aus einem Topf. Schon in den 1970er-Jahren tüftelten Biologen des deutschen Max-Planck-Instituts an der delikaten Mischung. Auch in manch Schrebergärtlein vereinten kundige Hände Kartoffeln und Tomaten zu Gemüse im Doppelpack und tauften es Tomtato. Oder Tomoffel. Oder Pomato. So ganz konnten sich ihre Erfinder nie auf einen Namen einigen.

Als Wunderpflanze gepriesen, sollte sie den Sprung in die weite Welt schaffen. Doch die großen Äcker blieben ihr versagt. Nun jedoch hält sie auf Balkonen und Terrassen Einzug. Seit einer Woche auch in Österreich. Der britische Gartenkonzern Thomson & Morgan hat sich die Rechte an der Tomtato gesichert, niederländische Züchter ziehen sie groß, einer der Lizenznehmer ist die deutsche Familie Peschl mit ihrer Inntal Gärtnerei - von der sich wiederum die Handelskette Bellaflora exklusiv beliefern lässt. Ob sie ein Renner wird, wagen ihre Vermarkter nicht zu prophezeien; ein kurioser Blickfang ist sie allemal.

Gentechnische Tricksereien haben bei ihr nichts verloren. Der Paradeiser wird von Hand wie bei der Veredelung von Bäumen Stück für Stück auf den Erdapfel aufgepfropft. Die Hürde: Die Stauden müssen exakt gleich dick sein. Ein Clip als Bindeglied, ab in den Topf. Das Ergebnis - hunderte kirschgroße Tomaten im Sommer gefolgt von rund zwei Kilo Kartoffeln im Herbst - beflügelt die Fantasie.

Schon träumt der Gartenfreak von Karotten, aus deren Kraut Bohnen sprießen und Obstsalat von einem Baum. Alles Unfug, rügt der fachkundige Botaniker: Das Glück der Kreuzung sei nämlich nur Grünzeug gleicher Familien beschieden. So spreche etwa wenig gegen zwei Apfelsorten von einem Stamm. Aber Äpfel und Birnen gediehen vereint nur noch mit viel Bauchweh, und sie gar um Steinobst zu bereichern sei ein absolutes No-Go. Erdäpfel und Paradeiser verbindet die gemeinsame Erblinie der Nachtschattengewächse. Ansonsten aber haben sie wenig gemein.

Und das ist auch der Grund, warum die Tomtato die Landwirtschaft, die auf Spezialisierung getrimmt ist, wohl nicht revolutionieren wird. Ob Reifezeit, die Technik der Kultivierung und der Ernte: Bei allem spießt es sich. Im großen Stil angebaut drohen Qualitätseinbußen. Was bleibt, sind nette Spielereien im Gemüsebeet. Und Kartoffelkäfer, die sich mit Blattläusen künftig auf ein Packel hauen. (Verena Kainrath, DER STANDARD, 23.4.2015)

  • Paradeiser und Erdäpfel in einem: Tomtato.
    foto: bellaflora

    Paradeiser und Erdäpfel in einem: Tomtato.

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