Zeckengefahr in Diskussion: Für oder gegen die FSME-Impfung

27. April 2015, 09:00
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Ein Infektiologe und ein Kritiker der Informationspolitik von Pharma-Konzernen schicken ihre Argumente ins Rennen

derStandard.at: Sind Sie gegen FSME geimpft?

Herwig Kollaritsch: Ich hatte mit zwölf Jahren FSME. Insgesamt lag ich sechs Wochen im Spital. Nun bin ich immun, um den Preis der Erkrankung.

Bert Ehgartner: Ich persönlich bin nicht geimpft.

derStandard.at: Herr Kollaritsch, ab welchem Alter empfehlen Sie eine FSME-Impfung?

Kollaritsch: Die Impfstoffe sind für Kinder ab dem ersten Lebensjahr zugelassen. Das ist auch gut und richtig so. Denn in diesem Alter muss mit einer erhöhten Mobilität gerechnet werden. Damit ist bei Outdoor-Aktivitäten ein Infektionsrisiko gegeben. In einigen Gebieten, in denen ein extrem hohes Übertragungsrisiko besteht, wird teilweise bereits ab dem vollendeten sechsten Lebensmonat geimpft. Für einen Off-Label-Use braucht es aber eine individuelle Nutzen-Risiko-Abschätzung, die Eltern und Arzt gemeinsam treffen müssen.

Ehgartner: Problematisch finde ich, dass sich eine vernünftige Risikoabschätzung schwierig gestaltet, denn auf Basis der vorhandenen Informationen ist es nicht möglich, konkret die Vor- und Nachteile der FSME-Impfung abzuwägen. Ich habe beispielsweise versucht bei der Forschungsleitung des Pharmakonzerns Baxter Informationen zu einer unveröffentlichten Studie einzuholen. Es wurde mir gesagt, dass es bei den Studien nicht darum gehe, sie zu veröffentlichen, sondern nur darum, dass die Impfstoffe zugelassen werden. Das heißt, es liegt nicht im Interesse der Firmen, hier die Vor- und Nachteile offenzulegen.

derStandard.at: Um welche Studie handelte es sich hier?

Ehgartner: Es wurde die Häufigkeit von Fieber nach der FSME Impfung untersucht. Vor etwa zehn Jahren kam es zu einer Häufung dieser Impfreaktion, speziell bei Kindern. Das wurde von der MedUni Wien untersucht, aber nie veröffentlicht. Es gibt auch keine öffentlichen Informationen, wie hoch das Risiko ist, nach der Impfung an Asthma, MS oder Rheuma zu erkranken. Diese Information wäre aber sehr wichtig, weil ein bleibender Schaden nach FSME extrem selten und unwahrscheinlich ist.

derStandard.at: Schätzungen zufolge verlaufen etwa drei Viertel der FSME-Infektionen ohne relevante Beschwerden. Das gesundheitliche Risiko ist damit relativ gering, oder?

Kollaritsch: Diese Argumentation ist Schwachsinn. Es hilft überhaupt nichts, wenn eine beträchtliche Anzahl der Infektionen subklinisch verläuft. Infektionen ohne Erkrankung tragen sicher zu einer gewissen Hintergrundimmunität bei. Das wissen wir durch Reihenuntersuchungen an Personen, die ihr Leben in Epedemiegebieten verbracht haben. Es gibt vereinzelt Menschen, die Antikörper aufweisen, ohne jemals erkrankt zu sein. Die große Crux dabei ist: Ich weiß erst im Nachhinein, ob ich bei einer Infektion klinisch erkranke oder nicht.

derStandard.at: Herr Ehgartner, schützen Sie sich auf andere Weise vor Zeckenstichen - etwa durch Repellentien?

Ehgartner: Nein. Ich bin über 50 Jahre alt und schon sehr häufig von Zecken gestochen worden. Wahrscheinlich bin ich bereits immun. Die meisten Kontakte mit den FSME-Viren äußern sich vollkommen unauffällig, wenn das Immunsystem intakt ist. Bei Kindern unter 12 Jahren verläuft eine FSME-Infektion üblicherweise relativ harmlos. Deshalb wird die Impfung in der Schweiz erst ab einem Alter von sechs Jahren empfohlen.

