Virenschleudern im Visier

24. April 2015, 09:00
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Wenn ansteckende Krankheiten ausbrechen, ist die WHO in Alarmbereitschaft. Ziel ist es, Masern und Röteln auszurotten

Sie sind winzig, haben aber ein ungeheures Potenzial. Gefährliche Viren können große Teile einer Bevölkerung lahmlegen. Je ansteckender, desto aufmerksamer wacht deshalb die Weltgesundheitsorganisation WHO darüber, wo es den Viren gelingt, sich ihre Opfer zu suchen. "Ausbruch" ist der Fachterminus für eine Situation, in der Krankheitsfälle gehäuft auftreten.

Als endemisch bezeichnen die Gesundheitsbehörden eine ansteckende Krankheit dann, wenn Ausbrüche über zwölf Monate hinweg immer wieder in einer Region auftreten. "Unser Fokus ist es, ansteckende Infektionskrankheiten einzudämmen", sagt Mark Muscat, der in der WHO für die Region Europa zuständig ist.

Mit Europa bezeichnet die Gesundheitsbehörde übrigens ein insgesamt 53 Nationen umfassendes Gebiet, das sich bis Vorderasien erstreckt. Konkret sammeln sie Daten über Viren, die Kinderlähmung, Masern und Röteln verursachen.

Je ansteckender, umso wachsamer

Was diesen drei Infektionserkrankungen gemeinsam ist: Sie werden per Tröpfcheninfektion übertragen und sind hochansteckend. Wo die Gefahr lauern könnte, wird in den sogenannten Epi-Daten gesammelt. "Seit 2002 sind alle 53 in Europa überwachten Länder poliofrei", sagt Abigail Shefer, WHO-Impfexpertin. Zwar gäbe es ganz selten immer wieder Ausbrüche, die habe man aber sofort wieder unter Kontrolle.

Ganz anders sieht die Situation bei den Masern aus. "In den sogenannten anfälligen Ländern ist die Chance groß, dass die Krankheit explodiert", sagt WHO-Experte Muscat. 2014 sei das in Bosnien-Herzegowina, Georgien, Italien und Deutschland sowie in Österreich immer wieder der Fall gewesen. Die WHO qualifiziert dort Masern als endemisch und verfolgt die Verbreitung penibel. "Wir können durch Genotypisierung genau feststellen, wie sich ein bestimmter Virustyp verbreitet", sagt Mediziner Günter Pfaff vom Landesgesundheitsamt Baden-Württemberg, der bei der WHO als unabhängiger Berater tätig ist.

Junge Erwachsene in Gefahr

Was ihn aktuell erstaunte: "Von den Masern waren vor allem junge Erwachsene betroffen, es ist also keineswegs so, dass wir es mit einer Kinderkrankheit zu tun haben." Weil gerade diese Menschen viel reisen, Masernepidemien in vielen Ländern außerhalb Europas noch wesentlich häufiger sind und dort immer wieder Todesopfer fordern, sei aus gesundheitspolitischer Sicht die Impfung eine dringend zu empfehlende Maßnahme.

Es geht um eine internationale Taskforce mit dem Ziel, durch breitangelegte Impfprogramme Herdenimmunität zu erreichen. "Nur wenn in einer Bevölkerung bis zu 95 Prozent geschützt sind, ist die Situation unter Kontrolle", sagt Pfaff.

Dass Impfmoral auch eine kulturelle Komponente hat, beobachtet die WHO immer wieder. In den osteuropäischen Ländern stehe man Vakzinen extrem positiv gegenüber, was die Durchimpfung einfacher macht, erklärt Pfaff.

Desinformation aus dem Internet

Eine Herausforderung ist die Information bzw. Desinformation über das Internet. "Die Mehrheit der Bevölkerung will Impfungen, nur eine Minderheit steht dem Schutz vor Infektionskrankheiten skeptisch gegenüber", sagt Muscat. Was ihn besorgt: Junge Erwachsene, also jene Bevölkerungsgruppe, die derzeit am meisten von Masern betroffen ist, sind nur sehr schwer zu erreichen.

Genau für diese Population sind auch die Röteln eine massive Gefahr. Wenn sich Frauen in den ersten Monaten der Schwangerschaft mit dem Virus infizieren, kommen ihre Kinder mit Behinderungen auf die Welt. 2013 sind in Rumänien insgesamt 49 durch die Rötelninfektion ihrer Mutter geschädigte Babys auf die Welt gekommen. "Tragische Schicksale, die so einfach mit einer Impfung zu verhindern gewesen wären," bedauert Pfaff.

Wandelnde Gefahr

Das große Problem aus Sicht der Behörden: Eine Rötelninfektion kann mitunter unbemerkt bleiben, die Symptome sind mild und die Kranken nicht zu Hause im Bett. Eine der größten Rötelnepidemien in der letzten Zeit brach auf den Philippinen aus, von dort ausgehend hat sich die Krankheit dann in Australien verbreitet, aber auch in den USA seien die Fallzahlen hoch. "Menschen, die beruflich oder privat viel reisen, sollten deshalb unbedingt gegen Masern und Röteln geimpft sein", sagt Experte Günter Pfaff und bezeichnet es als Maßnahme zur Reisevorbereitung durchaus auch in westliche Länder. Denn: "In Flugzeugen verbreiten sich ansteckende Viren rasend schnell." (Karin Pollack, DER STANDARD, 23.4.2015)

  • Einer ist die Virenschleuder. Oft weiß er es nicht. Je ansteckender, desto größer die Gefahr für andere.
    foto: istock

    Einer ist die Virenschleuder. Oft weiß er es nicht. Je ansteckender, desto größer die Gefahr für andere.

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