Ein Leben zwischen Physik und Politik

Porträt24. April 2015, 08:00
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Die Wienerin war nicht nur eine der bedeutendsten Physikerinnen Österreichs, sondern auch eine der ersten

Vor wenigen Jahren sind am Physikalischen Institut der Universität Wien alle Hörsäle nach bedeutenden Physikern benannt worden. Ludwig Boltzmann, Erwin Schrödinger und Ernst Mach wurden etwa in diesem Rahmen bedacht. Doch der größte Hörsaal ist nach einer Frau benannt: Lise Meitner. Damit wird nicht nur die erfolgreichste ehemalige Studentin des Instituts geehrt, sondern auch eine der ersten Frauen, die in Wien Physik studiert haben.

Die 1878 Geborene inskribierte nach Privatunterricht und Externistenmatura 1901 an der Uni Wien - ein Jahr nachdem das Studium für Frauen dort geöffnet worden war. Selbst nach Abschluss ihrer Dissertation 1906 zweifelte Meitner daran, ob sie fähig sein würde, Wissenschafterin zu werden. Bezahlte Stellen an der Universität sind knapp und die Aussichten darauf denkbar schlecht. Als sie den deutschen Physiker Max Planck, Mitbegründer der Quantenphysik, bei einem Wien-Aufenthalt 1907 kennenlernt, beschließt sie kurzerhand, nach Berlin zu ziehen, um dort seine Vorlesungen zu hören.

"Ich habe ein sehr starkes Zugehörigkeitsgefühl an mein Haus und werde bestimmt niemals, wo immer anders ich sein mag, über ein Gefühl des Fremdseins hinauskommen. Trotzdem aber weiß ich genau, dass mein Fortgehen von zu Hause eine Rettung für mich war, dass ich, wenn ich hier geblieben wäre, mindestens innerlich zugrunde gegangen wäre", wird Meitner von Lore Sexl und Anne Hardy in deren Meitner-Biografie zitiert. Aus dem für wenige Semester geplanten Aufenthalt werden dreißig Jahre. In der damals pulsierenden Weltstadt der Physik lernte sie nicht nur bedeutende Physiker wie Albert Einstein kennen, sondern auch ihren langjährigen wissenschaftlichen Partner, den Radiochemiker Otto Hahn.

Flucht vor den Nazis

Die Kombination seiner guten chemischen Intuition und ihres tiefen physikalischen Verständnisses führten zu einigen wichtigen Entdeckungen, die bedeutungsvollste darunter: die Kernspaltung. Kurz bevor die entscheidenden Experimente gelangen, musste Meitner aufgrund ihres jüdischen Hintergrunds 1938 aus Berlin flüchten. Obwohl sie wichtige Vorarbeiten und die ersten theoretischen Erklärungen lieferte, wurde nur Hahn mit dem Nobelpreis bedacht.

Im schwedischen Exil wird sie nie richtig glücklich, den intensiven Austausch mit Kollegen vermisst sie sehr. Während sie im Ersten Weltkrieg noch eine gewisse Kriegsbegeisterung gezeigt hatte - sie meldete sich etwa 1915 als freiwillige Helferin an der österreichischen Front, und auch für die Arbeit an chemischen Kampfgasen ihrer Kollegen zeigte sie Verständnis -, beobachtete sie den Zweiten Weltkrieg mit großer Besorgnis. Trotz der Tatsache, dass ihre Arbeiten über die Kernspaltung zur Entwicklung der Atombombe führten, wollte sie von einer persönlichen Mitverantwortung nichts wissen.

Vier Jahre vor ihrem Tod zog sie als 85-Jährige Bilanz: "Dass das Leben nicht immer einfach war, dafür sorgten der Erste und Zweite Weltkrieg. Aber für die Tatsache, dass es wirklich ausgefüllt war, habe ich der wunderbaren Entwicklung der Physik und den großen, liebenswürdigen Persönlichkeiten zu danken, mit denen ich in Berührung kam." (Tanja Traxler, DER STANDARD, 24.4.2015)

  • Lise Meitners Arbeiten  führten zur Entdeckung der Kernspaltung.
    foto: picturedesk.com / science photo library

    Lise Meitners Arbeiten führten zur Entdeckung der Kernspaltung.

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