Früher gab es die Passivimpfung nach einem erfolgten Zeckenstich. Durch die gravierende Nebenwirkungen und Komplikationen ist diese Praxis in Deutschland und mittlerweile auch in Österreich verboten. Ich streite es nicht ab, dass die Impfung eine Schutzwirkung vor FSME hat, doch eine informierte Entscheidung kann ich nur treffen, wenn ich auch über die möglichen Nachteile verlässliche Angaben habe.

derStandard.at: Warum ist der Krankheitsverlauf bei Kindern in der Regel weniger dramatisch?

Ehgartner: Eine zentrale Rolle bei der Immunabwehr von Kindern spielt die Thymusdrüse, die vor allem für den Umgang mit Viren zuständig ist. Mit zunehmendem Alter bildet sich diese Drüse immer weiter zurück. Bei Erwachsenen verliert das Organ, das hinter dem Brustbein lokalisiert ist, seine Funktion. Kommt ein Mensch im höheren Alter nun erstmals mit einem FSME-Virus in Kontakt, dann ist die Immunabwehr nicht mehr so effizient wie etwa bei einem Kind.

derStandard.at: Die Durchseuchung der Zecken mit dem FSME-Virus ist regional sehr unterschiedlich - und damit das Infektionsrisiko. Was bedeutet das für den Einzelnen?

Ehgartner: Es ist nicht wirklich zu erfahren, wie hoch die Durchseuchung der Zecken mit FSME-Viren tatsächlich ist. Wenn man sich die FSME-Zonen in Österreich ansieht, hat man den Eindruck, dass fast alle dicht besiedelten Gebiete rot eingefärbt worden sind.

Kollaritsch: Da die Durchseuchung der Zecken eine starke Zufallsverteilung aufweist, können keine Rückschlüsse gezogen werden, wo eine besondere Gefährdung besteht und wo nicht. Es gibt also keinen Grund, warum sich jemand nicht impfen lassen sollte.

derStandard.at: Wie wahrscheinlich ist es, dass Impf-Reaktionen, -Krankheiten und -Schäden nach einer FSME-Impfung auftreten?

Kollaritsch: Wenn ein Impfstoff in den Muskel verabreicht wird, so erwarte ich, dass eine geringfügige entzündliche Reaktion stattfindet. Dadurch weiß ich, dass überhaupt die Kaskade des Immunsystems in Gang gesetzt wird. Diese Entzündungsreaktion ist also Teil der Wirkung. Eine Cochrane-Evaluierung 2007 hat gezeigt, dass nach einer Impfung keine schweren Nebenwirkungen zu erwarten sind. In Österreich wurden zirka 70 Millionen FSME-Impfungen verabreicht. Wir haben über die Einträge in der Pharmakovigilanz-Datenbank errechnet, dass es pro 100.000 verabreichten Dosen bei 1,5 bis 1,9 Fällen zu schwerwiegende Impfnebenwirkungen wie Übelkeit, Fieber oder starken Schmerzen gekommen ist. Selbst Risikopersonen mit chronischen Erkrankungen können ohne Schwierigkeiten geimpft werden. Eine Verschlechterung der Grunderkrankung ist nicht zu erwarten.

Impfschäden konnten bislang nicht kausal nachwiesen werden. Ich möchte anmerken, dass es sehr schwierig ist, einen Impfschaden kausal zu begründen, denn allein der zeitliche Zusammenhang ist noch nicht ausreichend.

Ehgartner: Leichte Nebenwirkungen wie Hautrötungen oder Kopfschmerzen treten häufig auf. Die Wahrscheinlichkeit von Fieber nach einer Impfung ist ebenfalls verhältnismäßig hoch. Laut Beipacktext sollten die Vorteile der Impfung gegenüber den Nachteilen eines möglichen Schubs - etwa bei einer Autoimmunerkrankung wie Multiple Sklerose - abgewogen werden. Die Frage ist: Wie soll ich das abwägen, denn offiziell gibt es keinen Zusammenhang zwischen der FSME-Impfung und MS beziehungsweise einer rheumatoiden Arthritis? Hier wird der Einzelne dazu gezwungen, im Dunkeln zu fischen. Die Pharmafirmen betreiben hier seit Jahrzehnten eine Goldgrube, für die Verbraucher ist es kaum möglich, das tatsächliche Risiko der Impfung abzuschätzen.

