Impfskepsis: "Es gibt eine Chance für Argumente"

Interview23. April 2015, 09:00
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Das Ministerium will ansteckende Krankheiten in Österreich eindämmen, doch erst muss sich das Bewusstsein für soziale Verantwortung durchsetzen

STANDARD: Die Impfdebatte schwelt seit Wochen. Wie oft wiederholen Sie derzeit Ihre Argumente?

Rendi-Wagner: Ehrlich gesagt bin ich sehr froh über den öffentlichen Diskurs. Seit 2002 sind in Österreich 16 Kinder an Masern gestorben. Das sind zu viele. Diskussionen sind unsere Chance, Impfskeptiker zu überzeugen. Die wirkliche Problematik ist, dass über Impfungen immer viel zu generell gesprochen wird. Jede Impfung ist spezifisch zu betrachten. In der Diskussion wird oft alles in einen Topf geworfen. Das verunsichert.

STANDARD: Es gibt wenige wirkliche Impfgegner, die öffentlich auftreten, hingegen blüht die Impfskepsis vor allem im Internet. Warum?

Rendi-Wagner: Ich kenne in Österreich einen Verein in der Steiermark, dessen Mitglieder bezweifeln die Schutzwirkung von Vakzinen. Als Infektiologin habe ich über die Wirksamkeit von Impfungen geforscht. Aber richtige Impfgegner gehen auf naturwissenschaftliche Argumentationen gar nicht ein. Sie bezweifeln, dass Viren Krankheiten verursachen. Wenn Argumente Glaubenssache sind, macht Diskutieren keinen Sinn.

STANDARD: Was bedeutet das?

Rendi-Wagner: Nur vier Prozent sind richtige Impfgegner, etwa 40 Prozent sind skeptisch. Da gibt es eine Chance für Argumente.

STANDARD: Wie genau?

Rendi-Wagner: Impfen hat mit Verantwortung gegenüber der Gesellschaft und konkret gegenüber schwächeren Gruppen zu tun. Es geht für Eltern darum, nicht nur die Gesundheit der eigenen Kinder im Auge zu haben, sondern auch deren Umfeld keinen Krankheitsrisikos auszusetzen.

STANDARD: Viele verlieren die Übersicht, weil es mittlerweile viele Impfungen gibt. Manche werden bezahlt, andere nicht. Warum?

Rendi-Wagner: Wir unterscheiden zwischen Impfungen, die auch für die öffentliche Gesundheit wichtig sind. Meist sind das Impfungen gegen hochansteckende, gefährliche Erkrankungen. Die werden bezahlt. In die andere Gruppe fallen jene Impfungen, die das Individuum schützen, die FSME-Impfung zum Beispiel. Nach diesen Kriterien entscheiden wir unter anderem, welche Impfungen bezahlt werden und für welche die Kosten selbst zu tragen sind.

STANDARD: Eines der hartnäckigen Gerüchte ist, dass hinter den Entscheidungen immer nur Pharmainteressen stehen ...

Rendi-Wagner: Welche Impfungen empfohlen und erstattet werden, ist Aufgabe des Nationalen Impfgremiums (NIG), eines Konsortiums von Experten unterschiedlicher Fachrichtungen, das viermal im Jahr tagt. Wir evaluieren, wie häufig und wie gefährlich eine Erkrankung ist bzw. welche Folgen sich daraus ergeben. Dann diskutieren wir neue Daten aus aktuellen Studien zu Impfstoffen und sprechen nach intensiver Diskussion Empfehlungen aus. Welche Pharmafirma für eine entsprechende Impfung dann den Zuschlag erhält, entscheiden nicht wir, sondern die unabhängige Bundesvergabegesellschaft per Ausschreibung. Sollten NIG-Experten an Pharmastudien beteiligt sind, haben sie kein Stimmrecht.

STANDARD: Viele Eltern haben Sorge, dass eine Kombination von unterschiedlichen Impfstoffen das Immunsystem überfordern könnte. Was antworten Sie?

Rendi-Wagner: Das Immunsystem des Menschen ist ab Tag eins mit einer Unzahl von Keimen konfrontiert, unser Immunsystem ist dafür gemacht. In vielen Impfstoffen sind zudem nur mehr Fragmente des echten Keims. Vor allem: Kombiimpfstoffe reduzieren auch die Anzahl der Spritzen, also Stiche und die Arztbesuche. Das sind gute Argumente.

STANDARD: Worin liegt der Unterschied zwischen Impfreaktion und Impfschaden?

Rendi-Wagner: Impfreaktionen treten vorübergehend auf, etwa Rötungen an der Einstichstelle, Fieber. Extrem selten gibt es eine allergische Reaktion, die ärztlich versorgt werden muss. Impfschaden ist ein juristischer Terminus und bezeichnet eine lebenslängliche Beeinträchtigung und damit Anspruch auf eine Rente.

STANDARD: Wie ist das Verhältnis?

Rendi-Wagner: Wir handeln nach Daten und Fakten. Der Nutzen von Impfungen ist unbestreitbar, das Risiko gering. Ein Beispiel zu den Masern: Seit 2002 sind 16 Kinder an den tödlichen Langzeitfolgen von Masern gestorben, bei mehr als 800.000 Geimpften gab es keinen einzigen Fall eines anerkannten Impfschadens.

STANDARD: Wo sehen Sie den größten Handlungsbedarf?

Rendi-Wagner: Sorgen machen uns die allgemeine Impfmüdigkeit in der Bevölkerung zum einen und die offensichtlich großen Impflücken beim Gesundheitspersonal zum anderen. Die jüngsten Masernfälle in der Steiermark gingen zum Beispiel von einer ungeimpften Schwesternschülerin aus. Hier sollten die Spitalsbetreiber verstärkt sicherstellen, dass keine Gefahr vom Krankenhauspersonal für die Patienten ausgehen kann. Da ist die persönliche Verantwortung aller Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen gefragt. Es bringt dort ja Patientensicherheit. (Karin Pollack, DER STANDARD, 22.4.2015)

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