Symphoniker: Kolossale Lyrik

22. April 2015, 17:29
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Wiener Symphoniker mit Robin Ticciati

Wien - Noch vor einem Jahrzehnt vertraute man bei den Wiener Symphonikern - abgesehen vom damaligen voll im Saft stehenden Chefdirigenten Fabio Luisi - gerne auf Orchesterleiter weit jenseits der Pensionsgrenze. Wobei man bei einigen Konzerten zur Erkenntnis kommen konnte, dass selbst beim Beruf des Dirigenten Erfahrung nicht immer alles ist.

Seit dieser Saison ist nicht nur der 40-jährige Schweizer Philippe Jordan Chefdirigent, sondern man lud auch junge, aufstrebende Kräfte ein. Als Prominentester davon darf wohl Robin Ticciati gelten. 1983 geboren, dirigierte der Chef des Scottish Chamber Orchestra und Musikdirektor der Glyndebourne Festival Opera schon die renommiertesten Orchester: November 2014 war er etwa mit dem Concertgebouw-Orchester im Musikverein zu Gast und zauberte einen wundervoll zarten Fauré (Suite aus Pelléas et Mélisande) in den Großen Saal.

Nun also Bruckners Vierte mit den Symphonikern im Konzerthaus. Ticciati ist, muss man wissen, ein Musiker, der das Weiche, Tänzerische, Biegsame liebt. Die massiven Fortissimo-Blöcke bei Bruckner werden ja meist in kriegerischer Aufrüstung präsentiert, massiv, furchteinflößend wie alttestamentarische Gottesgerichte. Der junge Brite interpretierte selbst die kolossalen Unisonostellen quasi lyrisch: nicht mit vertikaler, starrer Wucht, sondern horizontal-melodisch. Doch, das geht! Ein Bruckner mit Anmut, Poesie, frühlingshaft leicht und blumig. Das Ges-Dur-Trio im dritten Satz: zart wie ein Baiser. Der Beginn der Symphonie war fast am schönsten: wie sie aus dem Nichts entstand, wie aus einem Ahnen Klänge wurden.

Interessant im ersten Konzertteil dann Schumanns spätes Violinkonzert. Der Komponist war hier wohl schon nicht mehr im Vollbesitz seiner kreativen Kräfte (es wurde von Clara Schumann nicht in die Gesamtausgabe seiner Werke aufgenommen), der Interpret des Werks aber umso mehr: Bemerkenswert, bewundernswert, was Christian Tetzlaff diesem spröden, eigenartigen Konstrukt alles abrang, welche Bandbreite der Emotionen er hier mit intensivem Einsatz präsentierte. Einzigartig auch die Zugabe des Deutschen, die Sarabanda aus Bachs Partita in d-Moll: so zart, so subtil, so intim. (end, DER STANDARD, 23.4.2015)

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