Statt Risiken objektiv zu erfassen, wurde in den vergangenen Jahrzehnten primär auf Propaganda gesetzt. Das beste Beispiel sind die Hitchcock-mäßigen Werbespots im Fernsehen oder die Sujets auf Plakaten, wo mit überdimensional großen Zecken für die FSME-Impfung geworben wird.

derStandard.at: Wie gefährlich ist der Hilfsstoff Aluminiumhydroxid, der in der FSME-Impfung enthalten ist?

Ehgartner: Aluminiumhydroxid fungiert als Wirkverstärker. Indem Aluminiumhydroxid das Immunsystem unspezifisch alarmiert, ist die "Einübung" einer allergischen Reaktion möglich. Dieser Hilfsstoff ist ein etabliertes Mittel in der Allergologie, um die Wirkungsweise von Allergien im Tiermodell zu testen. Wissenschaftliche Studien haben gezeigt, dass mit Aluminiumhydroxid Mäuse und Ratten gegen eine Vielzahl von Stoffen allergisch gemacht werden können. Wird beispielsweise Aluminiumhydroxid gemeinsam mit Äpfeln oder Nüssen verabreicht, entwickeln die Tiere diesbezüglich eine Allergie. Wenn ich nun nach einer Impfung im Freien unterwegs bin und die Luft mit Birkenpollen angereichert ist, dann besteht das Risiko, dass ich eine Birkenpollenallergie entwickle.

Kollaritsch: Aluminiumhydroxid wird seit 1925 in vielen Impfstoffen verwendet. Bei sieben Milliarden verabreichten Impfdosen, wäre eine toxische Wirkung sicherlich aufgefallen. Darüber hinaus gibt es Untersuchungen zur Immuntherapie bei Allergikern, auch da wurde Aluminiumhydroxid als Adjuvans verwendet. Hier hat sich gezeigt, dass es keinerlei Anhaltspunkte für Probleme in irgendeiner Form gibt. Wir dürfen nicht vergessen, dass die FSME-Impfung eine Effektivität von 99 Prozent hat. Ein Wert, den sonst nur Lebendimpfstoffe erreichen. Wer hingegen von einer Zecke gestochen wird und nicht geimpft ist, kann nur auf den lieben Gott vertrauen, dass ihm nichts passiert. (Günther Brandstetter, derStandard.at, 27.4.2015)

Zur Person:

Herwig Kollaritsch ist Leiter der Abteilung "Epidemiologie und Reisemedizin" am Institut für Spezifische Prophylaxe und Tropenmedizin der MedUni Wien.

Bert Ehgartner ist Journalist, Dokumentarfilmer und Auto des Buches "Gesund ohne Aluminium", das 2014 im Verlag Ennsthaler erschienen ist.

Die Interviewpartner wurden getrennt von einander befragt. Aufgrund der besseren Darstellungsweise sind die Antworten in einem Artikel zusammengefasst.

  • Für den Infektiologen Herwig Kollaritsch ist die FSME-Impfung eine Erfolgsgeschichte: Die Vakzine hat eine Effektivität von 99 Prozent. Ein Wert, den sonst nur Lebendimpfstoffe erreichen.
    foto: wilke

    Für den Infektiologen Herwig Kollaritsch ist die FSME-Impfung eine Erfolgsgeschichte: Die Vakzine hat eine Effektivität von 99 Prozent. Ein Wert, den sonst nur Lebendimpfstoffe erreichen.

  • Der Journalist und Dokumentarfilmer Bert Ehgartner kritisiert vor allem die intransparente Informationspolitik: "Statt Risiken objektiv zu erfassen, wurde in den vergangenen Jahrzehnten primär auf Propaganda gesetzt."
    foto: christian fischer fotografie

    Der Journalist und Dokumentarfilmer Bert Ehgartner kritisiert vor allem die intransparente Informationspolitik: "Statt Risiken objektiv zu erfassen, wurde in den vergangenen Jahrzehnten primär auf Propaganda gesetzt."

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