Tunnel unter dem Mount Everest: Chinas Hirngespinst

23. April 2015, 07:00
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Die Meldung über den Bau des längsten Eisenbahntunnels der Welt sorgte für Wirbel - doch die Realität spielte nicht mit

Der mit 57 Kilometern längste Eisenbahntunnel der Welt, der am Gotthard in der Schweiz entsteht, soll vergessen gemacht werden. In Tibet wollen Chinesen Tunnel bauen, die nicht nur länger, sondern auch noch in höchster Höhe gebaut werden. Tausende Ingenieure und Arbeiter stehen in den Startlöchern, um vom Dach der Welt aus den Himalaya zu untertunneln. Solche und ähnliche Nachrichten schwirrten durch die Medien, nachdem die englischsprachige Tageszeitung China Daily das unerhörte Jahrhundertprojekt meldete.

Eine Verlängerung der Tibet-Eisenbahn wurde das Projekt genannt. Die neue Strecke von der tibetischen Stadt Shigatse bis Nepal könne bis 2020 fertig werden, hieß es. Die Zeitung berief sich auf den renommierten Bahnexperten Wang Mengshu von der Pekinger Akademie für Ingenieurwissenschaften. Der sagte: Die Bahn unterquere den Qomolangma, "weshalb die Arbeiter sehr lange Tunnel bauen müssen". China Daily erklärte das Wort Qomolangma: "Im Westen spricht man vom Mount Everest." Damit löste sie den Wirbel erst richtig aus.

Kritik an Megaprojekt

Die Enthüllung, dass Peking einen Bahntunnel unter den mit 8848 Meter höchsten Berg der Welt graben lässt, machte nicht nur Schlagzeilen rund um die Welt - sie polarisierte auch die Gemüter. Alle trauten China das Megaprojekt zu, das schon die 1956 Kilometer lange von Qinghai nach Lhasa führende Tibet-Eisenbahn realisierte. Kritiker prangerten Peking für den Frevel an, die letzte unberührte Naturschönheit und den heiligen Berg der Tibeter auf dem Altar von Verkehr und Wachstum zu opfern.

Chinas Patrioten sahen hingegen die Erfüllung ihres Traums von der Omnipotenz der Volksrepublik näher rücken. Dazu passte, dass ein berühmtes Poem Mao Tsetungs seinen 50. Jahrestag feiert. Im Mai 1965 dichtete er: "Mit einem Schnipsen unseres Fingers holen wir uns den Mond vom neunschichtigen Himmel herab und die Schildkröten aus den tiefsten Gründen der fünf Meere: Es gibt nichts auf der Welt, was für uns nicht machbar ist."

Experte widerruft Aussagen

Gibt es doch: zum Beispiel, einen Bahntunnel unter dem Mount Everest zu graben. Das ganze Projekt ist ein Hirngespinst. Peking machte nun einen Rückzieher. Bahnexperte Wang widerrief seine Äußerungen, er sei falsch verstanden worden. Das Projekt sei technisch zwar im Grundsatz möglich, aber bisher sei es nicht mehr als nur eine Vision.

Wang war bereits an der Konstruktion der Tibet-Bahn beteiligt, die auf über 4500 Meter Höhe führt und 2006 in Betrieb genommen wurde. 140.000 Arbeiter bauten sie. Er ist stolz darauf, dass kein einziger Arbeiter an Höhenkrankheit starb. Allerdings kamen mehr als 100 Personen bei Unfällen zu Tode - durch den Druckunterschied platzten die Reifen und ließen die Fahrzeuge abstürzen.

Bauarbeiten über 5000 Meter unmöglich

Beim noch höher gelegenen Mount Everest-Tunnel wäre alles noch komplizierter. Zunächst müsste parallel zum Tunnel eine Straße gebaut werden, um die Arbeiten logistisch zu unterstützen. Ab 4800 Meter Höhe fehle zudem der Luft mehr als die Hälfte des Sauerstoffs. Überall im Tunnel müssten aufwändige Luftstationen eingerichtet werden. Und über 5000 Meter einen Tunnel graben zu wollen, sei angesichts extrem dünner Luft und gefrorener Böden sowieso unmöglich.

Dennoch wird weiter eine Realisierung des Megaprojekts geprüft. Aber die tatsächlichen Kosten lassen sich nicht absehen. Als Faustregel wird mit umgerechnet 15 Millionen Euro pro Kilometer Tunnel und mindestens zehn Jahren Bauzeit gerechnet. Aber auch solche Annahmen nannte Wang "noch konservativ". (Johnny Erling aus Peking, DER STANDARD, 23.4.2015)

  • Die 2006 in Betrieb genommene Tibet-Eisenbahn werde spektakulär erweitert, hieß  es. Doch das erwies sich als Falschmeldung.
    foto: ap

    Die 2006 in Betrieb genommene Tibet-Eisenbahn werde spektakulär erweitert, hieß es. Doch das erwies sich als Falschmeldung.

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