Blur: Glückskekse, und ein paar Tage nichts zu tun

23. April 2015, 05:30
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Eine Konzertabsage und fünf Tage im Transit bescheren der Welt das Comebackalbum der britischen Band. "The Magic Whip" erscheint am Freitag und belegt, dass Konzerte öfter ausfallen sollten

Wien - Wenn es stimmt, ist es erstaunlich. In nur fünf Tagen soll das Album entstanden sein. 15 Songs hat die Band Blur 2013 in Hongkong aufgenommen. Was Rockstars halt so tun, wenn sie Zeit totzuschlagen und alles schon mindestens drei Mal gekauft haben. Ein Festival in Japan, auf dem sie spielen sollten, war abgesagt worden. Da saßen sie in der früheren britischen Kronkolonie fest, und ein Buch hatte niemand dabei. Also besorgten sie ein paar Glückskekse, mieteten sich in einem Studio ein und nahmen 15 Lieder auf. Ruckzuck.

Dann passierte einmal nichts. Erst als Gitarrist Graham Coxon im Vorjahr den Sänger Damon Albarn um seinen Segen bat, die Songs mit dem Blur-Produzenten Stephen Street bearbeiten zu dürfen, kam die Sache in Schwung. Als Coxon die Resultate präsentierte, sah Albarn ein, dass es keinen Weg zurückgab. Infolgedessen erscheint morgen, Freitag, das erste Blur-Album seit zwölf Jahren. Es heißt The Magic Whip.

blur

Dieses beginnt, wie es begonnen hat, als die Londoner Formation damals, in den frühen 1990er-Jahren, auftauchte und im medial hysterisch hochgekochten Britpop-Boom weltberühmt wurde. Es beginnt mit Lonesome Street, einem poppigen Ohrwurm aus der Klasse von 1994, aus der auch das ebenso mitreißende I Broadcast stammen könnte.

Blur versus Oasis

Mit allen Unschärfen war Britpop vor 20 Jahren ein Gegentrend zum Grungerock US-amerikanischer Dominanz und bekam bald einen etwas über Gebühr strapazierten patriotischen Anstrich. Was nicht bedeutete, dass sich alle Britpopper besondere Wertschätzung entgegenbrachten. Legendär ist die Rivalität zwischen Blur und Oasis, der Band der Gallagher-Brüder Noel und Liam. Wöchentlich haben britische Popmedien Öl ins Feuer des Zwists gegossen, bis sich die Kontrahenten in den Abgründen der Regenbogenpresse wiederfanden.

Die beiden Bands schenkten sich wirklich nichts und wünschten sich in schwachen Momenten schon einmal gegenseitig Aids an den Hals. Nicht schön. Gerechterweise entschieden das Match zwischen Oasis und Blur dann Pulp souverän für sich. Trotz all der prächtigen Gassen- und Gossenhauer, die die streitenden Parteien hervorgebracht haben.

Längst ist das Nasenschnee von vorgestern. Für die gute Sache stellen sich Albarn und Noel Gallagher heute gemeinsam auf die Bühne, punkto Relevanz hat Albarn die Gallaghers lange schon hinter sich gelassen. Während sich die zerstrittenen Brüder ohne größere Öffentlichkeit an ihren eigenen Mythos klammern, hat Albarn mit den Gorillaz oder The Good, The Bad and The Queen Popalben auf der Höhe der Zeit veröffentlicht. Dazu Grenzüberschreitendes mit Mali Music oder Rocket Juice & the Moon.

Von diesen Erfahrungen profitiert The Magic Whip. Nachdem mit dem Old-School-Opener des Albums der Köder für die Fangemeinde ausgelegt ist, beweisen sich Blur als Band der Gegenwart, die es nicht notwendig hat, die alte Handschrift zittrig zu erneuern, mit der sie einst aus dem Erbe der Kinks oder der ewig unterschätzten XTC ihren Britpop destilliert haben. Schon der zweite Song, New World Towers, biegt ab, klingt wie eine Fortsetzung des 2003er-Albums Think Tank. Doch anstatt in Atmosphäre und Bässen aus der Nachbarschaft des Dub zu ersaufen, löst sich diese düstere Ballade in einer hübschen Melodie auf.

Zirpen und schinden

Die Balance der Lieder ist bestechend. Der Band gelingt ein Spagat aus alten und neuen Blur. Das verantwortet oftmals Coxons Gitarrenspiel, das die tendenziell dunklen Songs aufreißt. Go Out sei da stellvertretend genannt: Coxon schindet seine Gitarre, dazu zirpt und zischelt es aus dem elektronischen Fuhrpark - alles zusammen ergibt einen perfekten Song.

Selbst im zunächst zart verstrahlt wirkenden I Thought I Was A Spaceman taucht im richtigem Moment ein Rhythmus auf, der den Song anschiebt und in den Pophimmel trägt. Nie wird es langweilig. Das Album illustriert die Spiellaune, in der sich Blur in Hongkong befunden haben müssen. Ghost Ship kokettiert wieder mit Dub, Ong Ong zwinkert kurz in die eigene Vergangenheit.

Gut, Gassenhauerqualitäten besitzen nur wenige Lieder, aber man streift ja nicht mehr Bier saufend durch die Gegend. Jedem Alter seine Musik. Und die hier ist so gut wie die damals. Bloß ein wenig anders. (Karl Fluch, DER STANDARD, 23.4.2015)

  • Blur sind zurück. Nach zwölf Jahren Pause veröffentlichen sie am Freitag ein neues Album. Es ist keine Nostalgieübung, sondern ein Popalbum auf der Höhe der Zeit. Mit alten und neuen Qualitäten.
    foto: linda brownlee

    Blur sind zurück. Nach zwölf Jahren Pause veröffentlichen sie am Freitag ein neues Album. Es ist keine Nostalgieübung, sondern ein Popalbum auf der Höhe der Zeit. Mit alten und neuen Qualitäten.

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