Werbung war gestern

Kolumne22. April 2015, 17:19
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Nur jeder Zehnte empfindet Werbung in Zeitschriften als störend

Endlich eine gute Nachricht für die krisengebeutelten Printmedien. Laut einer vom Verband Österreichischer Zeitungen veröffentlichten Studie empfindet nur jeder Zehnte Werbung in Zeitschriften als störend, während Onlinewerbung von einem Drittel und TV-Reklame von mehr als 51 Prozent als Belästigung wahrgenommen wird. Das scheint auf den ersten Blick logisch, ist es doch ein erfreuliches Alleinstellungsmerkmal von Printwerbung, dass einem "Schärdinand", "S-Budget-Börserl" und die "Familie Putz" nicht ins Ohr brüllen können und sich die Dauer ihres Anblicks durch einfaches Umblättern verkürzen lässt, ohne dabei an vergeblichen Weg-Klick-Versuchen zu verzweifeln.

Doch dieser Vorteil des Mediums dürfte nicht allein für das gute Abschneiden in der Nervensäger-Wertung verantwortlich sein. Offensichtlich hat man mancherorts mit unlauteren Mitteln nachgeholfen, indem versucht wurde, Inserate nicht als solche erkennbar zu gestalten. Eine unsaubere Praxis, die unlängst vom Presserat als Verstoß gegen den Ehrenkodex der österreichischen Presse verurteilt wurde. Anlass waren in Eva Dichands Zeitungs-Surrogat Heute erschienene Interviews mit den Chefs diverser, im Blatt inserierender Firmen. Laut Presserat "Gefälligkeitsinterviews, bei denen es sich um beeinflusste und unkritische Berichterstattung handelt", bei der "die Fragen unkritisch formuliert sind und die Antworten der Gesprächspartner viele Werbebotschaften enthalten".

Nun könnte man einwenden, dass nach diesen Kriterien bewertet auch praktisch alle Interviews mit Werner Faymann in Österreich oder Erwin Pröll im Kurier zu beanstanden wären. Doch im Fall von Heute wurde offenbar die Tatsache, dass die Gespräche direkt neben den Anzeigen abgedruckt waren, als Überspannung des Unverschämtheitsbogens empfunden.

Um wie viel diskreter man als Meldungen getarnte Gefälligkeitsinterviews verpacken kann, demonstrierte vor ein paar Wochen die Kronen Zeitung. Kurz bevor die Rechtmäßigkeit des Wiener Glücksspielautomatenverbots vom Verfassungsgerichtshof bestätigt wurde, alarmierte sie unter der Überschrift "Das Glücksspielverbot in Wien spielt Kriminalität in die Hände" mit einem Bericht von radikaler, weder von Zahlen noch von Fakten beeinträchtigter Exklusivität. Als einzige Quelle der Erkenntnis diente dabei ein Gespräch mit einem gewissen Johann Schaffer, laut Krone "Ex-Chefinspektor und Leiter eines privaten Sicherheitsunternehmens, der die Situation auf dem Glücksspielsektor genau beobachtet". Welche Kunden Herrn Schaffers Firma hat und welche Erfahrungen ihn zum Automatenexperten machen, wurde nicht verraten. Dazu muss man auf die Kronen Zeitung vom 23. 9. 2012 zurückgreifen, in der uns Schaffer als Vertreter "vom Sicherheitsunternehmen des Glücksspielkonzerns Novomatic" vorgestellt wird.

Sollte dieses Beispiel Schule machen, könnten wir uns bald schon auf Interviews mit dem "Augen-Experten Robert Hartlauer über skandalöse Preistreiberei im Optik-Einzelhandel" oder mit dem "Atemwegsdesigner Philip Morris über Raucherdiskriminierung" freuen. Und vielleicht wächst uns ja noch der "Schärdinand" als "Pasteurisierungs-Performancekünstler" ans Herz. (Florian Scheuba, DER STANDARD, 23.4.2015)

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