Völkermord an Armeniern: Türkischer Chauvinismus

Kommentar22. April 2015, 18:08
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So pflegt man Hass und Vorurteile, so schreibt man eine Geschichte von Feindschaft und Vergeltung fort

Der türkische Völkermord an den Armeniern während des Ersten Weltkriegs gilt weltweit als historische Tatsache - nur nicht in der offiziellen türkischen Geschichtsschreibung. Nach verschiedenen Schätzungen fielen diesem Genozid in den Jahren 1915 und 1916 bis zu eineinhalb Millionen Menschen zum Opfer. In vielen Ländern wird dieses Ereignisses gedacht, und überall empören sich türkischstämmige Menschen in einer nationalen Aufwallung über die Anmaßung dieser Einmischung.

Auch das Parlament in Wien gedachte am Mittwoch der Opfer des Völkermordes und veröffentlichte eine Sechs-Parteien-Erklärung, in der der Genozid im Osmanischen Reich vor hundert Jahren verurteilt und auch die österreichische Involvierung angesprochen wird. Voraussetzung für eine Aussöhnung zwischen Armeniern und der Türkei sei jedenfalls das Eingeständnis der historischen Schuld. Dazu sind die offizielle Türkei, ihre Repräsentanten und viele ihrer Bürger aber nicht bereit.

Im Gegenteil. Eine Plattform türkischer Vereine in Österreich veröffentlichte dazu eine Erklärung, die vor Ignoranz und Chauvinismus nur so strotzt. Die in Österreich lebenden türkischstämmigen Menschen seien durch diese Feststellung historischer Tatsachen "gekränkt".

Aus dem Text spricht ein dumpfer Nationalismus, getragen von Ressentiments und einer Überheblichkeit, die schwer erträglich ist. Man möge sich bloß nicht einmischen, lautet unverhohlen die Botschaft. Und schließlich hätten auch die Armenier keine Erklärung abgegeben, in der sie den Tod unzähliger türkischer Zivilisten bedauern, heißt es in dem Brief an den Nationalrat.

So pflegt man Hass und Vorurteile, so schreibt man eine Geschichte von Feindschaft und Vergeltung fort. Den Respekt und die Gerechtigkeit, die die Unterzeichner dieser Erklärung so wehleidig für sich einfordern, sind sie nicht in der Lage, anderen gegenüber entgegenzubringen. Das ist eine Unkultur, die auf Konflikt setzt statt auf Lösung, auf Eskalation statt auf Versöhnung. Das lässt auch für die Zukunft nichts Gutes erwarten, wenn man etwa an den Umgang mit der kurdischen Volksgruppe in der Türkei denkt.

Umso wichtiger war es, dass auch das österreichische Parlament am Mittwoch klare Worte fand, den Völkermord als solchen benannte und die Verantwortung der Türkei einmahnte, sich der Aufarbeitung ihrer dunklen Kapitel der Vergangenheit zu stellen. (Michael Völker, DER STANDARD, 23.4.2015)

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